Uni Mainz, 13.10.2026. Mehr als 5.000 Mikrofilmrollen, rund 16 Millionen NSDAP-Akten und mehr als zwölf Millionen Mitgliedskarten: Was früher nach jahrelanger Archivarbeit klang, lässt sich heute in sehr kurzer Zeit durchsuchen. Möglich macht das eine Kombination aus Digitalisierung, OCR und Künstlicher Intelligenz.

Wie die technische Aufbereitung funktioniert, erklärt BILD-KI-Ingenieur Riccardo Longo. Die Amerikaner scannten die Mikrofilmrollen mit den NSDAP-Unterlagen ein. Vor dem Einsatz von KI hätten Nutzer die digitalisierten Dokumente einzeln durchsehen müssen – das hätte voraussichtlich Monate gedauert. Zunächst wurden die Scans deshalb per OCR, also optischer Zeichenerkennung, in durchsuchbare Textdaten umgewandelt. Diese OCR-Daten wurden im März 2026 öffentlich bereitgestellt.

Von schwer lesbarer Schrift zur schnellen Suche

Anschließend entwickelte BILD ein KI-System, das die OCR-Daten bereinigt und besser nutzbar macht. Es korrigiert Fehler in schwer lesbarer Schreibschrift und verarbeitet auch Einträge, die durch Stempel verdeckt oder unvollständig sind. Für BILDplus-Nutzer soll die Suche nach Personen dadurch innerhalb von Millisekunden möglich sein.

Die Suche verknüpft Namen mit Geburtsdatum und Geburtsort. Danach wird beim Bundesarchiv abgefragt, ob eine SS- oder SA-Mitgliedschaft vorlag und ob eine Entnazifizierungsakte existiert. Bei der Deutschen Digitalen Bibliothek prüft das System außerdem automatisch, ob der Name in Zeitungen aus der NS-Zeit auftaucht – etwa in einer Traueranzeige.

Öffnet man eine gefundene Akte, startet ein KI-Chat, der die Informationen aus dem Dokument kennt. Er kann die Akte historisch einordnen, Abkürzungen, Begriffe und Symbole erklären sowie mögliche Zusammenhänge erläutern. Ein Parteibeitritt am 20. April etwa könnte im zeitgeschichtlichen Kontext mit Hitlers Geburtstag stehen. Ein Eisernes Kreuz im Feld „Ausgetreten“ kann laut Longo bedeuten, dass die betreffende Person im Krieg gefallen ist.

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Millionen Karten statt kleiner Stichproben

Zwischen 1925 und 1945 waren etwa 12 Prozent der neu aufgenommenen NSDAP-Mitglieder Frauen. Der Mainzer Politikwissenschaftler Jürgen W. Falter erklärt, dass KI nun die vollständige Analyse der mehr als zwölf Millionen NSDAP-Mitgliedskarten ermöglicht. Früher seien dagegen nur Stichproben möglich gewesen.

Forschungsarbeiten, für die einst mehrere Mitarbeiter mehrere Jahre brauchten, könnten laut Falter heute in Monaten abgeschlossen werden – mit gut trainierter KI sogar in wenigen Wochen. Früher mussten die Karteikarten unter anderem im Berliner Bundesarchiv in Lichterfelde manuell durchsucht werden. Dafür waren Genehmigungen und Anträge nötig. Jetzt laufen Suchanfragen innerhalb von Millisekunden auf Servern und in Archiven.

Der schnelle Klick täuscht allerdings über den Aufwand hinweg. Vor allem die KI-gestützte Bereinigung der großen Datenmengen verlangte erhebliche Rechenleistung. Longo vergleicht sie mit einer einfachen ChatGPT-Wetteranfrage: Die Aufbereitung der NSDAP-Daten benötige etwa das Achtmillionenfache dieser Rechenleistung. Das ist eine Zahl, bei der selbst ein kurzer Blick auf die Wettervorhersage plötzlich ziemlich genügsam wirkt.

Falter zufolge hilft die Technologie nicht nur professionellen Forschern. Auch sachkundige Laien können veröffentlichte Ergebnisse leichter überprüfen. Gerade bei historischen Namenslisten, Familiengeschichten und lokalen Recherchen dürfte das den Zugang verändern – wobei ein Suchtreffer noch keine fertige historische Erklärung ist.

Was das Bundesarchiv für eigene Recherchen verlangt

Wer selbst zur NSDAP-Mitgliedschaft oder zu weiteren personenbezogenen Unterlagen recherchieren möchte, braucht beim Bundesarchiv einen ausgefüllten und unterschriebenen Benutzungsantrag sowie möglichst vollständige Daten der gesuchten Person oder Personen. Hilfreich sind Name und Vorname, gegebenenfalls Geburtsname oder Rufname, das Geburtsdatum, der Geburtsort und gegebenenfalls der Wohnort sowie das Sterbedatum.

Antrag und Personendaten werden per E-Mail an berlin@bundesarchiv.de gesendet. Ein gesondertes Formular für Recherchen zur NSDAP-Mitgliedschaft gibt es nicht. Für jede gesuchte Person ist außerdem kein eigener Antrag nötig: Bei privater Familien- oder Ahnenforschung genügt ein Benutzungsantrag zum Thema „Familienforschung“. Die Daten aller gesuchten Personen können auf einem separaten Beiblatt oder direkt im Textfeld der E-Mail stehen.

Für Anhänge sollte möglichst das PDF-Format verwendet werden. Cloudbasierte Dokumente sowie ZIP- und TAR-Dateien kann das Bundesarchiv aus Sicherheitsgründen nicht abrufen. Grundlage für die Nutzung von Archivgut ist das Bundesarchivgesetz, § 10 Abs. 1 Satz 1 BArchG. Im Benutzungsantrag wird unter anderem nach dem Benutzungszweck gefragt. Diese Angaben können für die Genehmigung relevant sein, vor allem bei Archivgut, für das nach § 11 BArchG noch Schutzfristen laufen.

Mindestens Name, Vorname und Geburtsdatum müssen bekannt sein, damit eine Recherche möglich ist. Fehlen diese Angaben, empfiehlt das Bundesarchiv zunächst eigene Familienunterlagen oder Geburts- und Sterbeurkunden des zuständigen Standesamts zu nutzen. Eine Suche allein nach einem Familiennamen ist in der Regel nicht zielführend, weil sich die Person dann nicht eindeutig abgleichen lässt.

Auch eine geografische Suche nach allen NSDAP-Mitgliedern eines Heimatorts ist nicht möglich. Personenbezogene Bestände, darunter die NSDAP-Mitgliederkartei, sind in der Regel nach Namen verzeichnet. Das Archiv braucht deshalb die konkreten Personendaten der Gesuchten. Wer beim Ausfüllen des Benutzungsantrags festhängt, kann sich an den Archivfachlichen Dienst wenden: 030 18 77 70 11 47.