Buchvorstellung zu Hillel Cohens Schattenarmee: Kooperationen und Konflikte im Palästina der Mandatszeit
Am 24. November 2026 wird im Hauptgebäude der Universität zu Köln über ein Kapitel der Geschichte gestritten, das selten ohne Schlagworte auskommt: Um 19:30 Uhr beginnt in Hörsaal VI, Universitätsstraße 35, 50931 Köln, die Buchvorstellung und Diskussion zu „Schattenarmee – Arabisch-palästinensische Kooperation mit dem Zionismus 1917–1948“ von Hillel Cohen.
Dr. Ingo Elbe stellt die deutsche Übersetzung vor. Danach diskutiert er mit Prof. Dr. Mouhanad Khorchide zentrale Thesen und Schlussfolgerungen des Werkes. Organisiert wird der Abend von der Gesellschaft für kritische Bildung. Wer nachfragen möchte, kann sich an die Islamisch-Theologische Fakultät der Universität Münster wenden: Domplatz 6/7, 48143 Münster, Telefon +49 251 83 26110, fachbereich16@uni-muenster.de.
Kooperationen, Käufe und Konflikte
Cohen untersucht die Zusammenarbeit palästinensischer Araber mit Organisationen der zionistischen Bewegung während der britischen Mandatszeit von 1917 bis 1948. Dafür nutzt er Quellen in mehreren Sprachen und fragt nach Motiven, Zusammenhängen und Folgen. Tausende Araber verkauften Land an den Jüdischen Nationalfonds, übermittelten zionistischen Organisationen Informationen, arbeiteten für jüdische Einrichtungen oder knüpften persönliche Beziehungen zu Juden. Manche lieferten Waffen an zionistische Milizen; andere vertrieben ehemalige arabische Pächter von jüdisch gewordenem Land.
Im Zentrum steht die Frage, wie weit diese Zusammenarbeit den Erwerb von Land für jüdische Siedlungen erleichterte, den palästinensischen nationalistischen Widerstand schwächte und zur Schaffung der Grundlagen eines jüdischen Staates beitrug. Cohen erzählt die Entwicklung chronologisch und regional, zugleich anhand einzelner Familiengeschichten. Gerade dadurch wird es unübersichtlich – im guten Sinn: Familiäre, religiöse und lokale Bindungen waren häufig wichtiger als übergreifende nationale Ziele.
Eine im Zusammenhang mit dem Buch wiedergegebene Besprechung betont, zionistische Organisationen hätten Land legal von palästinensischen Eigentümern gekauft und den damaligen Marktpreis bezahlt. Verschiedene arabische Akteure würden diese Darstellung bestätigen. Die Rezension zieht daraus auch eine Zurückweisung der Bezeichnung Israels als ausschließlich palästinensisches „besetztes Land“. Andere Besprechungen heben hervor, dass Cohen die systematische Einflussnahme der zionistischen Führung ebenso detailliert darstelle wie die inneren Konflikte der arabischen Gesellschaft.
Wie palästinensisch war der Nationalismus?
Die Herausbildung eines arabisch-palästinensischen Nationalbewusstseins verlief widersprüchlich. Arabischer Nationalismus war zunächst nicht spezifisch palästinensisch; neben panarabischen Ideen entstand ein eigenständiger palästinensisch-arabischer Nationalismus vor allem ab 1920. Im Hintergrund stand der Niedergang der großsyrischen politischen Bestrebungen Faisals nach der französischen Machtübernahme in Damaskus.
Viele politische Äußerungen waren religiös oder semi-religiös formuliert. Cohen beschreibt den palästinensischen Nationalismus deshalb als von Beginn an stark religiös geprägt. Die Niederlage der palästinensischen Nationalbewegung erklärt er allerdings nicht allein mit zionistischer Einflussnahme oder der Tätigkeit von Kollaborateuren. Er nennt ebenso die Rivalität zwischen radikalen und gemäßigten Kräften, die Vorherrschaft lokaler Interessen und innere Konflikte der arabischen Gesellschaft.
Der Zionismus erscheint bei Cohen als politisches Projekt mit tiefen Wurzeln im europäischen Nationalismus – ein Projekt, dem die palästinensische Nationalbewegung wenig entgegensetzen konnte. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf den Beziehungen zwischen Zionisten und Arabern in den 1930er Jahren unter britischer Herrschaft. Stimmen und Perspektiven beider Seiten kommen vor, darunter vergessene oder zum Schweigen gebrachte Akteure. Das Buch wird deshalb als differenzierte historische Untersuchung der palästinensischen Gesellschaft, ihrer Politik, des Zionismus und des arabisch-israelischen Konflikts charakterisiert.
