Am Mittwoch, 11. November 2026, wird Heidelberg zum Treffpunkt für Fachleute, die sich mit Schulabsentismus beschäftigen. Das Amt für Schule und Bildung der Stadt Heidelberg lädt zu einem Fachtag in die Südstadt-Chapel in der Rheinstraße 12/4 ein. Die Veranstaltung richtet sich an Fachpublikum.

Im Mittelpunkt stehen Kinder und Jugendliche, die häufig fehlen: Wie lassen sich Warnzeichen früh erkennen? Welche Ansätze funktionieren in der Praxis? Und wie können Schulen, Fachstellen, Eltern, Jugendhilfe, Beratungseinrichtungen und Verwaltung besser zusammenarbeiten? Fragen, die selten mit einem einzigen Gespräch erledigt sind.

Wenn aus einzelnen Fehlstunden ein Muster wird

Schulabsentismus bezeichnet in der Pädagogik problematische Fehlzeiten, ist aber keine medizinische Diagnose. Ob das Fernbleiben entschuldigt ist, spielt zunächst keine Rolle. Häufig beginnt die Entwicklung unscheinbar: mit Zuspätkommen, einzelnen versäumten Stunden oder dem früheren Gehen. Später können sich die Fehlzeiten über Wochen ziehen, bis ein Kind oder ein Jugendlicher möglicherweise gar nicht mehr in die Schule kommt.

Üblicherweise werden vier Formen unterschieden. Beim Schuleschwänzen bleiben Schülerinnen und Schüler bewusst und meist unentschuldigt weg, während die Eltern oft nichts davon wissen. Angst steht dabei meist nicht im Vordergrund. Bei der Schulverweigerung kennen Eltern die Gründe häufig; möglich sind Angststörungen, Depressionen, familiäre Konflikte oder psychosomatische Beschwerden. Schulangst beziehungsweise Schulphobie kann starke Angst oder Panik auslösen, dazu Bauchschmerzen und Übelkeit. Prüfungen, Lehrkräfte, Mobbing oder Trennungsangst können eine Rolle spielen. Beim Zurückhalten durch Eltern verhindern Eltern oder andere Familienmitglieder den Schulbesuch faktisch oder emotional, etwa durch Überbehütung, psychische Probleme oder kulturelle beziehungsweise religiöse Gründe.

Neuere Fachliteratur versteht diese Formen eher als Kontinuum und fragt stärker nach den Motiven und Funktionen des Fernbleibens. Im Englischen ist zusammenfassend von „School Attendance Problems“ die Rede. Die Ursachen liegen oft auf mehreren Ebenen gleichzeitig: individuell bei geringem Selbstwert- oder Zugehörigkeitsgefühl, Lernproblemen, Leistungsdruck, Schulangst, Depressionen oder Angststörungen; schulisch bei einem schlechten Klima, belasteten Beziehungen zu Lehrkräften, Mobbing und wiederholten Misserfolgen; familiär bei fehlender Unterstützung, mangelnder Kontrolle des Schulbesuchs oder einer fehlenden Tagesstruktur.

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Nach der Coronapandemie stieg die Zahl gefährdeter Schülerinnen und Schüler. Laut Deutschem Schulbarometer 2025 zeigen 25 Prozent Anzeichen psychischer Auffälligkeiten. Wie stark politische und ökologische Krisen oder die pandemiebedingten Schulschließungen den Schulabsentismus beeinflussen, ist dagegen nicht eindeutig belegt. Entschuldigungen und Krankschreibungen machen die tatsächlichen Gründe zudem oft schwer sichtbar.

Zahlen, die nicht einfach vom Himmel fallen

Eine bundesweit verlässliche Statistik zu Fehlzeiten gibt es nicht. Schulwesen und Dokumentation sind in Deutschland Ländersache. Eine Studie des schleswig-holsteinischen Bildungsministeriums wertet allerdings Daten von 16.222 Kindern an 186 Schulen aus. Bei den Neuntklässlerinnen und Neuntklässlern im vergangenen Schulhalbjahr hatten 23 Prozent 11 bis 20 Fehltage, 17 Prozent 21 bis 40 Fehltage und 8 Prozent mehr als 40 Fehltage. Fast die Hälfte fehlte damit an mindestens elf Schultagen.

Die Studie soll künftig klären, welche Ursachen hinter der Schulabwesenheit stehen und wie wirksam Unterstützungsangebote sind. Schon jetzt zeigt sich: Häufiges Fehlen bedeutet versäumten Unterricht und sinkende Leistungen. Der versäumte Stoff wird nicht nachgeholt, der Leistungsdruck steigt, weitere Tage fehlen – eine Abwärtsspirale, die sich irgendwann kaum noch mit einem freundlichen „Komm morgen wieder“ stoppen lässt.

Schulabsentismus kann bis zum vollständigen Abbruch des Schulbesuchs führen. In der schleswig-holsteinischen Untersuchung hatten Jugendliche ohne ersten allgemeinbildenden Schulabschluss überdurchschnittlich häufig 21 bis 40 oder mehr als 40 Fehltage.

