Lepra-Erreger aus dem Donauraum erstmals im Europa des 5. Jahrhunderts nachgewiesen
Ein Mann, der im 5. Jahrhundert an der Nordseeküste bestattet wurde, stammte ursprünglich aus dem Donauraum und trug einen in Europa bislang unbekannten Lepra-Erreger in sich. Das zeigen genetische Analysen an einem Grab aus Fallward im heutigen Landkreis Cuxhaven. Die Ergebnisse machen einen einzelnen Menschen sichtbar – und zugleich eine Zeit, in der Menschen, Waren, Armeen und Krankheitserreger über erstaunliche Entfernungen unterwegs waren.
Damals geriet Europa politisch kräftig in Bewegung: Westgoten und Vandalen zogen nach Italien, Hunnen unternahmen Kriegszüge durch Westeuropa, und Franken breiteten sich nach Süden aus. In dieses unruhige Umfeld führt die Untersuchung eines internationalen Forschungsteams unter Leitung von Daniel Anton Myburgh. Beteiligt waren Daniel Anton Myburgh, Nicolas Antonio da Silva, Joanna H. Romeyer-Dherbey, Silke Grefen-Peters, Hauke Jöns, Christina Peek, Almut Nebel und Ben Krause-Kyora.
Ein Grab im feuchten Boden
Das Gräberfeld von Fallward wurde bereits in den 1990er-Jahren archäologisch untersucht. Der feuchte Boden erwies sich dabei als Glücksfall für die Forschung: Hölzerne und textile Grabbeigaben blieben vollständig erhalten. Die Funde werden derzeit erstmals umfassend im Rahmen eines von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekts am Niedersächsischen Institut für historische Küstenforschung (NIhK) in Wilhelmshaven ausgewertet.
Im Mittelpunkt stehen Fundblöcke, die bei der Ausgrabung im Block geborgen und anschließend tiefgefroren gelagert wurden. Unter Laborbedingungen untersuchen die Forschenden diese Stücke nun genauer. Für eine Studie erhielt die Arbeitsgruppe für Alte DNA am Institut für Klinische Molekularbiologie der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Knochenproben von elf Individuen. Gesucht wurde nach genetischen Verwandtschaften und Hinweisen auf Krankheitserreger.
Von drei Personen lagen genügend Daten für populationsgenetische Analysen vor. Besonders auffällig waren die Ergebnisse eines Mannes, der in einem Boot beigesetzt worden war. Neben ihm lagen zahlreiche Gegenstände aus Holz, Keramik und Metall. Zu den Beigaben gehörten ein kunstvoll verzierter, aus einem Erlenstamm geschnitzter Stuhl und ein spätrömischer beziehungsweise spätantiker römischer Militärgürtel. Schon die Ausstattung deutete auf weitreichende Verbindungen des Verstorbenen hin.
Ein seltener Erreger, erstmals in Europa
Die genetischen Untersuchungen bestätigten, was die Grabbeigaben angedeutet hatten: Der Mann stammte aus der Donau-Region. Außerdem war er mit einer sehr seltenen Lepraform infiziert. Der dazugehörige Erreger wurde erstmals in Europa nachgewiesen und war bislang weder in Mittel- noch in Nordeuropa bekannt.
Der Erreger gehört zu einer Gruppe, deren ältester bisher bekannter Vertreter aus Ägypten stammt und in die Zeit zwischen dem 4. und 2. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Lepra ist eine chronische Erkrankung; deutliche Symptome können sich erst nach Jahren entwickeln. Beim Mann fanden sich keine Knochenschäden. Möglich ist daher, dass er eine symptomlose Form hatte oder die Infektion zunächst nur Weichteilgewebe betroffen hatte. Trotz der Erkrankung könnte er weite Strecken zurückgelegt haben.
Das Bild, das sich daraus ergibt, ist ziemlich klar und bleibt doch lückenhaft: Ein Mann wurde an der Nordseeküste bestattet, seine Wurzeln lagen aber im Donauraum. Er hatte Verbindungen nach Südosteuropa und in den Mittelmeerraum und könnte längere Zeit in diesen Regionen gelebt haben. Vielleicht diente er als Söldner im römischen Heer und ließ sich später zwischen Elbe und Weser nieder. Vielleicht war er ein weit gereister Händler. Seine genaue Herkunft und Biografie bleiben ungeklärt.
