Nachhaltigkeit wird in Mainz zur Managementpraxis: BWL-Studierende entwickeln Social-Media-Konzepte für den NABU
Am 21. Oktober 2026 startet an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz (JGU) ein neuer Pflichtkurs im BWL-Bachelorstudium: „Nachhaltige Produkt- und Konsumentscheidungen“. Rund 150 Studierende arbeiten im Wintersemester 2026/2027 daran, Nachhaltigkeit aus dem Lehrbuch herauszubekommen und in die Managementpraxis zu bringen.
Der Kurs entsteht in Kooperation mit dem Naturschutzbund Deutschland (NABU). In Fünferteams entwickeln die Studierenden Social-Media-Kommunikationskonzepte für 18 regionale NABU-Projekte, die sich unter anderem mit Renaturierung und Artenschutz beschäftigen. Anschließend setzen sie ihre Ideen eigenverantwortlich auf eigenen projektbezogenen Kanälen um. Menschen in den jeweiligen Regionen sollen über die Naturschutzmaßnahmen informiert und erreicht werden.
Workshops statt Frontalunterricht
Gelernt wird nicht in traditionellen Vorlesungen, sondern in Workshops. Erkenntnisse aus Konsumentenverhalten und Markenmanagement wenden die Studierenden in selbstverantworteten Praxisprojekten an. Mehrere Besprechungszeiträume sind dafür vorgesehen, in denen sie sich mit den Ansprechpartnern und Projektleitungen der regionalen NABU-Projekte abstimmen.
Prof. Dr. Oliver Emrich, Leiter des Lehrstuhls für Management mit Schwerpunkt Soziale Medien, gibt wissenschaftliche Impulse und begleitet die Teams gemeinsam mit seinem Team durch Coachings. Entwickelt wurde der Kurs von Emrich und Mitarbeitenden der wirtschaftswissenschaftlichen Abteilung der JGU. Am Konzept wirkten außerdem die wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen Billie Ackermann und Chiara Jedamski mit.
„Ökologische Aspekte wurden in der BWL bislang häufig nur am Rand behandelt oder nicht berücksichtigt“, sagt Emrich. Im neuen Kurs sollen nachhaltige Überlegungen deshalb als fester Bestandteil der Managementausbildung vermittelt werden. Das vom Gutenberg Lehrkolleg (GLK) geförderte Lehrkonzept verbindet wirtschaftswissenschaftliche Methoden, Teamarbeit und den Transfer in die Managementpraxis.
Für NABU-Referent Benjamin Csonka ist das eine Zusammenarbeit von Wirtschaft, Marketing und Naturschutz. Regionale NABU-Gruppen bekommen Unterstützung bei Kommunikation und Social Media – gerade dort, wo ehrenamtlich Engagierten im Alltag oft die Zeit fehlt. Ein bisschen Konzeptarbeit, ein bisschen Plattformwissen, ziemlich viel Abstimmung.
Vom Seminar auf die Plattform
Ausgewählte studentische Beiträge werden über den Kanal „Zukunfts-Faktor: Zukunftsfähigkeit für das Markenmanagement“ auf Instagram, LinkedIn und YouTube veröffentlicht. Die Social-Media-Kanäle des Kursangebots „Zukunftsfaktor“ sind auf LinkedIn, Instagram und YouTube verfügbar. So bleiben die Projekte nicht im Seminarraum liegen, sondern können tatsächlich sichtbar werden.
Der Kurs soll langfristig in den BWL-Lehrplan integriert werden. Sein Ziel ist nicht nur, die Sichtbarkeit und Unterstützung für den regionalen Umweltschutz zu erhöhen, sondern auch, dass Studierende Managemententscheidungen mit Blick auf ihre ökologischen Folgen treffen. Für die einzelnen Teams heißt das: Inhalte entwickeln, Kanäle bespielen, Rückmeldungen aushalten und mit den NABU-Projekten im Gespräch bleiben.
Wissenschaftlicher Ansprechpartner ist Prof. Dr. Oliver Emrich von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.
Nachhaltigkeit als Bildungsaufgabe
Der Kurs passt in eine größere Entwicklung: Klimawandel, Energiewende, nachhaltiges Wirtschaften und globale Gerechtigkeit machen Bildung für nachhaltige Entwicklung, kurz BNE, zu einer zentralen Aufgabe. Nachhaltige Entwicklung betrachtet Umwelt, soziale Belange und Wirtschaft gleichberechtigt. Zukunftsfähiges Wirtschaften soll künftigen Generationen ein intaktes ökologisches, soziales und ökonomisches Gefüge hinterlassen.
