Wenn Philipp Gassert am 13. Oktober in Crailsheim vorträgt und aus seinem neuen Buch liest, geht es nicht nur um ferne US-Geschichte. Der Professor an der Universität Mannheim möchte anschließend mit den Gästen über Amerika diskutieren. Im Gespräch berichtet er auch von seinen frühen Berührungspunkten mit dem Land – ein persönlicher Einstieg in ein politisch aufgeladenes Thema.

Gassert ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Mannheim. Sein Buch trägt den Titel „Die bipolare Nation: Was Amerika der Welt gegeben hat. Im Guten wie im Schlechten“. Es ist am 15. April 2026 im dtv-Verlag erschienen und nimmt den 250. Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung zum Anlass.

Amerika zwischen Errungenschaft und Zumutung

Der historische Bogen reicht von den Gründervätern bis zur Präsidentschaft Donald Trumps. Gassert beschreibt den Weg vom Isolationismus zum Imperialismus und die Entwicklung von der Ordnungsmacht zum chaotischen Faktor. Die Vereinigten Staaten erscheinen dabei als Land, das der Welt große Errungenschaften gebracht, ihr aber auch erhebliche Belastungen auferlegt hat.

Sein Überblick führt mitten in die Widersprüche der US-Geschichte: Imperialismus und Antiimperialismus, Unterstützung und Ablehnung der Sklaverei, die Ausbeutung der Arbeiter und zugleich die Einführung des 1. Mai, Demokratie und Unterdrückung, Armut und Verschwendung. Amerika ist bei Gassert außerdem ein seit 250 Jahren bestehender Debattenraum – ein Laboratorium der liberalen Demokratie, in dem vieles ausprobiert, erkämpft und wieder zurückgenommen wurde.

Dass die Gründerväter 1776 keine Demokratie, sondern eine Republik anstrebten, gehört zu den wichtigen Hintergründen. Die Unabhängigkeitserklärung setzte dennoch langfristige Demokratisierungskräfte frei. George Washington warnte 1796 vor dem „Parteigeist“ und davor, dass ein siegreicher Anführer die öffentliche Freiheit zugunsten eines dauerhaften Despotismus zerstören könnte.

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Republik statt Volksherrschaft

Viele Verfassungsväter orientierten sich an Aristoteles’ Unterscheidung zwischen Monarchie, Aristokratie und Volksherrschaft. Aristoteles unterschied zwischen der guten Volksherrschaft, der „politeía“, in der Bürger das Gemeinwohl verfolgen, und der schlechten Volksherrschaft, der „dēmokratía“, in der Partikularinteressen das Gemeinwohl verdrängen. „Demokratie“ hatte im revolutionären Amerika deshalb häufig einen negativen Klang.

Die „Federalist Papers“ von Alexander Hamilton, James Madison und John Jay erklärten 1787/88 die US-Verfassung. Im zehnten „Federalist“-Essay wurde die repräsentative Republik als Gegenmittel gegen die Probleme direkter Volksherrschaft dargestellt. Gemeint waren kleine Gemeinwesen, in denen Bürger unmittelbar und per Mehrheitsentscheidung regieren – mit der Gefahr der Dominanz von Parteien und politischen Lagern, der Durchsetzung von Partikularinteressen, politischen Intrigen und Leidenschaften sowie der Verhinderung rationaler Entscheidungen im Gemeinwohlinteresse.

In der Republik sollte stattdessen eine kleine Zahl gewählter Amtsträger im Namen des Volkes regieren. Repräsentation sollte politische Macht kanalisieren und Ordnung, Stabilität, individuelle Freiheit und Volkssouveränität zusammenhalten. Die Eliten des revolutionären Amerika führten die Unruhen der 1780er Jahre auf eine zu weitgehende gesellschaftliche Mitbestimmung zurück. Innenpolitische Instabilität, außenpolitische Schwäche, wirtschaftliche Probleme und soziale Unruhen wie Shays’ Rebellion in Massachusetts machten ihnen Sorgen.

Die Delegierten des Verfassungskonvents von 1787 stammten fast ausschließlich aus der gesellschaftlichen Elite. Ihr Ziel war, demokratische Energien so zu lenken, dass Männer mit Besitz, Bildung und gesellschaftlichem Ansehen die politische Führung behielten. Thomas Jefferson entwickelte dafür das Konzept einer „natural aristocracy“: Führung sollte nicht auf Geburt oder Erbrecht beruhen, sondern auf Leistung, Bildung und moralischer Integrität. Diese Führungsschicht sollte Anspruch auf Leitung haben – und eine besondere Verantwortung tragen.

Aufstrebende Landwirte, Handwerker und Kaufleute, die „middling sorts“, stellten diesen Anspruch zunehmend infrage. Sie beriefen sich auf die egalitären Ideen der Unabhängigkeitserklärung und verlangten politische Mitbestimmung. Im revolutionären Amerika prallten damit unterschiedliche Vorstellungen über Selbstregierung, Repräsentation und den Umfang politischer Teilhabe aufeinander.

