Heinrich-Hecht-Platz: Wie Kiel mit NS-Belastungen und kolonialen Straßennamen ringt
Auf dem Campus der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) liegt der Heinrich-Hecht-Platz. Ein Name, der im Hochschulalltag leicht untergeht – zwischen Hörsälen, Fahrrädern und dem üblichen Gewusel. Dabei führt er mitten hinein in eine offene historische Frage: Wie soll eine Universität mit Personen umgehen, deren Verdienste und Verstrickungen nebeneinanderstehen?
Heinrich Hecht, Physiker und Unternehmer, war Mitgründer des Kieler Technikunternehmens ELAC. Nach der Zerstörung Kiels im Zweiten Weltkrieg überließ er der Universität Fabrikhallen für den Lehrbetrieb. Dafür wurde er Ehrenbürger der CAU. Zugleich war Hecht bereits vor 1933 Mitglied der NSDAP, ELAC war in die Rüstungsproduktion eingebunden, und im Unternehmen wurden Zwangsarbeiter eingesetzt.
Ein Gutachten über Verdienst und Belastung
Die Historikerin Felicia Engelhard untersucht Hechts Biografie. Für ihr Gutachten wertet sie unter anderem Archive, Hechts Entnazifizierungsakte und seine Korrespondenz aus. Sie fragt, wie stark Hecht in das NS-Regime verstrickt war, welche Ämter er innehatte und ob er vom Regime profitierte oder darunter litt. Am Ende sollen Verdienste und Belastungen gegeneinander abgewogen werden.
Engelhard bezeichnet die Recherche als umfangreiche Archivarbeit. Ob Hechts Ehrenbürgerschaft der CAU oder der Heinrich-Hecht-Platz Konsequenzen haben, ist noch offen. Darüber entscheiden die Universitätsverantwortlichen und die Kieler Ratsversammlung.
Das Historische Seminar der CAU erstellt regelmäßig Gutachten zu problematischen Straßennamen im Auftrag von Kommunen. Der Landesbeauftragte für politische Bildung, Christian Meyer-Heidemann, begrüßt diese Auseinandersetzung. In Schleswig-Holstein sind zahlreiche Straßen nach Personen benannt, die mit dem Nationalsozialismus oder dem Kolonialismus verbunden waren.
Einige Kommunen haben bereits gehandelt: Aus dem „Hindenburgufer“ wurde die „Kiellinie“. Die „Gustav-Frenssen-Straße“ in Heide erhielt ebenfalls einen neuen Namen; Frenssen war neben Heimatdichter auch Verfasser von NS-Propaganda. Auch koloniale Belastungen werden zunehmend berücksichtigt.
Vom Straßenschild ins Online-Archiv
Wie eine NSDAP-Mitgliedschaft historisch einzuordnen ist, hängt allerdings nicht nur am Namen. Seit Mitte März 2026 gibt es im Katalog der US-Nationalarchive eine Online-Suche nach NSDAP-Mitgliedern. Die Sammlung umfasst über 16 Millionen digitalisierte Objekte. 1945 hatte die NSDAP rund 8,5 Millionen Mitglieder.
Zu finden ist die Suche unter der Serie „Records Relating to Membership in the Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei (NSDAP)“: im Katalog und über die direkte Suche innerhalb der Serie. Ein Antrag oder Benutzerkonto ist dafür nicht nötig. Wegen der hohen Nachfrage waren die Seiten zeitweise schwer erreichbar. Am 17. und 18. März 2026 verzeichneten die US-Nationalarchive 925 Prozent mehr Zugriffe als üblich und arbeiteten an technischen Verbesserungen.
Für die Suche funktionieren mehrere Formate: NACHNAME, VORNAME, VORNAME NACHNAME, „NACHNAME, VORNAME“ oder „VORNAME NACHNAME“. Zusätzlich können Wohnort, Geburtsjahr oder Geburtsdatum eingegeben werden. Anführungszeichen helfen oft, weil dann nach der vollständigen Suchphrase gesucht wird – etwa mit „Maier, Sepp“ „01.02.16“. Geburtsdaten können auch ohne führende Nullen auftauchen, also beispielsweise als 1.2.16.