Der historische Rahmen war ohnehin ein ziemliches Durcheinander. Nach dem Ersten Weltkrieg endete die osmanische Herrschaft über Palästina; 1917 übernahmen britische Truppen die Kontrolle. Unter Mamluken und Osmanen hatte es keinen Verwaltungsbezirk namens Palästina gegeben. Die Region gehörte verschiedenen Provinzen und Verwaltungsbezirken an, unter anderem Damaskus, Tripoli, Sidon und Beirut. Jerusalem wurde im 19. Jahrhundert ein direkt Istanbul unterstellter Distrikt.
Erst die britische Militärverwaltung schuf nach dem Krieg einen Verwaltungsbezirk Palästina, zunächst einschließlich von Gebieten östlich des Jordans. Mit der Abtrennung Transjordaniens 1921 und dem Mandatsstatus 1923 wurden die Grenzen festgelegt. Arabische Akteure bezeichneten sie als künstlich von europäischen Mächten geschaffen. Zugleich prägten sie spätere politische Vorstellungen von Palästina – bis hin zur territorialen Darstellung auf dem Hamas-Logo.
Mandat, Versprechen und britische Interessen
1918 lebten laut britischer Militärregierung etwa 573.000 Araber in Palästina, rund 10 Prozent davon Christen, sowie 66.000 Juden. 1936 waren es etwa 955.000 Araber, davon rund 12 Prozent Christen, und 370.000 Juden; der jüdische Bevölkerungsanteil lag bei 27 Prozent. Am Vorabend des ersten arabisch-israelischen Krieges lebten etwa 600.000 Juden in Palästina, ungefähr ein Drittel der Gesamtbevölkerung.
Das Mandatssystem verband den Anspruch auf Selbstbestimmung mit imperialen Interessen europäischer Mächte. Die betroffenen Völker sollten wegen angeblich mangelnder politischer Reife zunächst unter Vormundschaft stehen und später unabhängig werden. Im Mandatsvertrag für Palästina wurde diese spätere Unabhängigkeit allerdings nicht ausdrücklich als Ziel genannt. Großbritannien verpflichtete sich stattdessen, die in der Balfour-Deklaration von 1917 zugesagte „nationale Heimstätte für das jüdische Volk“ zu fördern. Die zivilen und religiösen Rechte der nichtjüdischen Bevölkerung sollten gleichzeitig nicht beeinträchtigt werden.
Britische Zusagen während des Ersten Weltkriegs standen nebeneinander und gegeneinander: Die Husain-McMahon-Korrespondenz von 1915/16 stellte arabische Unabhängigkeit in Aussicht, das Sykes-Picot-Abkommen von 1916 teilte die Region zwischen Frankreich und Großbritannien auf, und die Balfour-Deklaration von 1917 unterstützte eine jüdische nationale Heimstätte. Laut der Darstellung ging es London vorrangig um Verkehrs- und Verbindungswege zwischen Mittelmeer und Indischem Ozean, vor allem um den Weg zum Suezkanal.
Der Jischuw und die britische Verwaltung arbeiteten beim Aufbau politischer, gesellschaftlicher und sicherheitsbezogener Institutionen vielfach eng zusammen. Die arabische Mehrheitsbevölkerung wurde im Mandatsvertrag dagegen nicht als politische Gemeinschaft, sondern nur als „nicht-jüdische Bevölkerung“ erwähnt. Je nach Lage kooperierte Großbritannien mit dem Jischuw oder unterstützte arabische Forderungen: Nach den Unruhen von 1920 begrenzte das Churchill-White-Paper die jüdische Einwanderung entsprechend der wirtschaftlichen Aufnahmefähigkeit des Landes. Nach den Unruhen von 1929 empfahl das Passfield-White-Paper 1930, jüdische Einwanderung und zionistische Landkäufe zu beschränken. Nach jüdischen Protesten wurden diese Empfehlungen in einem Regierungsschreiben an Chaim Weizmann zurückgenommen.
Die zunehmende jüdische Einwanderung aus dem nationalsozialistischen Deutschland führte in den 1930er Jahren zu weiteren Unruhen. Nach Beginn des arabischen Boykotts 1936 schlug die Peel-Kommission 1937 erstmals die Teilung Palästinas in einen jüdischen und einen arabischen Staat vor. Der Zionistische Weltkongress nahm den Vorschlag nach kontroversen Beratungen an, die palästinensischen Araber lehnten ihn ab. Es folgten weitere Gewalt, die Verhaftung palästinensischer Führer und die Flucht des Großmuftis Hajj Amin al-Husaini.
Das britische White Paper von 1939 sah die Gründung eines unabhängigen Staates Palästina binnen zehn Jahren vor, außerdem die gleichberechtigte Beteiligung von Arabern und Juden an Regierung und Verwaltung. Höchstens 75.000 Juden sollten innerhalb von fünf Jahren einwandern dürfen; illegale Einwanderer sollten auf diese Zahl angerechnet werden. Landverkäufe an Zionisten sollten beschränkt werden. Beide Seiten lehnten das White Paper ab.