Frühe Hinweise sind häufiges Zuspätkommen, einzelne versäumte Stunden oder wiederholte Krankmeldungen. Dazu kommen vergessenes Material, schlechtere Leistungen, unzuverlässig erledigte Hausaufgaben, Rückzug aus dem Unterricht oder das häufige Verlassen des Raums. Manche Kinder klagen immer wieder über Kopf- oder Bauchschmerzen, verlieren die Lernmotivation und haben nur wenige soziale Kontakte – etwa weil sie in den Pausen oft allein sind. Auch Unaufmerksamkeit, Rückzug oder konflikthafte Beziehungen zu Mitschüler:innen können am Anfang stehen.

Was Schulen tun können – und wann andere dazukommen müssen

Schulen sollen möglichst früh reagieren. Dazu gehören eine konsequente Dokumentation der Fehlzeiten und der Blick auf Muster, etwa regelmäßiges Fehlen montags. Fehlzeiten können als problematisch mit 11 bis 20 Tagen, gravierend mit 21 bis 40 Tagen und massiv mit mehr als 40 Tagen pro Halbjahr eingeordnet werden. Ein Absentismus-Team und verbindliche Verfahren klären, wer wann handelt.

Bei unentschuldigtem Fehlen sollen Eltern sofort kontaktiert werden. Gleichzeitig braucht es verlässliche Lehrer-Schüler-Beziehungen mit klaren Grenzen, konkrete Hilfe bei Lernschwierigkeiten, Legasthenie, Mobbing oder psychischen Belastungen und – wenn nötig – die Vermittlung an externe Stellen. Mit den Betroffenen können schrittweise Rückkehrpläne vereinbart werden. Fortschritte werden dokumentiert und positiv rückgemeldet; gegebenenfalls lassen sich Hausaufgaben oder der Prüfungsumfang reduzieren. Auch Lernumgebung, Mitbestimmung und soziales Schulklima gehören auf den Prüfstand.

Die konkreten Ursachen sind im Einzelfall oft schwer festzustellen, weil mehrere Faktoren zusammenwirken. Deshalb ist Kooperation entscheidend: mit Eltern, Schulpsychologie, Beratungsstellen und Jugendhilfe. Rechtlich ist die Schulpflicht in den Schulgesetzen der Länder geregelt. Schulen müssen Fehlzeiten und Gesprächsergebnisse dokumentieren, Eltern bei häufigem Fehlen informieren und zu Gesprächen einladen. Reichen schulische Maßnahmen nicht aus, können Schulamt, Jugendamt, Schulpsychologie oder Ordnungsmaßnahmen eingeschaltet werden. Bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung ist die Einschaltung des Jugendamtes verpflichtend. In einigen Bundesländern sind Bußgelder möglich; Schulzwang und polizeiliche Zuführung gelten meist als letzte und seltene Eskalationsstufe.

Praxisbeispiele zeigen, dass Unterstützung nicht immer nach Behördenflur klingen muss. An einer beruflichen Schule in Neuenhagen wurde Tagebuchschreiben im Unterricht eingesetzt. Die Jugendschule am Schlänitzsee in Potsdam arbeitet praxisorientiert in Natur und Landwirtschaft. Manchmal führt der Weg zurück eben nicht über noch ein Arbeitsblatt.

Der Fachtag in Heidelberg

Eröffnet wird die Heidelberger Fachtagung von Bürgermeisterin Stefanie Jansen, Dezernentin für Soziales, Bildung, Familie und Chancengleichheit. Den Einführungsvortrag hält der Leipziger Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Heinrich Ricking: „Jeder Schultag zählt: Schulabsentismus verstehen und wirksam handeln“.

Anschließend stellen Fachleute aus Wissenschaft, Schulen, Schulpsychologie, Jugendhilfe und Verwaltung ihre Perspektiven vor. Es geht darum, welche Aufgaben Schulen selbst übernehmen können, wann externe Unterstützung erforderlich wird und wie die Zusammenarbeit besser gelingen kann. Mitarbeitende des Kultusministeriums Baden-Württemberg diskutieren Präventions- und Interventionsmaßnahmen. Dr. Lukas Kleinhenz von der Pädagogischen Hochschule Heidelberg spricht über Schulabsentismus aus der Perspektive von Resonanz und Entfremdung.

In Workshops stehen unter anderem das Absentismuskonzept der Max-Hachenburg-Schule Mannheim, Strategien der Sophie-Scholl-Realschule Karlsruhe, Heidelberger Modellprojekte gegen Schulabsentismus und die Beratungsangebote der Schulpsychologischen Beratungsstelle Heidelberg auf dem Programm. Die Stadt nutzt den Fachtag zur Vernetzung von Schulen, Eltern, Jugendhilfe, Beratungseinrichtungen und Verwaltung.

Dazu passt eine Handreichung, die am 21.07.2023 unter dem Titel „Schulabsentismus verstehen – Kinder und Jugendliche insbesondere in Risikolagen unterstützen und fördern“ erschienen ist. Herausgegeben wurde sie von der landesweiten Koordinierungsstelle „Schulerfolg sichern“; sie entstand in enger wissenschaftlicher Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Heinrich Ricking. Das Material richtet sich insbesondere an Schulsozialarbeitende, Lehrkräfte, Schulleitungen und Sorgeberechtigte und bietet Praxishinweise, Infografiken und Übersichten, Hintergrundwissen, Impulse sowie Orientierung für den Umgang mit