BNE soll Wissen und Motivation vermitteln, damit Menschen nachhaltige Entwicklung als Handlungsmaxime unterstützen und umsetzen. Die Bundesregierung hat im Zusammenhang mit den 17 globalen Nachhaltigkeitszielen eine Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie und einen Nationalen Aktionsplan BNE verabschiedet. Vorgesehen ist, BNE strukturell in allen Bereichen des deutschen Bildungssystems zu verankern.
Auch die berufliche Bildung kann dabei viel bewegen: Fachkräfte sollen Wissen und Handlungskompetenzen für Nachhaltigkeit erwerben. Die Berufsbildung für nachhaltige Entwicklung (BBNE) soll für Umwelt- und Nachhaltigkeitsthemen sensibilisieren, zu nachhaltigem Handeln motivieren, entsprechende Kompetenzen fördern und verantwortungsbewusstes berufliches Handeln ermöglichen. Eine Schlüsselrolle übernimmt dabei das Ausbildungspersonal.
Zur beruflichen Handlungskompetenz gehört dann mehr als die Kenntnis einzelner Umweltregeln. Es geht darum, direkte und indirekte Auswirkungen des eigenen beruflichen Handelns auf Umwelt sowie soziale und wirtschaftliche Lebens- und Arbeitsbedingungen heutiger und künftiger Generationen zu reflektieren und zu bewerten. Auch der Betrieb, seine Produkte und Dienstleistungen sollen auf Zukunftsfähigkeit geprüft werden. Dazu kommen die kompetente Mitgestaltung von Arbeit, Wirtschaft und Technik, ein nachhaltiges Energie- und Ressourcenmanagement im Beruf und Alltag sowie die Beteiligung am betrieblichen und gesellschaftlichen Dialog über nachhaltige Entwicklung.
Nachhaltigkeit wirkt dabei manchmal erst einmal ziemlich abstrakt. Im beruflichen und betrieblichen Alltag soll sie deshalb erfahrbar werden. Die Standardberufsbildposition „Umweltschutz und Nachhaltigkeit“ legt berufsübergreifende Kompetenzen fest, die in allen dualen Ausbildungsberufen integrativ – also gemeinsam mit berufsspezifischen Fertigkeiten, Kenntnissen und Fähigkeiten – vermittelt werden sollen.
Auszubildende sollen bei Produkten, Waren und Dienstleistungen Nachhaltigkeitsaspekte berücksichtigen, ebenso einen schonenden Umgang mit Ressourcen, fairen Handel, umweltgerechte Abfallentsorgung und Wiederverwertung. Sie sollen eigenständig Vorschläge für nachhaltiges Handeln im Arbeitsbereich entwickeln, Konflikte zwischen Nachhaltigkeitsdimensionen und -zielen erkennen, Vor- und Nachteile verschiedener Optimierungsansätze bewerten und Handlungsalternativen aufzeigen.
Das Ausbildungspersonal soll dafür motivierende und praxisnahe Lernsituationen gestalten, Auszubildende mit Zielkonflikten – etwa zwischen ökologischen und ökonomischen Interessen – konfrontieren, Entscheidungen für nachhaltige Entwicklung anregen und vorbereiten sowie dazu ermutigen, Alternativen zu bisherigen Vorgehensweisen zu entwickeln und umzusetzen.
Für die Planung solcher Lernsituationen und die Reflexion betrieblicher Aufgaben helfen konkrete Fragen: Welche sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Aspekte sind zu beachten? Welche lokalen, regionalen und globalen Auswirkungen haben Produkte und Dienstleistungen? Welche langfristigen Folgen entstehen durch ihre Herstellung oder Erbringung? Wie lassen sich Produkte, Dienstleistungen und Produktionsabläufe nachhaltiger gestalten?
Ebenso geht es um verwendete Materialien und Energien, ihren effizienten und nachhaltigen Einsatz, Produktlebenszyklen und Prozessketten. Welche Gestaltungsmöglichkeiten bestehen im jeweiligen Beruf? Und wie können Beschäftigte zu einem nachhaltigeren Arbeitsleben beitragen? In Mainz landen solche Fragen nun direkt auf den Tischen von BWL-Studierenden – zwischen Workshop, Teamchat und dem nächsten Social-Media-Post.
