Am 6. Oktober 2026 geht es an der Uni Mainz um ein Gefühl, das viele kennen und trotzdem schwer greifen können: Hilflosigkeit. Kamiar K. Rückert, Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, leitet die Ambulanz der entsprechenden Klinik an der Universitätsmedizin Mainz. In seinem Buch „Aussichtslos? Eine kleine Psychologie der Hilflosigkeit“ fragt er, wie Hilflosigkeit entsteht – und wie Menschen wieder aus ihr herausfinden können.

Rückert kennt das Thema nicht nur aus dem Behandlungszimmer. Während seines Studiums in Lettland erforschte er Depressionen und Ängste bei deutschen Medizinstudierenden in Bulgarien, Ungarn, Lettland und Polen. In Mainz behandelt er unter anderem Menschen mit Schmerzstörungen, Traumata, Persönlichkeitsstörungen, Depressionen und Angststörungen. Auch schwere körperliche Erkrankungen und die daraus folgenden psychischen Krisen gehören zu seinem Arbeitsfeld.

Wenn der Handlungsspielraum verschwindet

Hilflosigkeit versteht Rückert als diagnoseübergreifendes Phänomen. Sie kann bei Depressionen, Panikattacken, Persönlichkeits- und Essstörungen auftreten. Studien, die Hilflosigkeit über verschiedene Krankheitsbilder hinweg untersuchen, seien allerdings kaum vorhanden und größtenteils veraltet. Sein Buch soll deshalb erklären, warum Menschen Hilflosigkeit erleben, wie sie sich entwickeln und welche Wege aus diesem Zustand führen können.

Gedacht ist der Band für Therapeuten und Ärzte, etwa zur Gesprächsführung, aber auch für Angehörige und Betroffene. Rückert unterscheidet zwischen objektiver Hilflosigkeit, die auf realen und unveränderbaren Ursachen beruht, und subjektiver Hilflosigkeit – dem persönlichen Gefühl, nicht handlungsfähig zu sein. Das kann auseinanderfallen: Eine Situation mag von außen veränderbar wirken, während sich für die betroffene Person jede Möglichkeit wie zugeschoben anfühlt.

Hilflosigkeit, sagt Rückert, findet immer in Beziehungen statt. Wer sich hilflos fühlt, sucht Unterstützung bei anderen. Das gilt auch für die Behandelnden selbst; Therapeuten können sich in der Arbeit mit Patienten ebenfalls machtlos fühlen. Wenn Wut keinen Ausweg findet, richtet sie sich mitunter nach innen, etwa in Form von Selbstabwertung, oder nach außen. Einen möglichen Zusammenhang zwischen Hilflosigkeit und zunehmendem Extremismus vermutet Rückert, belegen kann er ihn jedoch nicht. Flüchtlingsdebatten und Kriege ließen sich auch vor dem Hintergrund realer Bedrohungen und akuter Hilflosigkeitsgefühle betrachten.

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Als gesellschaftliche Krise mit möglichem Hilflosigkeitspotenzial nennt er unter anderem die Klimakrise. Seine zentrale Botschaft lautet: „Gemeinschaft überwindet Hilflosigkeit.“ Gespräche mit Freunden und andere soziale Kontakte können die Gefühle verringern. In Mainz verweist Rückert auf Fastnacht und Vereine – Orte, an denen Gemeinschaft, Freundschaften und soziale Unterstützung entstehen können, manchmal zwischen Musik, Vereinsheim und einem etwas zu klebrigen Getränk. Reicht die Unterstützung aus Familie und Freundeskreis nicht aus, kann die Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universitätsmedizin Mainz Hilfe anbieten.

Was „erlernte Hilflosigkeit“ bedeutet

Der psychologische Begriff „erlernte Hilflosigkeit“ bezeichnet die Überzeugung, die eigene Lebenssituation nicht mehr verändern oder kontrollieren zu können und dafür selbst verantwortlich zu sein. Entwickelt wird diese Überzeugung aufgrund negativer Erfahrungen. Das Konzept dient unter anderem dazu, bestimmte Formen von Depressionen zu erklären; in ICD-10 oder ICD-11 ist es allerdings nicht aufgeführt.

Geprägt wurde der Begriff 1967 von Martin E. P. Seligman und Steven F. Maier nach Experimenten mit Hunden und anderen Tieren. Die Ergebnisse erschienen 1974 in wissenschaftlichen Aufsätzen und 1975 im Buch Helplessness: On Depression, Development, and Death. Seligman übertrug das Konzept auf Depressionen, weil er bei erlernter Hilflosigkeit und Depression vergleichbare Symptome beobachtete.

