Blau kann leise sein. Oder es tritt einem entgegen, kräftig, tief und so beharrlich, dass man irgendwann versteht, warum der dänische Künstler Vilhelm Lundstrøm seine intensive Farbe „Ewiges Blau“ nannte. Genau diesem Blau widmet sich die Ausstellung „Einblicke ins ewige Blau“ in Kiel. Sie zeigt nicht bloß eine Farbschicht, sondern deren Zusammensetzung: mehrere Lagen aus verschiedenen Blau- und weiteren Farbtönen, die sich erst nach und nach zu erkennen geben.

Vom 12. bis 15. November 2026 wird die Bootshalle der Seeburg Kiel an der Kiellinie zum Ausstellungsort. Der Zugang erfolgt über die Wasserseite des Gebäudes, also direkt von der Kiellinie. Zu sehen gibt es Live-Demonstrationen und Proben der Originalgemälde – Einblicke in eine Kunstforschung, bei der man ruhig ein wenig genauer hinschauen darf.

Was unter der blauen Oberfläche steckt

Das EU-Interreg-Projekt TORCH untersucht Lundstrøms Gemälde mit modernen materialwissenschaftlichen Methoden. Dabei werden Schichten sichtbar, die dem bloßen Auge entgehen: unterschiedliche Blautöne, weitere eingearbeitete Farben und komplexe Materialaufbauten. Moderne Technologien machen so nachvollziehbar, wie Kunstwerke beschaffen sind – und wie sie für zukünftige Generationen bewahrt werden können.

Die Ausstellung knüpft an die Arbeit des Kunstmuseums Brandts an, das eine der wichtigsten Lundstrøm-Sammlungen Dänemarks besitzt. Dort bildete 2024 Lundstrøms Beschäftigung mit Blau den thematischen Rahmen der Sammlungsausstellung „Lundstrøms evighedsblå“. Der Maler nannte die intensiven blauen Bildhintergründe auf Dänisch „Evighedsblå“, also „Ewigkeitsblau“. Bekannt ist er vor allem für farbenreiche Gemälde von Frauen und Stillleben vor blauen Hintergründen.

Für die Untersuchung der Farbschichten und Materialien arbeiteten im Umfeld dieser Ausstellung Fachleute des Konserveringscenter Vejle, das Unternehmen Newtec Engineering und die Süddänische Universität zusammen. Gezeigt wurden dabei nicht nur Lundstrøms Arbeit, sondern auch die Tätigkeit von Restauratoren und Konservatoren. Laborarbeit und moderne Technologie helfen, neue Erkenntnisse über die Werke zu gewinnen und sie langfristig zu erhalten. Ein bisschen Labor, ein bisschen Atelier – und dazwischen die Frage, was ein Bild eigentlich alles in sich trägt.

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Vom kubistischen Skandal zum „Ewigen Blau“

Vilhelm Henry Lundstrøm wurde am 26. Mai 1893 in Kopenhagen geboren und starb dort am 9. Mai 1950. Er war Künstler und eine zentrale Figur der frühen dänischen experimentellen Kunst von 1917 bis 1950; heute gilt er als einer der bedeutendsten und anerkanntesten dänischen Künstler.

Als Kind war Lundstrøm wegen häufiger Krankheiten viel zu Hause auf Amager. Er zeichnete, arbeitete mit der Laubsäge und baute kleine Schiffe. Schon mit zehn Jahren malte er die ländliche Umgebung der Insel, beeinflusst von Christen Købke und Johan Thomas Lundbye. Auf Wunsch seines Vaters absolvierte er von 1908 bis 1912 eine Malerlehre und wurde als Anstreicher ausgebildet. 1913 begann er ein Studium an der Kunstakademie, schloss es aber nicht ab; von 1913 bis 1915 besuchte er dort die Zeichenklasse von Peter Rostrup Bøyesen.

Während dieser Zeit lernte er unter anderem Karl Larsen, Svend Johansen und Knud Merrild kennen. Mit Larsen und Johansen gründete er später die Künstlergruppe De Fire. Merrild brachte ihm außerdem das Kraulschwimmen bei. Lundstrøm trainierte, um seine körperliche Schwäche zu überwinden – eine eher unerwartete Fußnote in der Geschichte eines Malers, der später mit großen, klaren Formen bekannt werden sollte.

1916 debütierte Lundstrøm auf der Kunstnernes Efterårsudstilling mit drei kubistisch beeinflussten Stillleben, die positiv aufgenommen wurden. Ein Jahr später zeigte er dort fünf Werke, darunter zwei Collagen, und führte damit die Collage in Dänemark ein. Die Reaktion fiel allerdings frostig aus: Kritik und Publikum lehnten die Arbeiten ab, sie wurden unter anderem als „zierlich“ und „weiblich“ bezeichnet.

