KILA und DDB: Wie Hildesheim Informationszugang und digitales Kulturerbe neu ordnet
Heute, am 27. Oktober 2026, bekommt Forschung an der Universität Hildesheim deutlich mehr Raum: Das Niedersächsische Ministerium für Wissenschaft und Kultur fördert das „Knowledge Lab Information Literacy and Accessibility“, kurz KILA, von 2026 bis 2031 mit rund fünf Millionen Euro. Gebündelt werden dort Arbeiten zu Informationskompetenz und Zugänglichkeit.
Im Mittelpunkt steht eine ziemlich alltägliche, aber gar nicht so einfache Frage: Wie finden, verstehen und beurteilen Menschen Informationen, wenn ihre Voraussetzungen unterschiedlich sind? Zugleich untersucht KILA, wie Informationsangebote gestaltet werden müssen, damit sie erreichbar und verständlich bleiben.
Information für eine vielfältige Gesellschaft
Die zunehmende Verbreitung künstlicher Intelligenz und die Vielfalt der Gesellschaft geben dem Vorhaben zusätzlichen Rückenwind. Verständliche Information gilt dabei als Voraussetzung gesellschaftlicher Teilhabe. Ohne Zugang bleibt selbst das beste Wissen irgendwo hinter einer digitalen Schranke hängen.
Mit der Förderung sollen technische Infrastruktur und gemeinsame Forschungsräume entstehen. Außerdem sind drei Professuren vorgesehen: für multimodale Kommunikation, Informationswissenschaft und Sprachverarbeitung. KILA soll die fachübergreifende Zusammenarbeit innerhalb der Universität Hildesheim ebenso stärken wie den Austausch mit Partnern außerhalb der Hochschule.
Wie sich solche Fragen an konkreten historischen Beständen bearbeiten lassen, zeigt ein Vortrag von Mauricio Matus. Er stellt sein Doktorandenprojekt zur computergestützten Analyse und dokumentarischen Erschließung des Fotoarchivs des deutschen Fotografen Robert Gerstmann (1896–1964) vor.
28.252 Bilder, drei Jahrzehnte, vier Länder
Gerstmanns Archiv umfasst 28.252 Fotografien im 35-mm-Format, verteilt auf 1.077 Filmrollen. Die Aufnahmen entstanden über einen Zeitraum von drei Jahrzehnten und dokumentieren Regionen und Kulturen in Chile, Bolivien, Deutschland und Kolumbien. Eine Menge Material also – und jedes Bild kann eine eigene kleine Sucharbeit aufmachen.
Die Forschung ist in zwei Phasen gegliedert. Zunächst geht es um Metadatenanreicherung, und zwar auf zwei Ebenen: beim einzelnen Bild sowie bei thematischen und narrativen Gruppierungen. Traditionelle Archivmethoden werden dafür mit computergestützten Verfahren verbunden.
Zum Einsatz kommen Computer-Vision-Modelle, semantische Segmentierung und multimodale KI-Systeme. Erste Experimente mit Vision-Language-Modellen prüfen, ob sich historische Bilder zeitlich einordnen, geografische Räume rekonstruieren und Bildinhalte semantisch interpretieren lassen. Die Versuche zeigen allerdings auch methodische Herausforderungen. Ganz so glatt, wie es manche KI-Demo verspricht, läuft die Sache offenbar nicht.
In der zweiten Phase soll der Bestand kritisch wiedereingegliedert werden. Das Archiv wird aus unterschiedlichen analytischen und ästhetischen Perspektiven betrachtet, wiederkehrende geografische, soziale und narrative Muster werden kartiert. Dahinter steht die Frage, wie Gerstmanns visuelle Strategien als historisch situierte Form der Repräsentation zu verstehen sind.
Der mehrskalige Ansatz soll zu Forschungsansätzen in der computergestützten Archivwissenschaft beitragen und helfen, fotografisches Kulturerbe zu bewahren. Die Präsentation beginnt mit den ersten fünf Minuten des Dokumentarfilms The Last Photograph of Robert Gerstmann. Danach folgt ein Überblick über den aktuellen Stand der Doktorarbeit.
Vom Fotoarchiv zur öffentlichen Dateninfrastruktur
Der größere Rahmen führt zur Deutschen Digitalen Bibliothek, kurz DDB. Ihr Deutsches Zeitungsportal macht historische Zeitungen aus vier Jahrhunderten per Volltextsuche frei zugänglich. Das ist nicht bloß praktisch für die nächste Seminararbeit: Digitale Informationen werden immer häufiger über Suchmaschinen, Plattformen und generative KI-Systeme genutzt. Damit gewinnen Herkunft, Überprüfbarkeit und Zugangsbedingungen kultureller Daten an Gewicht.
