Bärbel Bas tritt zurück: Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder sieht Chance für SPD und Koalition
Uni Kassel, 13.10.2026 – Bärbel Bas hat mit sofortiger Wirkung den SPD-Parteivorsitz und ihr Amt als Bundesministerin für Arbeit und Soziales niedergelegt. Ihren Rücktritt begründete sie mit dem Tod ihrer Stieftochter und dem daraus entstandenen Bedarf nach Zeit für die Trauer. Außerdem verwies sie auf öffentliche Angriffe, darunter Kritik aus den Reihen des Koalitionspartners CDU/CSU. Derzeit habe sie nicht die Kraft, ihre Regierungs- und Parteiarbeit vollständig auszuüben.
Bundestagsabgeordnete für Duisburg will Bas bleiben. Ihre Arbeit im Bundestag und die Vertretung ihres Duisburger Wahlkreises will sie fortsetzen. Den Beschäftigten des Arbeitsministeriums müsse nun eine starke Leitung zur Seite stehen, die anstehende Gesetze und Reformen vorantreibe, erklärte sie. Bas dankte den Mitarbeitenden des Ministeriums, der SPD, Lars Klingbeil und Matthias Miersch sowie Partei und Fraktion für die Zusammenarbeit.
Ein Rücktritt, der Wolfgang Schroeder nicht ganz überrascht
Politikwissenschaftler Wolfgang Schroeder hatte mit Bas’ Rücktritt gerechnet – der konkrete Zeitpunkt kam für ihn allerdings überraschend. Aus seiner Sicht ist die Trauer um die Stieftochter der unmittelbare Anlass, daneben gebe es politische Gründe. Bas sei ihrer Aufgabe nicht gewachsen gewesen und habe von Beginn an mit dem Amt „gefremdelt“. Sie habe nicht den Eindruck vermittelt, diese Position unbedingt gestalten zu wollen.
Ihre Auswahl habe ein politisches Konzept verkörpert: eine authentische, bodenständige Vertreterin aus Nordrhein-Westfalen und der SPD-Basis. Bas selbst habe sich nach Schroeders Einschätzung nicht aktiv um das Amt bemüht. Er beschreibt sie als solide und rechtschaffene Sozialdemokratin, die nicht zwingend in der ersten politischen Reihe stehen wolle. Häufig habe sie zurückhaltend agiert und sei spät in politische Prozesse eingestiegen. Pflichtbewusstsein gepaart mit fehlendem eigenem Gestaltungswillen – für ein Spitzenamt sei das ein ungewöhnliches Modell.
Schroeder hält Bas für eine angenehme Persönlichkeit mit klaren sozialdemokratischen Positionen. Für das harte politische Geschäft und die aktuelle politische Lage sei sie aber ungeeignet gewesen. Ihre politische Zurückhaltung bekam dabei zusätzlichen Druck von außen: Die CDU habe Bas zum Feindbild gemacht. In der Merz-CDU sei sie zum Symbol für das aus Sicht der Union mangelnde Durchsetzen von „CDU pur“ in der Koalition geworden.
Angriffe aus der Union und die offene Baustelle Reformen
Unionspolitiker warfen Bas zuletzt vor, Gesetzentwürfe zu geplanten Reformen, unter anderem zur Rente, nicht schnell genug vorzulegen. Unionsfraktionschef Stettner forderte Bundeskanzler Friedrich Merz sogar auf, Bas zu entlassen und eine Minderheitsregierung zu bilden. SPD-Co-Chef Lars Klingbeil nannte die Angriffe während Bas’ Trauer „unanständig“. SPD-Fraktionschef Matthias Miersch sagte, Bas habe Haltung gezeigt, ihre Kräfte seien jedoch begrenzt.
Die Doppelrolle aus Parteivorsitz und Ministeramt sieht Schroeder nicht grundsätzlich als Problem. Der Parteivorsitz solle die großen politischen Linien und Schritte vertreten, während das Tagesgeschäft eher in den Aufgabenbereich des Generalsekretärs falle. Aus dem Willy-Brandt-Haus gebe es allerdings die Klage, Parteivorsitzende seien zu wenig präsent.