Ein erster Treffer ist nicht zwingend der richtige, ein zunächst erfolgloses Ergebnis noch lange kein endgültiges. Die Datenbestände sind groß; unter Umständen müssen Hunderte Mikrofilmseiten durchsucht werden. Ein Computer mit großem Bildschirm ist deshalb keine schlechte Idee. Die Ergebnisse führen nicht direkt zu einzelnen Mitgliedskarten, sondern zu digitalisierten Mikrofilmen. Außerdem kann die automatische Texterkennung Namen fehlerhaft erfassen. Rund 20 Prozent der ursprünglichen Kartei sind verloren gegangen.
Für die Einordnung zählt der Zeitpunkt des Parteieintritts. Ein Eintritt vor 1933 weist auf eine frühe Unterstützung der NSDAP vor der Machtübernahme hin. Ein späterer Eintritt kann dagegen auch unter Druck oder aus Opportunismus erfolgt sein. Die Online-Sammlung sagt allerdings nicht, ob eine Person Mitglied der Wehrmacht, SA oder SS war.
Koloniale Namen, lange Debatten
Im Kieler Stadtteil Neumühlen-Dietrichsdorf gibt es ein sogenanntes „Afrikaviertel“. Während der NS-Zeit wurden dort Straßen unter anderem nach Gustav Nachtigal, Adolf Lüderitz und Hermann von Wissmann benannt. Meyer-Heidemann kritisiert, dass diese Personen wegen schwerer Kolonialverbrechen weiterhin durch Straßennamen geehrt würden.
Eine Umbenennung ist trotzdem kein Knopfdruck. Häufig braucht es Diskussionen, Gutachten und Bürgerbeteiligungsverfahren; solche Prozesse können Jahre dauern. Meyer-Heidemann hält den Aufwand für gerechtfertigt, weil Anwohner dann nicht täglich die Adresse eines Kolonialverbrechers verwenden müssten.
Der Kieler Historiker Oliver Auge hält eine vollständige Entfernung belasteter Personen aus dem Straßenbild jedoch nicht immer für sinnvoll. Informationstafeln oder QR-Codes an bestehenden Straßenschildern könnten die problematischen Seiten der Geschichte sichtbar machen, ohne den Namen einfach verschwinden zu lassen.
Was Archive leisten können
Die NSDAP-Mitgliederkartei besitzt das Bundesarchiv im Original und in digitalisierter Form. Auskünfte können dort schriftlich oder digital beantragt werden. Einfache Auskünfte sind in der Regel kostenlos und werden als digitale Kopie übermittelt. Für Informationen zur Rolle von Familienangehörigen in der Wehrmacht, SA oder SS kann ebenfalls ein entsprechender Antrag gestellt werden.
Eine frei zugängliche Online-Suche des Bundesarchivs gibt es bislang nicht, weil gesetzliche Schutzfristen gelten: 100 Jahre nach der Geburt beziehungsweise zehn Jahre nach dem Tod einer Person. Das Bundesarchiv plant, die gesamte Mitgliederkartei online zu stellen, sobald diese Schutzfristen in den kommenden Jahren abgelaufen sind.
Dass ein großer Teil der Kartei erhalten blieb, wird dem Münchner Papierfabrikanten Hanns Huber zugeschrieben. Seine Fabrik sollte die Karten am Ende des Zweiten Weltkriegs vernichten. Huber verzögerte die Verbrennung, nachdem er die Bedeutung der Dokumente erkannt hatte.
Für Kiel bleibt damit vieles in Bewegung: Das Gutachten zu Heinrich Hecht ist noch nicht abgeschlossen, Entscheidungen über Ehrenbürgerschaft und Platzname stehen aus, und auch bei den kolonial belasteten Straßennamen ist der Streit nicht vorbei. Der Artikel zur Online-Suche erschien erstmals am 22. März 2026 und wurde am 30. März 2026 aktualisiert. Heute, am 22.10.2026, liegen die historischen Karten also nicht nur in Archiven – manche Namen stehen weiterhin jeden Morgen auf dem Weg zur Uni am Straßenrand.
