75 Jahre Politikwissenschaft an der CAU: Von der Polis zur demokratischen Gegenwart
An der Universität Kiel steht ein rundes Fachjubiläum an: Die Politikwissenschaft ist seit 75 Jahren an der Christian-Albrechts-Universität vertreten. Gefeiert wird am Dienstag, 10. November 2026, um 18:00 Uhr am Christian-Albrechts-Platz 3, Hörsaal 3. Die Festveranstaltung dauert laut Programm von 18 bis 20 Uhr.
Geplant sind ein Rückblick auf die Geschichte der Politikwissenschaft an der CAU, eine Podiumsdiskussion über die zukünftige Rolle des Fachs und anschließend ein Empfang. Zugesagt haben Bildungsministerin Dr. Dorit Stenke, CAU-Präsident Prof. Dr. Michal Kucera und der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Kiel, Dr. Samet Yilmaz.
Ein Jubiläum, mehrere Blickrichtungen
Das Institut belässt es nicht bei einem Abend im Hörsaal. Im Wintersemester 2026/27 gibt es eine Ringvorlesung, in der Referierende aus verschiedenen Disziplinen und Universitäten aktuelle Forschung zu politikwissenschaftlich relevanten Fragen vorstellen. Das Veranstaltungsprogramm ist als PDF verfügbar.
Parallel ist in der Fachbibliothek für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften die Ausstellung „Nachdenken über Politik. Seit 1665 an der CAU. Seit 1951 als eigenes Fach.“ während des gesamten Wintersemesters 2026/27 zu sehen. Sechs Tafeln führen von den ersten Vorlesungen im 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Wer dort ohnehin zwischen Büchern und Bildschirmplätzen unterwegs ist, kann außerdem am Jubiläumsbücherregal stehen bleiben: Es versammelt aktuelle Veröffentlichungen und Qualifikationsschriften der derzeit am Institut tätigen Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftler und gibt Einblick in aktuelle Forschungsthemen.
Eine zweite Ausstellung trägt den Titel „Frieden schaffen ohne Waffen“. Veranstaltet wird sie vom Arbeitsbereich Internationale Beziehungen. Von Montag, 2. November, bis Donnerstag, 12. November 2026, ist sie im Foyer des Audimax zu sehen. Studierende des Fachbereichs und die Servicestelle Friedensbildung Baden-Württemberg befassen sich darin mit Möglichkeiten der Friedensförderung angesichts globaler Konflikte und Sicherheitsrisiken. Die Ergebnisse werden als Posterausstellung präsentiert; ein Einführungsposter ist als PDF verfügbar.
Auch Zitate gehören zum Jubiläumsprogramm. Aussagen von Kieler Politikwissenschaftlerinnen und Politikwissenschaftlern geben Einblicke in aktuelle Forschungserkenntnisse. Daneben werden Politikverständnisse Kieler Wissenschaftler gezeigt, die bereits vor der Gründung des Fachs an der CAU über Politik nachgedacht haben. Online und in der Fachbibliothek für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften sind die Zitate auf einem großen Bildschirm zu sehen. Nach und nach erscheinen sie außerdem auf Instagram unter @fbwiso.bib.team.
Von Wasserläufen, Polis und Macht
Der Blick zurück reicht dabei weit über die Universität hinaus. Politikwissenschaftliche Reflexion entstand dort, wo zentrale politische Instanzen nötig wurden, um gemeinsame Angelegenheiten zu regeln. Frühe Formen gab es in den Flussgesellschaften Chinas, Indiens und Mesopotamiens: Knappe Wasserressourcen mussten koordiniert werden. Zu den frühen politischen Texten zählen die Schriften des Konfuzius (551–479 v. Chr.) und die Gesetzestafel des Hammurabi (1728–1686 v. Chr.). Schon diese frühen Überlegungen enthielten Herrschaftskritik, wenn politische Macht im Partikularinteresse der Herrschenden missbraucht wurde.
In der griechischen Poliswelt des 4. und 3. Jahrhunderts v. Chr. erreichte die politische Reflexion einen prägenden Höhepunkt. Platon und Aristoteles untersuchten systematisch, unter welchen Bedingungen politische Systeme langfristig stabil bleiben. Es ging ihnen um die Voraussetzungen für ein ethisch gutes Leben. Aristoteles verglich politische Systeme im Mittelmeerraum und nahm dabei soziale, ökonomische, ethische und geografische Bedingungen politischer Stabilität in den Blick.
Eine eigenständige Politikwissenschaft entstand daraus zunächst nicht. Politik war in eine umfassende kosmologisch-theologische Weltvorstellung eingebettet, Gemeinwesen galten als auf ein vorgegebenes Ziel, ein „telos“, ausgerichtet: die Verwirklichung des Guten und des Gemeinwohls. Nach Aristoteles wurde das konkrete Gemeinwohl durch die politische Diskussion der Bürger unter Berücksichtigung relevanter Gesichtspunkte bestimmt. Dieses Verfahren bezeichnete er als „Topik“. Der antike Ansatz leitete politische Normen aus der Struktur des Seins ab und trennte Sein und Sollen nicht.