Bas musste laut Schroeder eine besonders schwierige politische Situation bewältigen. Trotzdem könne ihr Rücktritt eine Chance für die SPD und die gesamte Koalition sein. Zeitgleich beriet die Union in Berlin über den weiteren Verlauf der Reformen, den Umgang mit der AfD sowie das inhaltliche Profil der Union – und damit auch über die politische Rolle von Friedrich Merz.
Schroeder hält es für möglich, dass die CDU aus den Landtagswahlen den Schluss zieht, ihr Konzept einer strikt profilierten „CDU pur“ sei gescheitert. Die Union müsse möglicherweise wieder stärker an die Merkel-CDU anknüpfen und sozialen Ausgleich betonen. Andernfalls drohe ihr eine Entwicklung zur „FDP 2.0“ – mit einem ähnlichen politischen Schicksal wie der FDP.
Schweitzer soll übernehmen
Alexander Schweitzer könne die Rolle nach Schroeders Einschätzung besser ausfüllen. Er war bereits Arbeitsminister und Ministerpräsident, steht für sozialen Ausgleich und soll nun neuer Bundesarbeitsminister werden. Seine Berufung biete der SPD eine Chance, die sie nutzen müsse. Für das Amt brauche es jemanden, der Reformen in der Sozial- und Arbeitsmarktpolitik moderieren, gestalten und erfolgreich abschließen könne. Schroeder hält Schweitzer dafür für eine gute Lösung.
Bas selbst war seit Mai 2025 Bundesministerin für Arbeit und Soziales. Im Juni 2025 übernahm sie gemeinsam mit Lars Klingbeil den SPD-Co-Vorsitz. Das SPD-Präsidium einigte sich laut Klingbeil darauf, die gesamte Parteiführung auf einem Parteitag zum Jahreswechsel neu zu wählen.
Thüringens SPD-Chef Georg Maier respektierte Bas’ Entscheidung und verwies auf ihre Arbeit an Projekten wie der Sicherung des Rentenniveaus sowie der Bürgergeld- und Rentenreform. Sachsens SPD-Vorsitzende Kathrin Michel äußerte Verständnis und dankte Bas für ihren Einsatz. Bundeskanzler Friedrich Merz zollte ihr Respekt, dankte für die Zusammenarbeit und wünschte ihr und ihrer Familie Kraft.
Parität bleibt wichtig – aber nicht als starres Schema
Dass mit Bas eine Frau aus dem Kabinett und der Parteiführung ausscheidet, wirft auch die Frage nach der geringeren Zahl von Frauen im Kabinett auf. Parität müsse für die SPD weiterhin eine wichtige Rolle spielen, sagt Schroeder. Die Partei müsse Frauen für politisches Engagement gewinnen und halten.
In der aktuellen Lage solle das verfügbare Personal allerdings nach Eignung und Funktionsfähigkeit ausgewählt werden. Eine rein schematische Besetzung nach politischen Vorgaben sei nicht sinnvoll. Bas sei eine authentische Stimme der sozialdemokratischen Mitte gewesen, mit einem klaren Schwerpunkt auf Gerechtigkeit und sozialem Ausgleich. Ihre Positionen hätten sich möglicherweise stärker entfalten können, wenn sie nicht durch ihre familiäre Situation und den politischen Widerstand aus der Union belastet gewesen wäre.
Entscheidend sei letztlich, ob jemand ein solches Amt wirklich ausfüllen wolle oder die Konsequenzen ziehe. Bärbel Bas zieht sie nun – und bleibt Duisburger Bundestagsabgeordnete. Wolfgang Schroeder ist 66 Jahre alt, Professor für das politische System der Bundesrepublik Deutschland an der Universität Kassel und gehörte bis 2024 der Grundwertekommission der SPD an.
