Riffretter: Wie die Uni Kiel der Ostsee verlorene Steinriffe zurückgibt
An der Uni Kiel startet ein Projekt, das der Ostsee verlorenen Boden zurückgeben soll: „Riffretter“. Am 22. September 2026 begann an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) die auf drei Jahre angelegte Wiederherstellung eines historischen Steinriffstandorts bei Waabs/Boknis Eck in der Eckernförder Bucht. Heute, am 20. Oktober 2026, laufen die Vorbereitungen und die wissenschaftliche Begleitung bereits an.
Steinriffe sind keine kahlen Geröllhaufen. Zwischen den Steinen wachsen Rotalgen und Seegras, Miesmuscheln heften sich an die Oberflächen, und zahlreiche Tier- und Pflanzenarten finden dort Strukturen und Rückzugsräume. Ein Foto von D. Unverricht, Landesamt für Umwelt (LfU), zeigt diese Lebensgemeinschaften. Flache Steinriffe gelten als besonders wertvolle Lebensräume der Ostsee.
Steine für einen alten Lebensraum
Das Wasserstraßen-Neubauamt Nord-Ostsee-Kanal (WNA) plant, zum Jahresende Steine und Blöcke aus dem Ausbau des Nord-Ostsee-Kanals im küstennahen Meeresbereich von Waabs/Boknis Eck abzulegen. Dort soll der frühere Riffstandort wieder als Lebensraum für typische Arten der Ostsee dienen und ein Rückzugsgebiet für heimische Lebensgemeinschaften entstehen. Das WNA führt die konkrete Wiederherstellungsmaßnahme durch.
Der Hintergrund ist historisch – und ziemlich handfest: Bis in die 1970er-Jahre wurden durch „Steinfischerei“ große Mengen eiszeitlicher Steine aus der Ostsee geholt, unter anderem für Hafenanlagen, Deiche und Straßen. Nach Angaben des Projekts wurde die Steinfischerei 1976 endgültig verboten. Die Universität Kiel nennt in ihren Projektangaben dagegen 1974 als Jahr des endgültigen Verbots und verweist darauf, dass bereits bis in die 1950er-Jahre große Mengen Gestein entnommen worden seien. Klar ist: Viele der damals zerstörten Rifflebensräume fehlen bis heute.
Schätzungsweise gingen in der gesamten Ostsee 100 bis 200 Quadratkilometer Steinriff verloren, in der schleswig-holsteinischen Ostsee rund 5,6 Quadratkilometer. Die Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt wirken laut Projektangaben weiter nach.
Lauschen, fragen, kartieren
Die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) fördert „Riffretter“ bis August 2029 mit fast beziehungsweise knapp 980.000 Euro aus dem DBU-Meeresnaturschutzfonds. Unter Leitung der CAU verbindet das Vorhaben ökologische Forschung, sozial-ökologische Analysen und Umweltbildung. Untersucht werden soll, wie wirksam die Riffwiederherstellung ökologisch und gesellschaftlich ist. Daraus soll ein Leitfaden für künftige Renaturierungsmaßnahmen entstehen.
PD Dr. Katja Heubel vom Forschungs- und Technologiezentrum Büsum (FTZ) der CAU beobachtet die Entwicklung der Fischpopulationen erstmals mit passivem akustischem Monitoring. Mikrofone lauschen dabei langfristig unter Wasser, ohne die Tiere zu fangen oder anderweitig einzugreifen. Erprobt werden soll eine nicht-invasive Langzeitbeobachtung der Unterwasserwelt. Die Begleitforschung sucht außerdem nach geeigneten Methoden für ein standardisiertes Monitoring und will eine Leitlinie zur Wiederherstellung von Ostseeriffen erarbeiten.
Dr. Lotta Kluger vom Center for Ocean and Society (CeOS) der CAU richtet den Blick auf die Menschen: Wie wird die Wiederherstellung wahrgenommen und akzeptiert? Welche Chancen und Hindernisse sehen verschiedene Nutzergruppen? Geplant sind Interviews, gezielte Umfragen und Fokusgruppendiskussionen zu Auswirkungen, Risiken, Nutzungskonflikten und der langfristigen Nutzung des Riffs. Da steckt viel Gesprächsstoff drin – gerade dort, wo Naturschutz, Freizeit und andere Interessen aufeinandertreffen.
Vom Tauchgang bis zur Leitlinie
Am Projekt beteiligt sind neben CeOS und FTZ das Ostsee Info-Center Eckernförde (OIC), die Deutsche Umwelthilfe (DUH), Behörden und weitere Praxispartner. Das OIC entwickelt unter Leitung von Till Holsten Bildungsangebote zur ökologischen Bedeutung küstennaher Steinriffe. Eine wichtige Zielgruppe sind Sport- und Freizeittaucherinnen und -taucher. Für sie soll ein Praxisleitfaden zum Umgang mit dem Lebensraum Riff entstehen.
Die DUH übernimmt den Netzwerkaufbau und die bundesweite Öffentlichkeitsarbeit. Außerdem erstellt sie einen Leitfaden beziehungsweise eine Leitlinie zur Riffwiederherstellung in der Ostsee und bündelt Erfahrungen aus Deutschland, Dänemark und weiteren bisherigen Maßnahmen. Im weiteren Projektverlauf sollen zusätzliche lokale Akteure, darunter Tauchvereine, eingebunden werden.
Das Landesamt für Umwelt Schleswig-Holstein (LfU) ist Auftraggeber und Kooperationspartner für ökologische und geowissenschaftliche Kartierungen nach den Richtlinien FFH, WRRL und MSRL. Das schleswig-holsteinische Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur (MEKUN) ist für die Weiterentwicklung des Meeresschutzes im Land zuständig.
Der Auftakt fand am 22. September mit einer Veranstaltung am Marine Science Campus der Universität Kiel statt. In den kommenden drei Jahren wird sich zeigen, ob aus den abgelegten Kanalsteinen wieder ein lebendiger Riffstandort wächst – mit Algen, Seegras, Miesmuscheln, Fischen und all den Arten, die sich zwischen den Steinen einrichten. Langfristig soll „Riffretter“ zur Erholung mariner Lebensräume beitragen und die Grundlage für weitere Riffwiederherstellungen schaffen.
