484 Euro Semesterbeitrag: Warum Niedersachsen Studierende besonders stark belastet
Wer in Lüneburg studiert, startet mit einer Rechnung, die es in sich hat. 484 Euro Semesterbeitrag verlangt die Leuphana Universität im Wintersemester 2026/27 – gemeinsam mit der Georg-August-Universität Göttingen ist sie damit Spitzenreiterin unter den staatlichen Hochschulen in Deutschland. Die Zahlen stammen aus einer Auswertung der „Hannoverschen Allgemeinen Zeitung“.
Neun der zehn bundesweit höchsten Semesterbeiträge entfallen auf niedersächsische Hochschulen. Die einzige Ausnahme ist die Universität Bremen auf Platz neun. Für Studienanfängerinnen und Studienanfänger kann das zum Stolperstein werden, sagt Jonas Rautenberg von der Landes-Asten-Konferenz Niedersachsen: Zum Semesterbeitrag kommen oft noch die Kosten für den Auszug aus dem Elternhaus hinzu. Da wird es im Bauch schnell eng – und auf dem Konto sowieso.
Deutschlandticket und Studierendenwerk treiben die Summe
Der Semesterbeitrag besteht meist aus mehreren Teilen: Beiträgen für das Studierendenwerk, einer Verwaltungsgebühr und dem Semesterticket. Das Deutschlandticket macht an den meisten Hochschulen etwa die Hälfte der Summe aus. Im Wintersemester 2026/27 kostet es rund 227 Euro, also 60 Prozent des regulären Preises.
Das Ticket selbst sei nicht das Problem, betont Rautenberg. Ihn ärgern die gestiegenen Preise im öffentlichen Nahverkehr. Das frühere Semesterticket habe schließlich nicht alle Strecken abgedeckt. Für viele Studierende bleibt die Rechnung trotzdem dieselbe – ob der Zug nun pünktlich kommt oder nicht.
Besonders hoch fallen in Niedersachsen die Beiträge für die Studierendenwerke aus. In Lüneburg zahlen Studierende 150 Euro, in Erlangen-Nürnberg sind es 82 Euro. Der Grund liegt laut der Auswertung vor allem darin, dass der Landeszuschuss für die Studierendenwerke seit Jahrzehnten kaum gewachsen ist: Im Jahr 2000 flossen rund 17,6 Millionen Euro, für die Jahre 2025 bis 2027 sind jährlich 18 Millionen Euro vorgesehen.
Weniger Landesgeld, mehr Druck auf Studierende
Andere Bundesländer passten ihre Zuschüsse an die gestiegenen Kosten an. Niedersachsen stellte dagegen nur punktuell zusätzliche Mittel bereit: einmalig 30 Millionen Euro während der Energiekrise und weitere 2,8 Millionen Euro, verteilt über vier Jahre.
Beim Studierendenwerk Ost-Niedersachsen, das unter anderem für Lüneburg und Braunschweig zuständig ist, sank die Förderung sogar von 5,3 Millionen Euro im Jahr 2000 auf 3,9 Millionen Euro im Jahr 2024. Gleichzeitig verschob sich das Verhältnis bei den Einnahmen der Studierendenwerke deutlich. Im Jahr 2000 kamen 19,7 Prozent aus Landeszuschüssen und 8 Prozent aus Studierendenbeiträgen. 2023 waren es nur noch 9,4 Prozent Landeszuschüsse, während der Anteil der Studierendenbeiträge auf 20,2 Prozent stieg.
Daniel Voigt, Sprecher des niedersächsischen Wissenschaftsministeriums, verweist auf das „Niedersachsen-Menü“: In allen Mensen kostet ein Mittagessen 2,50 Euro pro Tag. Das klingt erstmal nach einer kleinen Verschnaufpause zwischen Vorlesung und Bibliothek. An der Gesamtrechnung ändert es wenig.
In Göttingen erhöhte sich der Studierendenwerksbeitrag im Sommersemester 2026 um 30 Euro auf 157 Euro. Bis 2030 soll er jährlich um weitere 10 Euro steigen. Voigt sieht deshalb auch den Bund in der Verantwortung und fordert entschlossenere Maßnahmen gegen die steigenden finanziellen Belastungen sowie eine grundlegende BAföG-Reform.
75 Euro Verwaltungsgebühr – und Streit über den Sinn
Niedersachsen erhebt zusätzlich einen Verwaltungskostenbeitrag von 75 Euro pro Semester. In anderen Bundesländern ist diese Gebühr deutlich niedriger, Bayern verlangt gar keine Verwaltungsgebühren.
Voigt begründet den Beitrag mit Verwaltungsleistungen für Studierende und der angespannten Haushaltslage des Landes. Rautenberg fordert dagegen seine Abschaffung. Das Land verbessere damit seinen Haushalt auf Kosten der Studierenden, kritisiert er. Außerdem sei unklar, wofür das Geld verwendet werde.
Studienfinanzierung reicht für viele nicht
Wie schwer solche zusätzlichen Kosten wiegen können, zeigt der „CHECK – Studienfinanzierung in Deutschland – Update Januar 2026“ des CHE Centrums für Hochschulentwicklung. Autor ist Ulrich Müller, erschienen ist die 35-seitige Publikation 2026 in Gütersloh. Sie trägt die ISBN 978-3-911128-29-2 und ist als „CHECK Studienfinanzierung 2026.pdf“ mit einer Größe von 1,26 MB verfügbar.
Die Auswertung basiert auf aktuellen Daten für Deutschland aus dem Jahr 2024, die aus verschiedenen Quellen zusammengestellt wurden. Demnach nutzten Studierende staatliche Förderangebote 2024 noch seltener als im Vorjahr. Rund 85 Prozent erhielten kein Geld aus staatlichen Angeboten wie BAföG, Stipendien oder Studienkrediten.
Gleichzeitig nahm die Erwerbsquote unter Studierenden deutlich zu. Laut Publikationsbeschreibung könnten dadurch längere Studienzeiten und höhere Studienabbruchquoten begünstigt werden. Das CHE fordert deshalb eine grundlegende Reform und Bündelung der staatlichen Förderangebote.
Der CHECK gibt einen Überblick über verschiedene Fördermittel und ihre tatsächliche Bedeutung für die Studienfinanzierung in Deutschland und in einzelnen Bundesländern. Außerdem geht es um die Auswirkungen der Studienfinanzierung auf Studierende und um alternative Finanzierungsmodelle. Für viele an der Uni Lüneburg dürfte die nächste Überweisung trotzdem erstmal ganz banal aussehen: 484 Euro, bitte.
