Randfilmfest 13: Horror, politische Grenzgänge und seltene 16-Millimeter-Kopien in Kassel
In Kassel beginnt heute, am 24. September 2026, die 13. Ausgabe des Randfilmfests. Das international bekannte Festival versammelt Filme, die sich nicht brav in Sehgewohnheiten einordnen lassen: wild, rau und transgressiv, wie Festivalleiter Volker Beller die Auswahl beschreibt. Vorbilder finden sich häufig im Kino der 1970er- und 1980er-Jahre.
Ein bestimmtes Genre steht dabei nicht im Mittelpunkt. Eher eine aufbegehrende Haltung – gegen das Erwartbare, gegen glatte Bilder, gegen das bequeme Wegschauen. Die Filme gelten nicht selten als provokant und politisch inkorrekt, greifen laut Beller aber oft sehr aktuelle Themen auf. Der diesjährige Schwerpunkt liegt anlässlich der 13. Ausgabe auf Horrorfilmen. Gemeinsam zu gruseln, sagt Beller, könne auch ein Anlass sein, über politische und gesellschaftliche Zustände zu sprechen.
Vampirschwestern und ein Film ohne Erbarmen
Rund 120 Spielfilme aus aller Welt wurden heuer eingereicht, 19 davon laufen bis Sonntag. Spielorte sind die Bali-Kinos, das Kiezkino im Film-Shop und die Kubatur. Dazu kommen zahlreiche Kurzfilme, Workshops, Performances und Diskussionsrunden.
Eröffnet wird das Festival mit dem 56-minütigen spanischen Film Silencio von Eduardo Casanova. Im Zentrum stehen ein Zirkel von Vampirschwestern und die HIV-Krise der 1980er-Jahre; die Handlung ist vor dem Hintergrund der Franco-Diktatur angesiedelt. Kein Stoff für nebenbei, eher einer, bei dem man danach noch eine Weile im Sessel sitzen bleibt.
Am Freitag, 25. September 2026, folgt um 22:30 Uhr im KiezKino im Film-Shop Begotten aus den USA. Der Film von 1989 wird im Rahmen des Randfilmfests 13 auf 16-Millimeter-Film gezeigt. Von dem Werk existieren laut Beller nur drei Kopien, eine davon wird im Kiezkino vorgeführt.
Die Angaben des Film-Shops ergänzen: Begotten dauert 78 Minuten, ist ohne Dialog und wurde von E. Elias Merhige inszeniert. Zu sehen sind unter anderem Brian Salzberg und Donna Dempsey. In kontrastreichem Schwarz-Weiß zeigt der Film das blutige Sterben Gottes und die Geburt der Mutter Erde. Das raue, stark bearbeitete 16-mm-Material kommt ohne gesprochenes Wort aus – viel flackernde Oberfläche, kein erklärender Halt.
Der Eintritt kostet 10 Euro, ermäßigt 8 Euro. Der reguläre KiezKino-Kinotagspreis von 5 Euro gilt beim Randfilmfest nicht. Ermäßigungen gibt es für Schülerinnen, Studierende bis einschließlich 35 Jahre, Menschen im Freiwilligendienst, Empfängerinnen von Sozialleistungen, Inhaberinnen einer Teilhabecard, Rentnerinnen und Menschen mit Behinderung. Eine Begleitperson hat freien Eintritt, wenn die begleitete Person einen Schwerbehindertenausweis mit Merkzeichen „B“ oder eine stark eingeschränkte Mobilität nachweist.
Reserviert werden kann über den angegebenen Reservierungslink per E-Mail oder mit Ticketanzahl und Namen an tickets[ädd]film-shop.org. Telefonisch ist eine Reservierung während der Öffnungszeiten unter 0561 17538 möglich. Die reservierten Karten müssen mindestens 30 Minuten vor Beginn abgeholt werden, sonst gehen sie an die Abendkasse.
Abseits der Streaminglogik
Literatur- und Medienwissenschaftlerin Stefanie Kreuzer von der Universität Kassel bezeichnet das Randfilmfest gemeinsam mit dem Kasseler DokFest als wichtigen Beitrag zur Kulturszene. Gezeigt werden ältere und aktuelle Filme außerhalb kommerzieller Streaming-Plattformen und jenseits verbreiteter Sehgewohnheiten. Unter den Nominierten für den Festivalpreis Rand-Award findet sich keine deutsche Produktion. Im Wettbewerb sind unter anderem Werke aus Japan, den USA, Italien und Indonesien. Am Sonntag wird der Rand-Award zum Abschluss verliehen.