Im katholischen Mittelalter wurde dieser aristotelische, normativ-ontologische Ansatz christlich überformt, besonders durch Thomas von Aquin. Politik galt als Voraussetzung christlicher Lebensführung. An den mittelalterlichen Universitäten blieb sie ein nachrangiger Bestandteil der praktischen Philosophie, der Ethik und teilweise der Ökonomik.
Die Renaissance stellte die politische Wissenschaft auf andere Füße. Niccolò Machiavelli entwickelte im 16. Jahrhundert vor dem Hintergrund politischer Wirren und Religionskriege eine politische Verhaltenslehre. In einer verbreiteten Interpretation trennte er Politik vom Streben nach dem guten Leben. Politik konzentrierte sich nun auf die technische Sicherung staatlicher Stabilität und die Vermeidung von Bürgerkriegen; im Mittelpunkt standen Mechanismen und Verhaltensweisen, mit denen herrschende Eliten ihre Macht sichern. Machiavelli trennte Sein und Sollen.
René Descartes wiederum trennte Subjekt und Objekt. Als einzige unbezweifelbare Gewissheit galt für ihn das Selbstbewusstsein des Subjekts: „Ich denke, also bin ich“. Die soziale, politische und natürliche Umwelt wurde dadurch zu einem getrennten, unsicheren Objektbereich, der präzise erforscht werden sollte. Für Aristoteles war politische Realität trotz ihrer Unsicherheit grundsätzlich wissenschaftlich zugänglich. Für Descartes und idealistische Denker bis Kant galten Politik und Geschichte wegen ihrer Zufälligkeit und Unvorhersehbarkeit letztlich als nicht wissenschaftsfähig. Als wissenschaftlich galten vor allem mathematisch formulierbare Gesetzmäßigkeiten, etwa die von Newton beschriebenen Naturgesetze.
Vom Lehrstuhl für Polizeiwissenschaft zum demokratischen Fach
Im Absolutismus des 17. und 18. Jahrhunderts blieb der Bedarf an politischem Wissen bestehen. Lehrstühle für Polizeiwissenschaft und Kameralistik wurden eingerichtet. Im 19. Jahrhundert verloren diese Ansätze unter dem Einfluss des kantisch-idealistischen Wissenschaftsverständnisses an Bedeutung. In reduzierter Form bestanden sie in juristischen und staatswissenschaftlichen Fakultäten fort, unter anderem in Lehrstühlen für „öffentliches Recht und Politik“.
Das 19. Jahrhundert war vom Machtstaatsdenken geprägt. Der Hauptzweck der Politik wurde in der militärischen Stärke des Nationalstaats gesehen, Außenpolitik galt als vorrangig. Im Rechtspositivismus wurden staatlich gesetzte Rechtsnormen von ethischen Fragen nach Recht und Gerechtigkeit getrennt.
Im Deutschen Kaiserreich wuchs die Einsicht, dass Diplomaten und höhere Verwaltungsbeamte eigene wissenschaftliche Einrichtungen und eine eigene Disziplin benötigten. Als ausländische Vorbilder galten die französische École libre des Sciences politiques und die politikwissenschaftliche Tradition der USA, die bis 1880 zurückverfolgt wurde. Zusätzlich wurde politische Bildungsarbeit in Schule und Öffentlichkeit gefordert, unter anderem im politischen Kampf gegen die Sozialdemokratie.
Nach 1919 sollte politische Bildung helfen, die Weimarer Republik und demokratische Wertvorstellungen in der Bevölkerung und bei Politikern zu verankern. Friedrich Naumann gründete zu diesem Zweck die Deutsche Hochschule für Politik in Berlin. 1933 lösten die Nationalsozialisten die Hochschule auf. Ursprünglich war das Studium ergänzend zu bereits absolvierten akademischen Studien angelegt; später entstand ein eigenständiger Studiengang mit Diplomabschluss und eigener politikwissenschaftlicher Forschung.
Die Politikwissenschaft der Bundesrepublik wurde durch vier Strömungen geprägt: pädagogisches Denken, kantianisches Denken, ethisch-normatives Denken und die marxistisch beeinflusste Kritische Theorie. Keine dieser Richtungen verdrängte die anderen vollständig. Die Mischungsverhältnisse wechselten, Dominanzen kamen und gingen.
Seit Beginn der 1950er Jahre wurden an westdeutschen Universitäten wieder politikwissenschaftliche Lehrstühle und Institute eingerichtet. Anlass war der zweite deutsche Versuch, eine Demokratie aufzubauen. Das Fach sollte diesen Prozess wissenschaftlich, bildungspolitisch und erzieherisch begleiten. Die Einführung sozialkundlicher Schulfächer und die Ausbildung entsprechender Lehrkräfte standen im Zusammenhang mit Demokratisierungs- und Entnazifizierungsbemühungen der amerikanischen Besatzungsmacht. Deutsche Rückkehrer aus den USA und insbesondere sozialdemokratische Bildungspolitiker unterstützten den Aufbau.
Widerstand kam von traditionellen Disziplinen. Sie befürchteten den Verlust institutioneller Ressourcen, bestritten
