KI macht den Berufseinstieg zur Erneuerungskrise
Am 4. Oktober 2026 sitzt Angelina Pietrzyk in Mainz mit einem Problem, das viele Studierende inzwischen kennen: Die 22-jährige Wirtschaftspsychologie-Studentin hat rund 30 Bewerbungen geschrieben – ohne Erfolg. Sie sucht ein Praktikum, um praktische Erfahrungen mit künstlicher Intelligenz zu sammeln. Im Studium, sagt sie, habe sie bisher vor allem theoretisches Wissen erworben.
Auch der Career Service der Universität Mainz beobachtet, dass die Sorgen unter Studierenden größer sind als in früheren Jahren. Der Einstieg fühlt sich für viele nicht mehr wie die erste Sprosse einer stabilen Karriereleiter an, sondern eher wie eine Tür, vor der ständig jemand anders steht.
Wenn die Einstiegsaufgaben verschwinden
KI übernimmt zunehmend Büro-, Verwaltungs- und Routineaufgaben – genau jene Tätigkeiten, mit denen Hochschulabsolventen häufig ins Berufsleben starten. In bestimmten Bereichen sinkt deshalb die Zahl der Stellenangebote für Berufseinsteiger. Unternehmen fahren außerdem ihr Hochschulmarketing zurück, besonders deutlich ist das laut Artikel bei IT-Unternehmen, Banken und Versicherungen.
Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) beschreibt die Lage als „Erneuerungskrise“: Große Entlassungswellen gebe es nicht, aber nur wenige neue Arbeitsplätze. Eine Umfrage des Kienbaum Instituts unter mehr als 1.000 Personalverantwortlichen passt dazu: 35 Prozent planen, bis 2030 weniger Berufseinsteiger einzustellen.
Die Zahl der arbeitslosen Akademiker unter 30 Jahren stieg von 23.000 im Jahr 2022 auf 45.000 im Jahr 2025 – ein Anstieg um 96 Prozent. Eine Studie der DZ Bank kommt ebenfalls zu dem Ergebnis, dass sich die Zahl arbeitsloser Hochschulabsolventen unter 30 Jahren zwischen 2022 und 2025 mehr als verdoppelt hat. Als Grund nennt sie den zunehmenden Einsatz von KI in Einstiegspositionen, die früher der Einarbeitung junger Akademiker dienten.
Der Arbeitsmarkt für Berufsanfänger ist damit deutlich enger als früher, als es in Deutschland etwa zwei Millionen offene Stellen gab. In Dormagen lag die Arbeitslosenquote von Akademikern zwischen 25 und 40 Jahren im Juni 2026 bei 6,1 Prozent. Fachleute empfehlen Betroffenen mehr fachliche und räumliche Flexibilität. Gleichzeitig verschärft sich der Fachkräftemangel im Handwerk – eine eigentümliche Mischung aus zu wenigen passenden Einstiegsstellen hier und fehlenden Arbeitskräften dort.
Zwischen sinkenden Löhnen und neuen Chancen
Auch beim Geld wird die Stimmung vorsichtiger. In einer ifo-Umfrage erwarteten 50,8 Prozent der Unternehmen sinkende Gehälter für Hochschulabsolventen. 48,3 Prozent rechneten mit sinkenden Löhnen für Berufseinsteiger ohne Hochschulabschluss.
Gleichzeitig kann KI in bestimmten Bereichen die Produktivität steigern. Clemens Fuest vom ifo Institut erklärte, bislang sei kein Rückgang der Gesamtbeschäftigung durch KI erkennbar; auch einen allgemeinen Lohnrückgang sehe er bisher nicht. Wie sich die Technologie langfristig auf Beschäftigung und Löhne auswirkt, ist wissenschaftlich weiterhin unsicher.
Konkrete Einschnitte gibt es trotzdem. Bei der Allianz sollen europaweit 1.500 bis 1.800 Stellen in der Reiseversicherung wegfallen. Bei Ergo sollen bis 2030 in Deutschland etwa 1.000 Arbeitsplätze abgebaut werden, überwiegend über Altersteilzeit.
Ein Blick auf einzelne Berufe zeigt, wie unterschiedlich die Entwicklung ausfallen kann. Kaufleute für Büromanagement schnitten in aktuellen KI-Resilienztests mit der Note 4,6 am schlechtesten in der Vergleichsreihe ab. Das IAB schätzt, dass etwa 80 Prozent ihrer Kerntätigkeiten automatisierbar sind. 2024 wurden nur noch 22.245 neue Ausbildungsverträge in diesem Beruf abgeschlossen. Im August 2025 trat eine digital überarbeitete Ausbildungsordnung in Kraft.