Ursprünglich wurde Hilflosigkeit mit einer fehlenden Verbindung zwischen Handlung und Handlungsergebnis erklärt. Später rückten Ursachenzuschreibungen und der jeweilige Attributionsstil in den Mittelpunkt. Betroffene erwarten dann, bestimmte Situationen nicht beeinflussen zu können. Dadurch schränken sie ihr Verhaltensrepertoire ein und beenden unangenehme Zustände mitunter nicht, obwohl dies objektiv möglich wäre. Frühere Erfahrungen von Hilf- und Machtlosigkeit führen zu einem wahrgenommenen Kontrollverlust; motivationale, kognitive und emotionale Einschränkungen können folgen.

Ergebnisse aus Tierexperimenten wurden auch in Untersuchungen mit Menschen bestätigt. Trotzdem reagieren nicht alle Menschen auf Erfahrungen von Hilflosigkeit mit einer Depression. Abramson, Seligman und Teasdale nahmen 1978 an, dass Menschen nach negativen Erlebnissen nach deren Ursachen suchen. Ob eine Depression entsteht, hängt ihrer Theorie zufolge vom Attributionsstil ab.

Ein depressionsfördernder, pessimistischer Attributionsstil bewertet die Ursache eines negativen Ereignisses als intern, global und stabil: Das Problem wird in der eigenen Person statt in äußeren Umständen gesehen, als allgegenwärtig statt auf einzelne Situationen begrenzt und als dauerhaft statt vorübergehend eingeschätzt. Aus „Das ist gerade schiefgegangen“ wird dann schnell „Das liegt an mir, passiert überall und bleibt so“.

Ein Versuch mit Schock, Hebel und Shuttle-Box

Die ursprüngliche Theorie stützte sich unter anderem auf ein dreigruppiges, „triadisches“ Versuchsdesign mit Hunden. Das Originalexperiment von Seligman und Maier aus dem Jahr 1967 bestand aus zwei Phasen.

In der ersten Phase waren die Hunde aus Gruppe 1 fixiert und erhielten kurze elektrische Schocks. Durch eine bestimmte Reaktion, etwa das Betätigen eines Hebels oder das Drehen eines Rades, konnten sie die Schocks beenden. Mit der Zeit lernten sie, unmittelbar nach Beginn des Schocks zu reagieren und zu fliehen.

Gruppe 2 befand sich in der sogenannten Yoked-Bedingung. Diese Hunde erhielten zeitgleich und in gleicher Anzahl Schocks wie Gruppe 1, konnten deren Auftreten aber nicht durch eigenes Verhalten beeinflussen. Gruppe 3 diente als Kontrollgruppe: Die Tiere waren in einem ähnlichen Versuchsapparat, bekamen jedoch keine Schocks.

In der zweiten Phase, dem Shuttle-Box-Training, wurden alle drei Gruppen in einer Shuttle-Box trainiert. Sie bestand aus zwei verbundenen, identischen Bereichen. Ein Schock konnte vermieden werden, indem der Hund in den jeweils anderen Bereich wechselte. Beim Two-Way-Shuttle-Verfahren wurden die Schocks abwechselnd auf den beiden Seiten verabreicht.

Die Hunde aus Gruppe 1 lernten schnell, durch den Wechsel zu fliehen. Später vermieden sie die Schocks bereits durch einen vorherigen Wechsel. Die Tiere aus Gruppe 2, die zuvor keinen Einfluss auf die Schocks gehabt hatten, erlernten Flucht- und Vermeidungsverhalten dagegen nur langsam oder gar nicht. Häufig blieben sie lethargisch liegen und ließen die Schocks über sich ergehen. Auch die Kontrollgruppe zeigte Vermeidungslernen, allerdings langsamer als Gruppe 1.

Ein Konzept wird korrigiert

Die Erklärung blieb nicht unverändert. 2016 korrigierten Maier und Seligman das Konzept: Passivität nach einem Schock werde demnach nicht erlernt, sondern sei eine standardmäßige, ungelernte Reaktion auf länger andauernde aversive Ereignisse.

Auch die Forschung zum sogenannten depressiven Realismus stellte klassische Annahmen infrage. Stefan Krause kam in seiner Göttinger Dissertation zu Ergebnissen, die unter dem Schlagwort „sadder but wiser“ bekannt wurden. Nach einem Training schätzten klinisch Depressive ihren Leistungsfortschritt realistischer ein als Sportler beziehungsweise Nichtdepressive. Nichtdepressive nahmen sich und ihre Umwelt häufiger positiv verzerrt wahr.

Diese Befunde widersprachen Theorien, die Depression mit einer generell negativen Sicht auf Welt und Zukunft verbinden. Weitere Studien untersuchten unter anderem Kontingenzschätzung, Erwartungen, Ereignisvorhersagen, Attributionsmuster, Rückmeldungen und Selbstbewertungen. Im Alltag bleibt davon eine ziemlich unbequeme Frage: Ist die eigene Sicht gerade nüchtern – oder hat sich die Hilflosigkeit schon so breitgemacht, dass selbst ein möglicher Ausweg nicht mehr wie einer aussieht?