Uni Mainz, 20. Oktober 2026. Frank Elstner und der Kardiologe Prof. Thomas Münzel sprechen in ihrem Buch „Herzklima. Wie Umweltstress unsere Gesundheit gefährdet“ über eine Seite der Herzgesundheit, die man leicht verdrängt: Die Umgebung, in der wir leben, kann krank machen. Nicht erst in der Arztpraxis beginnt Umwelt-Kardiologie, sondern schon vor der Haustür – und manchmal sogar im Schlafzimmer.

Ihre gemeinsame Verbindung führt über Rastatt und die Forschung zu den Auswirkungen von Lärm, Luftverschmutzung und Hitze auf das Herz. Elstner unterstützt die Stiftung Mainzer Herz und macht deren Forschungsergebnisse einem größeren Publikum zugänglich. Münzel hat die Stiftung 2007 gegründet, um Forschung und medizinische Aufklärung zu fördern.

Wenn die Nacht nicht ruhig bleibt

Für eine Untersuchung in Mainz schliefen gesunde Medizinstudierende eine Nacht lang mit simuliertem Fluglärm. Am nächsten Morgen war ihre Gefäßfunktion messbar verschlechtert. Bei Menschen mit Herzerkrankungen fällt dieser Effekt laut dem Artikel stärker aus. Das klingt zunächst unspektakulär – bis man sich vorstellt, wie der Körper auf eine Nacht voller gedämpfter Dröhnlaute reagiert.

Lärm aktiviert über die Amygdala die Stressreaktion. Der Blutdruck steigt, die Gefäße können sich verengen. Chronischer Verkehrslärm erhöht außerdem Stresshormone und kann Schlafstörungen, oxidativen Stress, Entzündungen und Bluthochdruck fördern. Dauerhafte Belastung steht mit einem höheren Risiko für Herzinfarkt, Herzschwäche und Herzrhythmusstörungen in Verbindung.

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt im Tagesmittel höchstens 53 Dezibel für Straßenverkehr und 45 Dezibel für Fluglärm. Mehr als ein Fünftel der europäischen Bevölkerung ist dauerhaft gesundheitsschädlichem Lärm ausgesetzt. Der Straßenverkehr ist dabei die wichtigste Lärmquelle; rund 92 Millionen Menschen sind davon betroffen. Verkehrslärm wird in Europa jährlich etwa 73.000 vorzeitigen Todesfällen und 49.000 neuen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zugeschrieben. Eine andere im Buch genannte Zahl liegt bei etwa 66.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr. Der volkswirtschaftliche Schaden beträgt nach Angaben der Deutschen Herzstiftung mindestens 100 Milliarden Euro jährlich.

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Besonders tückisch: Lärm und Luftverschmutzung treten häufig gemeinsam auf, vor allem entlang viel befahrener Straßen. Studien zufolge hatten Menschen mit hoher Belastung durch beide Faktoren ein nahezu dreifach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse wie Herzinfarkt oder Schlaganfall als Menschen mit geringer Belastung. Die Kombination kann Gefäßentzündungen und Atherosklerose verstärken.

Feinstaub bleibt nicht in der Luft

Feinstaub gehört zum Schwebstaub und umfasst Partikel mit einem Durchmesser unter 10 Mikrometern. Teilchen unter 2,5 Mikrometern bilden die Feinfraktion, Ultrafeinstaub ist kleiner als 0,1 Mikrometer. Ein Mikrometer entspricht einem Millionstel Meter. Die winzigen Partikel können tief bis zu den Lungenbläschen vordringen, dort verbleiben und über die Kapillaren in die Blutbahn gelangen – bis hin zum Herzen.

Zu den gesundheitsschädlichen Luftschadstoffen zählen neben Feinstaub Ozon, Stickstoffdioxid und Schwefeldioxid. Luftverunreinigungen können aus Rauch, Ruß, Staub, Gasen, Aerosolen, Dämpfen oder Geruchsstoffen bestehen. Hauptquellen sind Energieerzeugung und -verbrauch, Straßenverkehr, Landwirtschaft und industrielle Produktion. Auch Waldbrände gehören dazu; ihr Rauch kann über große Entfernungen transportiert werden. Abgase von Verbrennungsmotoren, Reifen-, Bremsen- und Straßenabrieb, Heizungen, Kraftwerke, Abfall- und Holzverbrennung, Landwirtschaft und Tierhaltung tragen zur Belastung bei. In Innenräumen kommen Zigarettenrauch, Kochen, Kerzen und Kamine hinzu. Rund ein Prozent der jährlichen Feinstaubbelastung in Deutschland entsteht durch Silvesterfeuerwerk.

