WMO-Bericht 2025: Weltweit schwindet das Wasser, während Extremhochwasser zunimmt
Heute, am 7. Oktober 2026, wirkt die Nachricht aus dem Wasserbericht der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) auch an der Uni Mainz ziemlich nah: Die auf den Kontinenten gespeicherte Gesamtwassermenge nimmt kontinuierlich ab. Prof. Dr. Robert Reinecke von der Johannes Gutenberg-Universität Mainz spricht von einer Entwicklung, die sich längst nicht mehr als kurze Schwankung abtun lässt.
Die WMO hat ihren Bericht „State of Global Water Resources 2025“ am 17. September 2026 veröffentlicht. Danach gehörte 2025 zu den trockensten Jahren für weltweite Flussabflüsse seit mehr als 35 Jahren. Seit 2021 liegt die globale Wassermenge in Flüssen durchgehend unter dem Vergleichswert der Jahre 1991 bis 2020. In 36 Prozent der weltweiten Einzugsgebietsflächen führten die Flüsse 2025 weniger Wasser als im Vergleichszeitraum.
Zu wenig Wasser, dann plötzlich zu viel
Auch die vergangenen sieben Jahre zeigten ungewöhnliche Flussabflüsse. Seit 1991 war in diesem Zeitraum der Anteil der Flüsse mit normalen Abflusswerten am geringsten. Der Wasserkreislauf ist unregelmäßiger und schwerer vorhersehbar geworden: Auf trockene Phasen folgen mancherorts heftige Niederschläge, Überschwemmungen und Hochwasser.
Die Wasserspeicherung an der Landoberfläche ist in den vergangenen zehn Jahren zurückgegangen. An 65 Prozent der für den Bericht ausgewerteten Messstationen lagen die Grundwasserstände 2025 unter dem Vergleichswert. Gleichzeitig verloren Gletscher weltweit etwa 400 Gigatonnen Masse. In allen Regionen setzte sich der Gletscherschwund 2025 das vierte Jahr in Folge großflächig fort.
Wenige Wochen vor der Veröffentlichung löste ein Gletscherabbruch eine Flutkatastrophe in Nepal und Tibet aus, bei der Tausende Menschen starben. In Afrika gab es 2025 zahlreiche Todesfälle durch Überschwemmungen infolge von Starkregen. Asien und Afrika waren in den vergangenen fünf Jahren zusammen für mindestens die Hälfte aller registrierten wasserbezogenen Extremereignisse verantwortlich; auf beide Regionen entfielen außerdem mehr als 80 Prozent der gemeldeten Todesfälle im Zusammenhang mit solchen Ereignissen.
Das klingt zunächst widersprüchlich: austrocknende Kontinente und gleichzeitig Wassermassen, die Häuser, Straßen und Felder mitreißen. Doch genau darin liegt das Problem. Eine wärmere Atmosphäre kann mehr Wasser aufnehmen, während Gletscher schmelzen und die Verdunstung zunimmt. Winde und atmosphärische Strömungen verteilen den Niederschlag ungleichmäßig. „Die Feuchtigkeit wird weltweit neu verteilt, aber nicht gleichmässig“, sagt der Hydrologe Thibault Datry.
Die Gesamtwassermenge der Erde bleibt dabei unverändert. Was sich verändert, ist ihre Verteilung – zwischen Oberfläche und Untergrund sowie zwischen Süsswasser und Salzwasser. Durch das Schmelzen von Gletschern und Polkappen gelangt mehr Wasser in die Meere, verdunstet, bildet Wolken und fällt als Niederschlag zurück. Für Menschen und viele Ökosysteme ist es dann aber häufig am falschen Ort.
Grundwasser verschwindet nicht einfach
Für Bewässerung und andere Zwecke wird Grundwasser in großen Mengen in die Meere und die Atmosphäre verlagert. Das Wasser bleibt im globalen Wasserkreislauf, steht aber dort, wo es gebraucht wird, seltener zur Verfügung. Als Ursachen nennt Reinecke den Klimawandel und den menschlichen Grundwasserverbrauch.