Physiotherapeuten erreichten in den KI-Resilienztests dagegen die Note 2,0. Die Nachfrage nach Physiotherapie wird laut Artikel durch manuelle Tätigkeiten und den demografischen Wandel gestützt. Offene Stellen im Gesundheitsbereich bleiben durchschnittlich 280 Tage unbesetzt. Während das gesamte Stellenangebot im zweiten Quartal 2026 um 3,9 Prozent zurückging, stieg es in der Zahnmedizin um 25,3 Prozent.
Auch ältere Beschäftigte geraten in Bewegung
Seit der Einführung von ChatGPT Ende 2022 ist der Beschäftigungsvorteil älterer Arbeitnehmer in stark von KI betroffenen Berufen zurückgegangen. Das zeigt eine Studie des Center for Retirement Research. In der Wirtschaftsprüfung und Programmierung geben demnach zunehmend Menschen über 55 Jahren ihre Stellen auf. 54 Prozent der Senioren arbeiteten 2026 aus rein finanziellen Gründen weiter.
Unternehmen sortieren inzwischen nicht nur Bewerbungen per Software. Mehr als 50 Prozent der deutschen Unternehmen nutzen bereits KI-gestützte Recruiting-Systeme. Diese verkürzen den Einstellungsprozess laut Artikel um etwa 26 Prozent. SAP übernahm den Anbieter Smart Recruiters für rund 850 Millionen US-Dollar. Für September 2026 plant SAP den Start eines KI-Agenten namens „Winston“.
Das wirft unangenehme Fragen auf, gerade dort, wo eine Maschine über Menschen entscheidet. Der EU AI Act stuft KI-Anwendungen im Personalwesen als Hochrisiko-Systeme ein. Ab August 2027 gelten dafür strengere Auflagen. In den USA ließ ein Gericht eine Klage gegen Workday zu; dem Unternehmen wird vorgeworfen, Algorithmen hätten ältere und afroamerikanische Bewerber diskriminiert.
Was Studierende jetzt vorzeigen müssen
Enzo Weber empfiehlt, junge Beschäftigte nicht nur für einfache Hilfstätigkeiten einzusetzen, sondern ihr Wissen über digitale Werkzeuge als Impuls zu nutzen. Praktisch nachweisbare KI-Kompetenzen können Berufseinsteigern einen Vorteil verschaffen. Für Angelina Pietrzyk bedeutet das: Nicht nur über KI sprechen, sondern mit ihr arbeiten können – im Praktikum, in Projekten, vielleicht auch in einer Bewerbung, die nicht nach der fünften Zeile im digitalen Stapel verschwindet.
Am 24. Juli 2026 erschien „OpenWorker“, ein Desktop-Agent zur Automatisierung von Arbeitsabläufen in mehr als 25 Diensten. Der Ökonom Robin Winkler von der Deutschen Bank fordert höhere Investitionen. Deutschland gibt weniger als ein Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Software aus, Schweden etwa vier Prozent.
Der demografische Wandel führt zugleich zu einer sinkenden Zahl verfügbarer Arbeitskräfte. Unternehmen haben künftig grundsätzlich weniger Bewerber zur Auswahl. Schätzungen zufolge gehen bis 2035 rund 30 Prozent der heutigen Fachkräfte in Rente. Ohne Produktivitätsgewinne durch KI sei diese entstehende Arbeitskräftelücke laut Artikel nur schwer zu schließen.
Für Unternehmen hängt die weitere Entwicklung davon ab, ob KI-Produktivitätsgewinne in neue Beschäftigung münden oder sich die geringere Nachfrage nach Einsteigern verfestigt. Weber setzt dabei auch auf die Jungen: Ihre digitalen Kenntnisse sollen nicht in einfachen Hilfstätigkeiten verpuffen.
Das IAB beobachtet den Wandel
Künstliche-Intelligenz-Technologien haben in kurzer Zeit ein zunehmendes Anwendungspotenzial entwickelt und erledigen Aufgaben immer schneller. Sie werden voraussichtlich die Arbeitswelt nachhaltig verändern. Das IAB untersucht deshalb die Verbreitung von KI-Technologien, ihre Auswirkungen auf Beschäftigung und Löhne, Veränderungen bei den Qualifikationsanforderungen sowie mögliche Diskriminierungsrisiken durch automatisierte Entscheidungssysteme, etwa bei der Personalauswahl. Auch die Arbeitsqualität gehört dazu.
Im Mittelpunkt steht außerdem die Frage, in welchem Umfang KI Automatisierungspotenziale besitzt: Werden Arbeitsplätze abgebaut? Wie verändern sich bestehende Arbeitsaufgaben? Entstehen zusätzliche Arbeitsplätze? Das sind keine kleinen Randfragen, sondern ziemlich genau die Punkte, an denen sich entscheidet, ob der Berufseinstieg künftig wieder leichter wird.
Auf einer Sonderseite bündelt das IAB seine Publikationen und Projekte zum Thema „Arbeitsmarkt und künstliche Intelligenz“. Genannt werden die Bereiche Aktivitäten, Publikationen und Projekte. Die Bildquelle ist GamePixel/stock.adobe.com.