Die genauen Vorgänge im Körper sind noch nicht vollständig geklärt. Forschungsergebnisse zeigen aber, dass Feinstaub Entzündungen in Gefäßwänden auslösen, Gefäßwände schädigen, Blutgerinnung und Blutfette beeinflussen, Entzündungszellen anlocken und den Blutdruck erhöhen kann. Dadurch wird Atherosklerose begünstigt: Die Arterienwände verhärten sich, gefäßverengende Ablagerungen entstehen. Mögliche Folgen sind koronare Herzkrankheit, Herzschwäche, Herzinfarkt, Schlaganfall und Bluthochdruck.

Weltweit wird Luftverschmutzung mit etwa 8,1 Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung gebracht. Im Buch gilt sie als zweitgrößter Risikofaktor für Sterblichkeit nach Bluthochdruck; die Deutsche Herzstiftung bezeichnet sie als weltweit bedeutendsten Gesundheitsrisikofaktor, insbesondere für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Schätzungen zufolge sterben jährlich sieben bis neun Millionen Menschen vorzeitig an den Folgen verschmutzter Luft. Mehr als die Hälfte dieser Todesfälle entfällt auf Herzinfarkt, Schlaganfall, Herzschwäche und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Eine Modellrechnung aus dem Jahr 2020 ergab, dass Menschen weltweit ohne Luftverschmutzung durchschnittlich fast drei Jahre länger leben würden. Modellrechnungen zufolge könnte ein weltweiter Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas rund fünf Millionen vorzeitige Todesfälle jährlich verhindern. Schon eine geringere Belastung kann die Gefäßfunktion verbessern.

In Deutschland und Europa gilt derzeit für Feinstaub ein Jahresmittelwert von höchstens 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft. Der Tagesmittelwert darf höchstens 50 Mikrogramm pro Kubikmeter betragen – und das an maximal 35 Tagen pro Kalenderjahr. Seit 1990 ist die Feinstaubbelastung in Deutschland deutlich gesunken, in Ballungsräumen liegt sie vielerorts aber weiterhin in gesundheitlich belastenden Bereichen. Das 2019 beschlossene nationale Luftreinhalteprogramm soll die Luftqualität bis 2030 weiter verbessern, unter anderem durch Emissionsbegrenzungen für Industriebranchen sowie weniger Feinstaub und feinstaubbildendes Ammoniak. Eine 2024 in Kraft getretene neue europäische Luftqualitätsrichtlinie sieht ab 2030 niedrigere Grenzwerte vor; für die Feinstaub-Feinfraktion gilt dann ein Jahresmittelwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter. Aktuelle Daten für Deutschland und einzelne Regionen stellt das Umweltbundesamt bereit.

Hitze, Wasser, Plastik

Im europäischen Hitzesommer 2022 starben nach Schätzungen mehr als 60.000 Menschen zusätzlich. Ein großer Teil der Todesfälle stand mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen in Zusammenhang. Hitze kann das Blut eindicken, Elektrolyte verschieben und Herzrhythmusstörungen auslösen. Gefährdet sind vor allem ältere Menschen, Herzkranke und Kinder – ebenso Personen in Wohnungen, die nachts nicht abkühlen.

Nicht nur der kurze Extremtag setzt dem Körper zu. Lang anhaltende Hitze und Tropennächte sind ebenfalls belastend. Hitzeschutzpläne, Schatten und Bäume werden im Buch als Maßnahmen des Herz-Kreislauf-Schutzes beschrieben.

Verschmutztes Wasser und belastete Böden werden weltweit mit 1,5 bis 2 Millionen Todesfällen pro Jahr in Verbindung gebracht. Schadstoffe können das Endothel reizen, die innere Schutzschicht der Blutgefäße, und zur Arteriosklerose beitragen. Blei, Cadmium, Quecksilber, Pestizide und PFAS gelangen über Böden, Pflanzen und Trinkwasser in den Körper. Menschen sind dabei häufig mehreren Schadstoffen gleichzeitig ausgesetzt.

Der Begriff „Exposom“ beschreibt die Gesamtheit aller Umwelt- und Lebensstilbelastungen eines Menschen – vom Mutterleib bis ins hohe Alter. Umweltbelastungen sind oft aufgezwungene Risikofaktoren: Niemand sucht sich individuell Feinstaub, Verkehrslärm, Schadstoffe oder Mikroplastik aus.

Mikro- und Nanoplastik gelangt über Meer, Nahrung und Wasser in den menschlichen Körper. Laut Artikel wurden die Partikel auch in Ablagerungen der Gefäße gefunden. Dort können sie Entzündungen fördern und möglicherweise die Neigung zur Bildung von Blutgerinnseln erhöhen. Plastik wird damit als potenzieller Faktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen eingeordnet.

Rauchen ist nicht nur Zigarettenrauch

E-Zigaretten, Shishas, Tabakerhitzer und Nikotinbeutel enthalten weiterhin Nikotin und weitere Schadstoffe. In einer Mainzer Studie führte bereits eine Sitzung mit E-Zigarettendampf bei gesunden Nichtrauchern zu messbar steiferen Gefäßen. Als mögliche