Der WMO-Bericht untersucht deshalb den gesamten Wasserkreislauf: Flussabflüsse, Grundwasser, Evapotranspiration, Wasserspeicherung an Land, Schnee und Eis sowie die Auswirkungen extremer Ereignisse. Er enthält laut Reinecke mehr Daten als alle bisherigen Ausgaben. Erstmals wurden auch Wassertemperaturen ausgewertet. 2025 waren sie deutlich erhöht; laut Bericht verursachte das Probleme für Ökosysteme und Wasserqualität.
Die Datengrundlage ist breiter geworden. Der jährlich erscheinende Bericht basiert auf Daten der WMO-Mitgliedstaaten, globalen hydrologischen Modellen und Satellitenbeobachtungen verschiedener Partner. Die Verfügbarkeit von Wasserdaten hat sich verbessert, dennoch bestehen gerade in stark betroffenen Gebieten weiterhin Lücken. Ziel ist, Staaten, Entscheidungsträgern und anderen Beteiligten bei der Bewertung der Wasserressourcen, beim Erkennen von Belastungsschwerpunkten und bei der Wasserbewirtschaftung zu helfen.
Reineckes Arbeitsgruppe an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz arbeitete dafür mit Forschenden der Goethe-Universität Frankfurt am Main und dem Global Runoff Database Centre in Koblenz zusammen. Sie lieferte Modellergebnisse und Daten, arbeitete an der Methodik zur Analyse der Grundwasserdaten mit und entwickelte eines der verwendeten globalen Wassermodelle federführend weiter. Mit neuen Wassermodellen, die auch Grundwasser simulieren, untersucht die Gruppe die Folgen des Klimawandels für globale Grundwasserressourcen.
Wenn der Regen seine Zeit verändert
Der neue WMO-Bericht hält fest, dass Flüsse und Seen 2025 den niedrigsten Stand seit mehr als 30 Jahren erreichten – noch vor dem Hitzesommer 2026 in Europa. Afrika erlebte im selben Jahr sowohl eine besonders trockene Zeit als auch Hochwasser und Überschwemmungen. Mehr Überschwemmungen bedeuten laut Datry nicht automatisch, dass sich mehr Wasser speichern lässt.
Für die Schweiz erwartet Bettina Schaefli, Professorin für Hydrologie an der Universität Bern, keine stark veränderte jährliche Gesamtniederschlagsmenge. Entscheidend sei vielmehr, wann der Regen fällt. Zugespitzt könnte sich die Schweiz in Richtung eines Monsunsystems entwickeln: ungefähr sechs Monate Regen und sechs Monate ohne Regen. Die extremsten Jahre wurden laut Schaefli allesamt in den vergangenen 20 Jahren beobachtet; Regionen, die bereits trocken sind, dürften noch trockener werden.
Mitte Mai 2026 verfügten Grundwasser und Flüsse in der Schweiz und in Frankreich laut Datry noch über überdurchschnittliche Wasservorräte. Wenige Wochen später war die Situation bereits aussergewöhnlich. Solche schnellen Wechsel machen die Planung für Landwirtschaft und Industrie mühsam – und sie können geopolitische Spannungen verschärfen.
Indien und Pakistan streiten über die Bewirtschaftung von Staudämmen und Kanälen. Äthiopien und Ägypten ringen um die Nutzung des Nilwassers, nachdem Äthiopien einen großen Staudamm gebaut hat. Ägypten betrachtet ihn als existenzielle Bedrohung für seine Wassersicherheit. Auch die Schweiz steht vor Verhandlungen mit Nachbarländern, unter anderem mit Italien. Dabei geht es darum, ob mehr Wasser abgelassen werden muss, damit die Po-Ebene stärker bewässert werden kann.
Die Schweiz war laut Schaefli bisher nicht daran gewöhnt, Wasser grenzüberschreitend abzustimmen. Nun entstehen neue Konflikte, weil die frühere Annahme ausreichender Wasservorräte für alle nicht mehr gilt. Die vorherigen WMO-Ausgaben behandelten die Jahre 2022, 2023 und 2024. Der Artikel zum Bericht wurde zuletzt am 29. September 2026 aktualisiert. In einer Korrektur wurde außerdem darauf hingewiesen, dass der Name von Bettina Schaefli in einer ersten Version falsch geschrieben war.
Quelle 1: Sonnenseite
Quelle 2: Weltorganisation für Meteorologie
Quelle 3: SRF
Quelle: Johannes Gutenberg-Universität Mainz, 2026.