Die Studie „Paleogenomics reveals leprosy at the late antique burial site of Fallward in northern Germany“ erschien 2026 in iScience, Band 29, Ausgabe 11, als Artikel 17877. Sie zeigt an einem einzigen Grab, wie individuelle Mobilität und die Verbreitung von Krankheitserregern über große Entfernungen miteinander verbunden waren.
Fallward im größeren Bewegungsbild
Der Fall passt zu einem breiteren Muster, das ein internationales Team unter Leitung von Stanford Medicine und mit Co-Leitung von Ron Pinhasi von der Universität Wien beschrieben hat. Die in eLife veröffentlichte Studie untersuchte genetisches Material antiker Skelette – vom Ende der Eisenzeit vor etwa 3.000 Jahren bis zum Mittelalter und geografisch über das gesamte Römische Reich hinweg.
Mindestens 8 Prozent der untersuchten Personen stammten ursprünglich nicht aus dem Gebiet, in dem sie bestattet wurden – also nicht aus Europa, Afrika oder Asien, in dem ihre Gräber lagen. Für die Analyse werteten die Forschenden vorhandene DNA-Daten von Tausenden Skeletten aus dem Römischen Reich sowie aus Mittel- und Osteuropa, Zentralasien, Großbritannien, Nordeuropa und Nordafrika aus. Zusätzlich sequenzierten sie 204 neue Genome aus 53 archäologischen Fundstätten in 18 Ländern.
Die meisten untersuchten Menschen starben während der Kaiserzeit und der Spätantike, vom 1. bis zum 7. Jahrhundert. Handelswege, wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit sowie gemeinsame militärische Unternehmungen verstärkten die Verbindungen. Die Ausdehnung des Römischen Reiches brachte außerdem umfangreiche Truppenbewegungen, Handel, Arbeit, Sklaverei und Zwangsumsiedlungen mit sich. Mit der Expansion nahm die Mobilität über ganze Kontinente hinweg zu.
In den genetischen Daten spiegeln sich diese Wege deutlich. In den meisten Regionen des Römischen Reiches wurden Skelette mit unterschiedlicher genetischer Herkunft gefunden. Besonders vielfältig waren die Bevölkerungen auf Sardinien, dem Balkan und in Teilen Mittel- und Westeuropas. Das von Bergen umgebene armenische Hochland war dagegen vergleichsweise isoliert und genetisch am wenigsten vielfältig.
Menschen, deren genetische Herkunft nicht zum Fundort passte, waren vermutlich selbst gereist oder stammten von jüngeren Vorfahren ab, die migriert waren. Die in Großbritannien und Irland bestatteten Personen kamen wahrscheinlich überwiegend aus Nord- oder Mitteleuropa, deutlich seltener aus Südwesteuropa oder Nordafrika. Ron Pinhasi zufolge könnten manche Menschen dieser Zeit zu den ersten gehört haben, die einen gesamten Kontinent bereisten.
Das wirft allerdings eine offene Frage auf: Wenn die Mobilität dauerhaft so hoch war, müssten regionale genetische Unterschiede eigentlich allmählich verschwunden sein. Bevölkerungen in Ost- und Westeuropa sowie in Nordafrika unterscheiden sich genetisch jedoch bis heute. Die Forschenden vermuten deshalb, dass die Mobilität nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches stark zurückging. Dafür gibt es bislang nicht genügend Daten; weitere Studien sollen diese Vermutung prüfen.
Im Fall von Fallward bleibt am Ende kein lückenloser Lebenslauf, sondern ein Mann im Boot, ein Erlenstuhl, ein Militärgürtel und eine Spur, die von der Nordseeküste bis an die Donau und weiter in den Mittelmeerraum reicht. Mehr weiß man nicht. Aber selbst das ist schon erstaunlich viel.
