Charismatisch-fundamentalistisches Christentum zwischen Social Media, Politik und Bildung
Am 26. und 27. November 2026 wird Münster zum Treffpunkt für eine Tagung über ein christliches Milieu, das selten in nur eine Schublade passt. Unter dem Titel „Das charismatisch-fundamentalistische Milieu im Christentum des deutschsprachigen Raums: Semantiken, Strukturen, Strategien“ geht es um religiöse Überzeugungen, gesellschaftliche Netzwerke und politische Verbindungen.
Veranstaltet wird die Tagung vom Centrum für Religionsbezogene Studien der Universität Münster. Organisiert wird sie von Prof. Dr. Astrid Reuter und Prof. Dr. Maren Freudenberg. Im Mittelpunkt steht das heterogene charismatisch-fundamentalistische Milieu innerhalb des christlichen Feldes im deutschsprachigen Raum – also kein einheitlicher Block, sondern ein Geflecht verschiedener Gruppen, Sprachen und Interessen.
Endzeit, Familienbilder und politische Bündnisse
Die Beiträge widmen sich drei Schwerpunkten. Der erste betrifft Endzeitvorstellungen und den gesellschaftlichen wie religiösen Aktivismus, der daraus hervorgehen kann. Daneben geht es um heteronormative Geschlechter- und Familienbilder und um die Rolle digitaler Medien bei ihrer kulturellen Verbreitung. Der dritte Schwerpunkt liegt auf Rechtspopulismus und Verbindungen zu rechtskonservativen politischen Bewegungen.
Untersucht werden biblische Semantiken, soziale Strukturen und politische Strategien, durch die sich charismatisch-fundamentalistisches Christentum gesellschaftlich verfestigt. Gerade die digitale Ebene dürfte dabei einiges an Gesprächsstoff liefern: Vorstellungen, die früher in kleinen Kreisen zirkulierten, können heute über soziale Medien weit über den eigenen Gemeindekontext hinaus sichtbar werden.
Auch innerhalb des Katholizismus und des Protestantismus gibt es Strömungen, die sich bewusst von einem liberalen und aufklärungsoffenen Christentum abgrenzen. Sie berufen sich auf Glaubensgrundlagen, die sie als unveränderlich verstehen. Teile dieser Strömungen positionieren sich politisch rechts oder weit rechts der Mitte; einige verschärfen ihre religiösen und politischen Aussagen kulturkämpferisch und unterstützen rechtspopulistische Parteien.
Die Verbindung verläuft allerdings auch in die andere Richtung: Innerhalb der politischen „Neuen Rechten“ gibt es einen Flügel, der sich ausdrücklich christlich versteht. Weil die Bezeichnung „rechts“ im Deutschen häufig pauschal abwertend verwendet und undifferenziert mit „rechtsextrem“ gleichgesetzt wird, wird für diese vielfältige Sphäre mitunter der offenere englische Begriff „Rightwing Christianity“ verwendet.
Zwischen Gemeinde, Social Media und Bildungsfragen
Eine Untersuchung von Rahel Sarai Kellich beschreibt christlich-fundamentalistische Strömungen in Deutschland und leitet daraus im Vergleich mit den USA pädagogische Implikationen ab. Christlicher Fundamentalismus wird darin als zunehmend relevantes gesellschaftliches Thema gefasst, während die deutsche Landschaft bislang als wenig erforscht gilt.
Unterschieden werden zwei Hauptströmungen: klassisch-fundamentalistische Gemeinschaften und lifestyle-orientierte Gemeinschaften. Letztere präsentieren sich trotz eines rigiden fundamentalistischen Unterbaus modern und anschlussfähig. Das macht sie gerade für junge Menschen interessant – sowohl innerhalb klassisch-fundamentalistischer Milieus als auch darüber hinaus.
Internationale Vernetzung über soziale Medien und sogenannte Christfluencer:innen erhöht die öffentliche Sichtbarkeit fundamentalistischer Narrative. Der Begriff klingt fast harmlos nach Alltag, Clips und freundlicher Kameraansprache. Dahinter können jedoch autoritäre Glaubens- und Führungsprinzipien stehen, eine starke Konzentration auf die eigene Gemeinschaft und die Abgrenzung nach außen.
Hinzu kommen die Ablehnung weltlicher und liberaler Werte, eine starke Vereinfachung komplexer Zusammenhänge sowie Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen. Fundamentalistisch geprägte Akteur:innen verfolgen auch in Deutschland einen Gestaltungsanspruch im Bildungsbereich. Ein unmittelbarer Vergleich mit den Entwicklungen im US-amerikanischen Bildungssystem ist dabei nur eingeschränkt möglich.
Für demokratische Bildung sind solche Strukturen eine knifflige Angelegenheit: Autoritäre Ordnungen und geschlossene Weltbilder stehen der Förderung von Autonomie, kritischem Denken und pluralem Dialog entgegen. Kellich plädiert deshalb dafür, pädagogische Strategien und Konzepte im Umgang mit christlichem Fundamentalismus weiterzuentwickeln. Ziel ist eine Bildung, die junge Menschen zu urteilsfähigen und mündigen Bürger:innen befähigt.
Termin und Anmeldung
Die Tagung findet im Hörsaalgebäude des Exzellenzclusters, Raum JO 101, Johannisstraße 4, 48143 Münster, statt. Anmeldungen sind bis zum 15. November 2026 per E-Mail an irina.rempel@uni-muenster.de möglich.
Für Rückfragen ist das Institut für Religionswissenschaft der Universität Münster zuständig: Robert-Koch-Straße 40, 48149 Münster, religionswissenschaft@uni-muenster.de, Tel. +49 251 83-32667. Weitere Informationen stehen im Veranstaltungskalender der Universität Münster.
Der Beitrag von Rahel Sarai Kellich wurde am 19. Dezember 2025 veröffentlicht. Erschienen ist er in der Zeitschrift für praxisorientierte (De-)Radikalisierungsforschung, Band 4, Heft 1 (2025), S. 36–66. Für die Tagung in Münster bleibt damit ein Feld, das zwischen religiöser Sprache, digitalen Öffentlichkeiten, politischen Bündnissen und pädagogischer Praxis ziemlich viel Platz für Reibung lässt.