KI-Systeme brauchen strukturierte, maschinenlesbare und zugängliche Datenbestände. Die DDB stellt dafür eine öffentlich verantwortete Referenzinfrastruktur bereit. Getragen wird sie gemeinsam von Bund und Ländern; vernetzt werden Bestände aus Archiven, Bibliotheken, Museen, Mediatheken und Einrichtungen der Denkmalpflege.
Das Angebot richtet sich an Bürgerinnen und Bürger, Forschung, Bildung und Journalismus – zunehmend aber auch an maschinelle Systeme. Derzeit umfasst die DDB rund 65 Millionen Objektnachweise, etwa 22 Millionen davon mit Digitalisat. Mehr als 800 Einrichtungen aus ganz Deutschland liefern Daten, und die Zahl steigt.
Gegründet wurde die DDB 2009 von Bund, Ländern und Kommunen als deutscher Beitrag zur europäischen Initiative Europeana. Heute ist sie Europeana’s größter Datenlieferant und hat 6,6 Millionen digitale Kulturobjekte geteilt. Grundlage ist ein Verwaltungs- und Finanzabkommen von Bund und Ländern zur dauerhaften Vernetzung und Zugänglichmachung digitalisierten Kulturerbes.
Standards, Schnittstellen – und knappes Geld
Die Arbeit ist verteilt: Die Geschäftsstelle sitzt bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die Servicestelle bei der Deutschen Nationalbibliothek, der technische Betrieb beim FIZ Karlsruhe. Dazu kommen fünf spartenspezifische Fachstellen für die Kulturerbe-Communities.
Die DDB entwickelt und etabliert Metadatenstandards, Schnittstellenformate, Verfahren zur Rechtekennzeichnung und Empfehlungen für strukturierte Digitalisierungsprozesse. So sollen Projekte interoperabel bleiben, statt als voneinander getrennte Insellösungen nebeneinanderherzulaufen. Gerade kleinere und mittlere Einrichtungen können dadurch ihre Bestände nachhaltig digital sichtbar machen.
Im Umfeld der DDB entstanden unter anderem das Archivportal-D als bundesweiter Archivkatalog, das Deutsche Zeitungsportal, ein Portal für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten sowie ein Portal zur Wiedergutmachung nationalsozialistischen Unrechts. Dort sind Aktenbestände aus Wiedergutmachungsverfahren nach 1945 digital recherchierbar.
Über Datenschnittstellen können Forschungs- und Bildungseinrichtungen auf relevante Teilbestände zugreifen und eigene Anwendungen entwickeln. Auf europäischer Ebene wird trotzdem gestritten, ob kulturelle Referenzdaten in öffentlich verantworteten Infrastrukturen bleiben oder proprietären Plattformen überlassen werden. Die EU reagiert unter anderem mit dem AI Act und europäischen Datenräumen, darunter dem „Common European Data Space for Cultural Heritage“.
Die DDB verbindet deutsche Bestände mit Europeana und anderen europäischen Strukturen und bindet sie standardisiert in den europäischen Datenraum ein. Ein Zukunftskonzept soll sie als datenzentrierte Infrastruktur stärken, Automatisierung ermöglichen, Prozesse beschleunigen und die Datenqualität erhöhen.
Der Haken liegt, wie so oft, beim Geld: Das Budget wurde 2026 um 20 Prozent gekürzt und beträgt in diesem Jahr noch 3,6 Millionen Euro. Langfristig sollen die Regelfinanzierung gesichert und Kooperationen sowie Drittmittel für innovative Projekte ausgebaut werden. Über Portale und Schnittstellen liefert die DDB weiterhin qualitätsgesicherte Daten für Forschung, Bildung und neue Anwendungen – auch wenn der Spielraum dafür enger geworden ist.
Der freie Zugang zu Kulturerbedaten wird deshalb zunehmend als öffentliche Daseinsvorsorge im digitalen Raum eingeordnet. Der dazugehörige Beitrag erschien zuerst in „Politik & Kultur“ 9–10/2026. Und während in Hildesheim an Bildern, Sprache und Zugänglichkeit gearbeitet wird, entscheidet sich an solchen Infrastrukturen ganz praktisch, welche Geschichten später auffindbar sind – und welche vielleicht im digitalen Dunkel bleiben.