Demokratisierung mit Umwegen

Der Historiker Gordon S. Wood beschreibt Demokratisierung als historischen Prozess: Die Amerikaner seien nicht modern-demokratisch gegründet worden, hätten sich aber im Lauf ihrer Geschichte in diese Richtung entwickelt. Die naturrechtlichen und liberalen Ideen der Unabhängigkeitserklärung wurden zur Grundlage für mehr Selbstbestimmung, Partizipation und Selbstregierung. Die Amerikanische Revolution leitete damit einen bis heute nicht abgeschlossenen Prozess ein.

Ein wichtiger Motor war der Populismus. Grundlage war das in der Unabhängigkeitserklärung formulierte Recht beziehungsweise die Pflicht des Volkes, eine Regierung zu ersetzen, die individuelle Grundrechte nicht mehr schützt. Populistische Bewegungen veränderten das politische System wiederholt innerhalb des bestehenden Verfassungsrahmens.

In den 1830er und 1840er Jahren entstand unter Andrew Jackson eine populäre Demokratie. Im Mittelpunkt stand der politische „common man“, dessen Interessen Politiker vertreten sollten. Die politische Kultur wurde volksnäher, Kandidaten warben direkter um Wählerstimmen. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden immer mehr Menschen politisch mobilisiert, darunter auch Frauen.

Reformbewegungen forderten unter anderem die Abschaffung der Sklaverei, Frauenrechte, bessere Gefängnisse, Schulen und Armenfürsorge. Sie übten Druck auf die organisierte Politik aus. Immer mehr öffentliche Ämter wurden direkt gewählt, das Wahlrecht löste sich zunehmend vom Landbesitz und wurde an Wahlsteuern geknüpft. Dadurch erfüllten mehr Männer die Voraussetzungen für das Wahlrecht; auch die geheime Wahl setzte sich durch. Bis zum Vorabend des Bürgerkriegs beruhte der politische Prozess auf einer breiteren sozialen Grundlage – obwohl 1861 weiterhin überwiegend Männer mit Besitz und gesellschaftlichem Ansehen die Politik bestimmten.

Die Ausweitung von Selbstbestimmung und Teilhabe für zuvor ausgeschlossene Gruppen blieb ein zäher Prozess. Die Frauenwahlrechtsbewegung erkämpfte 1920 mit dem 19. Verfassungszusatz das Frauenwahlrecht. Die Zweite Frauenbewegung der 1960er Jahre verlangte vollständige Chancengleichheit, uneingeschränkte Selbstbestimmung und Gleichberechtigung außerhalb von Ehe, Familie und Haushalt.

Der Freiheitskampf Schwarzer Amerikaner konzentrierte sich zunächst auf die Abschaffung der Sklaverei. Politisch beendet wurde sie 1863 durch Lincolns Emanzipationserklärung, abgeschafft 1865 durch den 13. Verfassungszusatz. Ab den 1880er Jahren entstand in den ehemaligen Südstaaten das Jim-Crow-System der gesetzlich vorgeschriebenen Rassentrennung. Der Civil Rights Act von 1964 und der Voting Rights Act von 1965 beendeten dieses System. Die Bürgerrechtsbewegung Schwarzer und liberaler weißer Amerikaner gewann besonders nach dem Zweiten Weltkrieg an Kraft und Sichtbarkeit. Rechtliche Diskriminierung war Mitte der 1960er Jahre verboten, faktische Formen rassistischer Diskriminierung blieben jedoch bestehen.

Wer darf dazugehören?

Ein zentraler Konflikt betraf die Frage, wer überhaupt als „Mensch“ mit Freiheits- und Gleichheitsrechten galt. Obwohl die Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776 alle Menschen als frei und gleich geboren bezeichnete, begann unmittelbar ein Streit über die Bedeutung von „Mensch“.

Das vorherrschende Menschenbild bezog sich auf den vernunftbegabten, weißen, angelsächsischen, protestantischen und besitzenden Mann. Frauen, Schwarze, nicht-angelsächsische Bevölkerungsgruppen, wirtschaftlich abhängige Personen und indigene Amerikaner galten vielfach nicht als vollberechtigte Menschen. Rassistische, frauenfeindliche und fremdenfeindliche Vorstellungen rechtfertigten ihren Ausschluss. Solche Ideologien waren historisch mit der US-amerikanischen liberalen Demokratie verbunden – eine unangenehme, aber kaum zu umgehende Spannung.

Kämpfe um Gleichberechtigung begannen häufig mit der Behauptung der eigenen Menschlichkeit. Die „Declaration of Sentiments“ des Frauenkonvents von 1848 formulierte die Unabhängigkeitserklärung um und ersetzte „men“ durch „men and women“. Schwarze Müllarbeiter in Memphis protestierten 1968 gegen weiterhin bestehende Diskriminierung mit Plakaten mit der Aufschrift „I am a Man“.

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