Theologie im Wandel: Zwischen Priestermangel, KI-Ethik und neuen Berufsfeldern
An der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz sitzt David Schwab zwischen Vorlesungen, Papieren und den großen Fragen des Lebens. Der 27-Jährige studiert Katholische Theologie im Magisterstudiengang. Bis zum Ende des Sommersemesters war er Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Theologiestudierenden (AGT).
Leicht hat es das Fach derzeit nicht. Die Zahl der Theologiestudierenden in Deutschland hat sich in den vergangenen zehn Jahren nahezu halbiert. Für viele ist Theologie nicht mehr die erste Studienwahl; manche nutzen das Fach zunächst zur Überbrückung, bis das eigentliche Wunschstudium beginnt. Und wer außerhalb der Universität erzählt, was er studiert, landet nicht selten sofort bei der Frage nach dem Priesteramt.
Kleine Gruppen, große Erklärungsnot
Institutionell ist das Studium durch Staatskirchenrecht und Konkordate abgesichert. Im Hochschulalltag bringt die kleinere Zahl der Studierenden sogar Vorteile: Die Gruppen sind überschaubar, die Betreuung persönlicher, die Bindungen enger. Der Zusammenhalt kann stärker sein als in Massenstudiengängen wie Wirtschaftswissenschaften oder Jura. Man kennt sich eben – und merkt auch, wenn jemand fehlt.
Gleichzeitig liegen die Probleme nicht nur außerhalb der Fakultäten. Bischöfliche Zulassungsverfahren für Lehrstuhlbesetzungen dauern teilweise lange. Lehrstühle bleiben dadurch unbesetzt. Der Ansehensverlust der Kirche macht es Studierenden zusätzlich schwer, ihr Fach gegenüber anderen zu begründen. Theologie, so Schwabs Beobachtung, werde von Außenstehenden häufig zuerst mit kirchlichen Berufen verbunden.
Dabei qualifiziert ein umfassendes Theologiestudium für verschiedene Berufsfelder. Es vermittelt methodische und persönliche Kompetenzen, mit denen sich komplexe Sachverhalte erschließen lassen. Personalwesen und Beratung gehören zu den möglichen Tätigkeitsbereichen. Auch die Sozialethik öffnet ein gesellschaftlich relevantes und zunehmend aktuelles Feld – etwa bei ethischen Fragen der Künstlichen Intelligenz.
Mehr als Priesteramt und Religionsunterricht
Nach Schwabs Einschätzung richtet sich das Studium durch das Modulsystem häufig zu stark auf die Fachdisziplin und auf die Berufsfelder Priesteramt und Religionsunterricht. Fachübergreifende Kooperationen und gemeinsame Lehrveranstaltungen könnten den Horizont erweitern. Staatliche Universitäten böten dafür besondere Möglichkeiten, weil theologische Fakultäten dort unmittelbar mit anderen Fächern zusammenarbeiten können.
Schwab wünscht sich ein flexibleres Studium innerhalb der bestehenden staatskirchenrechtlichen und vatikanischen Vorgaben. Vertiefungsbereiche könnten stärker an gesellschaftlich relevanten Themen ausgerichtet werden. Statt an allen Hochschulen weitgehend dasselbe anzubieten, wären thematische Schwerpunkte an einzelnen Standorten denkbar: interkultureller und interreligiöser Dialog, kirchliche Tätigkeitsfelder oder Sozialethik.
Der Einstieg muss dabei nicht immer über das Hauptfach erfolgen. Manche Studierende beginnen mit Theologie als Nebenfach und wechseln später aufgrund ihres Interesses in ein Hauptstudium. Der umgekehrte Weg ist seltener: Wer mit dem Ziel eines kirchlichen Berufs im Hauptfach beginnt und nicht überzeugt wird, verlässt das Fach eher vollständig.
Religionsunterricht im Wandel
Wie sich theologische Ausbildung und schulische Praxis verbinden lassen, zeigt auch die Neuauflage des EKD-Texts 96 „Die theologisch-religionspädagogische Professionalität evangelischer Religionslehrer*innen“ aus dem Jahr 2025. Professionalität versteht der Text als Zusammenspiel von Fachwissen, pädagogischer Kompetenz, persönlicher Haltung und Reflexionsfähigkeit.
Gefordert werden Anpassungen auf allen drei Ebenen der Lehrkräftebildung. Religionslehrkräfte sollen dadurch befähigt werden, selbstreflektiert, dialogoffen und transparent aufzutreten. Das Ziel: ein fachlich fundierter und lebensbedeutsamer Religionsunterricht – nicht bloß Unterricht über Religion, der irgendwo zwischen Stundenplan und Pausengong versandet.
Seit mehr als zehn Jahren werden Organisationsmodelle des Religionsunterrichts diskutiert, um seine Zukunftsfähigkeit zu sichern. Im Mittelpunkt steht besonders die zunehmende konfessionelle Kooperation, die theologisch und fachdidaktisch fortlaufend reflektiert wird.
Niedersachsen hat zuletzt einen Vorstoß für ein gemeinsam verantwortetes Fach „Christliche Religion nach evangelischen und katholischen Grundsätzen“ gemacht. Kurz heißt es „Christlicher Religionsunterricht“. Auch orthodoxe und freikirchliche Lehrkräfte könnten sich daran beteiligen.
Für Studierende in Mainz und anderswo stellt sich damit nicht nur die Frage, wie viele Menschen Theologie künftig noch studieren. Es geht auch darum, welche Formen das Fach annimmt, mit welchen Disziplinen es sich verbindet und wo Absolventinnen und Absolventen später gebraucht werden – vielleicht im Seminarraum, vielleicht in der Beratung, vielleicht dort, wo über neue Technologien und ihre Grenzen gestritten wird.