Hinter dem Festival steht der Verein Randfilm, der sich der Förderung der Kinokultur widmet. Er betreibt den Film-Shop in der Kasseler Nordstadt, der nach eigenen Angaben die älteste Videothek der Welt ist. Im Archiv lagern laut Verein mehr als 20.000 Filme – ein Bestand, der sich nicht eben in eine Cloud schieben lässt.
Finanziell bleibt die Sache trotzdem knapp. Gefördert wird das Festival unter anderem von Hessen Film & Medien, dem Kulturamt der Stadt Kassel und mehreren Stiftungen. Laut Beller reicht das begrenzte Budget für die Durchführung. Für deutsche Genreproduktionen gebe es nur wenig Geld, weshalb das Randfilmfest stark international ausgerichtet sei.
Warum 16 Millimeter mehr ist als ein Format
Dass analoge Kopien heute mitunter wie kleine Schätze behandelt werden, zeigt auch ein Blick an die Goethe-Universität Frankfurt. Universitäre Celluloid-Filmsammlungen sind in Deutschland selten. Die dortige 16-mm-Sammlung wurde nach der Institutsgründung 1991 aufgebaut und Schritt für Schritt erweitert. Heute umfasst sie rund 320 Filme aus dem Zeitraum von 1896 bis heute.
Den wichtigsten Grundstock bildet ein Bestand des frühen Kinos von 1895 bis etwa 1918. Fast ausschließlich handelt es sich um Unikate: eigens für die Filmprofessur angefertigte 16-mm-Kopien, die auf restaurierten 35-mm-Farbnegativen des Nederlands Filmmuseum, heute EYE Filminstituut, beruhen. Im regulären Verleih sind diese Kopien schwer oder gar nicht erhältlich und werden nur selten öffentlich gezeigt.
Weitere Kopien stammen unter anderem vom Museum of Modern Art und von Blackhawk Films. Die Sammlung enthält außerdem zahlreiche Experimentalfilme, Klassiker des Autorenkinos sowie Lehr- und Wissenschaftsfilme. Als der Schmalfilmverleih „Atlas-Film“ Ende der 1990er-Jahre aufgelöst wurde, kam ein umfangreicher Bestand an Vorführkopien hinzu. Dadurch entstand ein weiterer Schwerpunkt beim Autorenfilm der 1950er- bis 1980er-Jahre. Einzelne private Schenkungen ergänzen die Bestände.
Im Archiv befinden sich außerdem Filme der mit dem Cornelia Goethe Centrum verbundenen Kinothek Asta Nielsen e. V.; sie stehen der Professur vertraglich zur internen Nutzung zur Verfügung. Erfasst wird die Sammlung über Karteikarten und eine interne Datenbank. Objektgattung: Celluloid-Filme.
In einer Zeit digitaler Filmproduktion und -rezeption dient die Sammlung als Ressource für die Arbeit mit analogem Material – für Forschung und Lehre ebenso wie als Ort praktischer Archivarbeit für Studierende. Besonders relevant ist sie für das Masterprogramm „Filmkultur: Archivierung, Programmierung, Präsentation“. Studierende lernen dort Filmarchivierung und Programmarbeit, arbeiten mit der Sammlung selbst in Lehrveranstaltungen und entwickeln kuratierte Filmprogramme, kooperative Ausstellungen und fachübergreifende Projekte.
So wird das Archiv auch für ein breiteres Publikum geöffnet. Für Seminare und längerfristige Forschungsprojekte kommen zusätzlich Bestände außeruniversitärer Institutionen und Privatpersonen zum Einsatz: Nachlässe, sogenannte „Kellerfunde“ sowie Lehr- und Wissenschaftsfilme. Ihre Erschließung und Erforschung ermöglicht Kooperationen mit externen Partnern.
Zur Fachliteratur rund um die Sammlung gehören Arbeiten über Filmerbe, frühes Kino, Filmarchivierung, Restaurierung und Medienkunst ebenso wie Veröffentlichungen zum Werk und zu den Filmen von Asta Nielsen. Und in Kassel läuft heute Abend der Festivalbetrieb an. Am Freitag flimmert dann Begotten durch eine seltene Kopie – 16 Millimeter, ohne Dialog, 78 Minuten lang.