1918 folgten die sogenannten Pakkasse-Bilder. Lundstrøm verzichtete darin weitgehend auf konkrete Gegenstände und untersuchte Formen und Materialien. In Dänemark lösten diese Werke einen Skandal aus; ihm wurden unter anderem Sensationsmacherei und künstlerischer Betrug vorgeworfen. Die Pakkasse-Bilder gelten als Höhepunkt und Abschluss seiner kurzen kubistischen Phase. Die Ausstellungen von 1917 und 1918 führten zu einer breiten Debatte über moderne Kunst, in der auch Werke von William Scharff und anderen Künstlern scharf kritisiert wurden.

1919 bezeichnete der Bakteriologe und Professor Carl Julius Salomonsen moderne Kunst als Ausdruck einer ansteckenden psychischen Störung und prägte dafür den Begriff Dysmorphismus. Seine Kritik bezog auch Lundstrøms Collagen und Montagen ein, wobei Salomonsen die Collagetechnik teilweise als mögliche neue Kunstform anerkannte. Gegen ihn wandten sich unter anderem Poul Henningsen, Otto Gelsted und dessen Nachfolger Oluf Thomsen; sie verteidigten Lundstrøm.

Formen, Reisen, „De Fire“

Auf die kubistische Phase folgte Lundstrøms etwa vierjährige „kringelte Periode“. Er kehrte zur figürlichen Darstellung zurück und entwickelte zugleich Ansätze zu seinem späteren monumentalen Stil. Viel Farbe, große Pinselstriche. Zu den wichtigen Werken dieser Zeit zählen „Manden der ser alt“ (1919), „Frokost i det grønne“ (1920) und „De Fire. Hommage aux peintres artistes“ (1920).

1921 gründete Lundstrøm mit Karl Larsen, Axel Salto und Svend Johansen die Künstlervereinigung De Fire. Zuvor hatten die vier an der Zeitschrift Klingen gearbeitet. De Fire veranstaltete sieben gemeinsame Ausstellungen: die erste 1921, die letzte zum Jahreswechsel 1929/30. Bei dieser siebten Ausstellung bestand die Gruppe aus Svend Johansen, Vilhelm Lundstrøm und Sophus Claussen; Karl Larsen und Axel Salto waren nicht mehr beteiligt.

Während großer Teile der 1920er-Jahre lebten die vier Künstler in Südfrankreich und kehrten fast jedes Jahr für eine Ausstellung nach Kopenhagen zurück. In den Jahren 1921/22 hielt sich Lundstrøm zeitweise in Paris, Nizza und Bormes-les-Mimosas auf. Ab 1923 lebte er in Cagnes-sur-Mer, wo auch Karl Larsen und zeitweise Svend Johansen arbeiteten. Lundstrøm hatte sein Atelier im alten Rathaus von Cagnes-sur-Mer und arbeitete dort drei Monate lang täglich an einem Stillleben mit einem Apfelkorb und einem Tuch.

Im Juni 1923 heiratete er in Paris die Malerin Yrsa Hansen. Nach der Heirat beendete sie ihre eigene Malerkarriere. Auf die „kringelte Periode“ folgte eine kurze Übergangsphase mit naturgetreueren Farben, dunkleren Konturen und weiterhin dicker Farbschichtung.

Danach begann Lundstrøms puristische Periode, die seinen Stil und seine Motivwahl bis zu seinem Tod prägte. 1924 konzentrierte er sich verstärkt auf Bildbalance und die Reinheit der Formen. Beeinflusst wurde er von Paul Cézanne sowie den französischen Puristen Amédée Ozenfant und Le Corbusier.

Auf der fünften Ausstellung von De Fire im November 1925 zeigte Lundstrøm große Gemälde mit wenigen, einfachen Küchengegenständen, geometrischen Grundformen und gedämpften Farben. Die Ausstellung wurde kühl aufgenommen. Kritisiert wurden vor allem die blasse Farbgebung und die stark anonymisierten Figuren im „Bryllupsbillede“. Das ab 1925 entwickelte Formenvokabular blieb bis zu Lundstrøms Tod die Grundlage seiner Kunst: Formen wurden vereinfacht und vergrößert, Köpfe erschienen als Rundungen, Körper als Zylinder.

Häufig malte er alltägliche Gegenstände, verlieh ihnen durch die monumentale Darstellung aber eine starke Wirkung. In einem Interview von 1944 erklärte Lundstrøm, das Motiv sei lediglich ein Vorwand, um sich mit der Form zu beschäftigen. Porträts und Selbstporträts zeigen dennoch sein Interesse an individueller Darstellung, darunter Bildnisse von Tusnelda Sanders (1927) und seiner Schwester Anny Nissen (1932).