Die Diskussion um Glücksspielwerbung im Fußball gewinnt zunehmend an Fahrt, insbesondere im Hinblick auf die anstehende UEFA-Europameisterschaft 2024. Die Forschungsstelle Glücksspiel der Universität Hohenheim hat alarmierende Ergebnisse veröffentlicht, die die enorme Präsenz von Werbung für Sportwetten während der letzten Fußball-Events aufzeigen. Diese massive Werbung findet sowohl in den TV-Übertragungen als auch in sozialen Medien statt und ist oft nur schwer als solche zu erkennen. Ein Blick auf die EM 2024 zeigt: In nur 11 Spielen wurden über 5.900 Hinweise auf Glücksspielwerbung erfasst, was bedeutet, dass durchschnittlich alle zwei Minuten Werbung zu sehen war. Laut der Analyse war die Werbung in insgesamt 195 Minuten präsent, was 7,4% der gesamten Übertragungsdauer ausmacht. Die Zahl stellt nicht nur ein beunruhigendes Beispiel für die Normalisierung des Glücksspiels dar, sondern verstärkt vor allem die Risiken für junge Menschen und andere vulnerablen Gruppen.
Doch was sagen die Zahlen in der Bundesliga? An einem einzigen Spieltag wurden ganze 18.708 Werbeinhalte dokumentiert, wobei 15.089 dieser Inhalte in Live-Übertragungen zu sehen waren. Diese Werbung war fast 500 Minuten sichtbar und machte ein Drittel der Sendezeit aus. Besonders auffällig ist, dass 72% der Inhalte von Sportwettenanbietern stammten und 84% aller Anzeigen Logos waren. Darüber hinaus wurden auf sozialen Medien 223 Beiträge veröffentlicht, die über 10 Millionen Nutzer:innen erreichten. Hierbei ist zu beachten, dass Alters- und Warnhinweise in TV-Übertragungen kaum vorhanden waren (weniger als 4%), während in sozialen Medien die meisten Werbebotschaften diese Hinweise enthielten. Untersuchungen zeigen, dass Content Marketing die Grenzen zwischen Information, Unterhaltung und Werbung verwischt, was für Kinder und Jugendliche problematisch sein könnte.
Forderungen nach strikteren Regulierungen
Die Studienautor:innen der Forschungsstelle bringen eindringlich den Wunsch nach strengeren Regeln für Glücksspielwerbung im Sport zum Ausdruck. Dazu gehören Kennzeichnungspflichten und technische Altersbarrieren, um diese Werbung sicherer zu gestalten. Die Herausforderungen sind jedoch vielfältig, insbesondere wenn man den Sponsoringteilnehmer Betano betrachtet, der als erster Sportwettenanbieter Sponsor der UEFA EURO 2024 agiert. Die damit einhergehenden Werbekampagnen, unter anderem mit dem Slogan von Interwetten, erzeugen eine „Kontrollillusion“ die besonders junge Fußballfans zum Glücksspiel verleiten könnte.
Zusätzlich weist der Bundesdrogenbeauftragte Burkhard Blienert auf die alarmierenden Zahlen hin: In Deutschland leidet etwa 1,3 Millionen Menschen an Glücksspielsucht, wobei viele unter den Sportwettern zu finden sind. Kritiker monieren, dass die UEFA und die Veranstalter nicht ausreichend auf den Schutz vor problematischem Glücksspiel und den damit verbundenen Suchtgefahren reagieren. Stattdessen bleibt eine klare Aufklärungskampagne über die Risiken und Gefahren von Glücksspielen aus, was die Bedenken seitens von Fan-Organisationen und Experten weiter verstärkt.
Eine gespaltene Landschaft der Glücksspielwerbung
Ein Blick auf andere Werbeinitiativen zeigt, dass Glücksspiele in nahezu allen Medien vertreten sind – von Zeitungen über TV bis hin zu Internet-Plattformen. Alleine im Jahr 2020 gaben Glücksspiel-Anbieter rekordverdächtige 895 Millionen Euro für Werbung aus, was einem Zuwachs von 24% gegenüber dem Vorjahr entspricht. Hierbei war ein erheblicher Teil für illegale Online-Casinos vorgesehen. Trotz des Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV 2021), der Werbung mit Schutzmaßnahmen und Informationen optimieren sollte, bleibt die Sorge um die Zielsetzungen des Jugend- und Spielerschutzes bestehen.
Wie wird sich die Landschaft der Glücksspielwerbung im Fußball entwickeln? Die kommenden Monate und die anstehende EURO 2024 werden zeigen, ob die Forderungen nach besserer Regulierung und mehr Verantwortung für den Schutz der Zuschauer tatsächlich Gehör finden. Experten warnen eindringlich, dass es ohne angemessene Maßnahmen zu einer weiteren Normalisierung von Glücksspiel im Sport kommen könnte, was insbesondere junge Menschen in den Fokus nehmen könnte.