Die Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Amerikastudien (DGfA) hat begonnen und findet vom 28. bis 30. Mai 2026 an der Universität Münster statt. Es ist eine bemerkenswerte Rückkehr an diesen Standort, da die letzte Tagung vor 35 Jahren hier stattfand. Diese historische Wiederbelebung eröffnet den Teilnehmern die Möglichkeit, sich über das Thema „Kinship in American Studies“ auszutauschen und tief in die kulturellen Narrative und Phänomene einzutauchen, die mit dem uns vertrauten Begriff „typisch amerikanisch“ verbunden sind. Die Tagung wird von Prof. Dr. Silvia Schultermandl geleitet, die die Entwicklung der American Studies vom Kalten Krieg bis zur Gegenwart thematisiert.
Die American Studies entstanden ursprünglich im Kontext des Kalten Krieges, beginnend mit dem Salzburg Global Seminar 1947, dessen Ziel es war, demokratische Werte nach der Tragödie der Nazi-Diktatur zu vermitteln. Bis in die 1980er Jahre waren die amerikanistischen Forschungsansätze von der „Myth-and-Symbol“-School geprägt, die sich stark auf das 19. Jahrhundert konzentrierte. Mit der Zeit shiftete der Fokus zu den USA als globaler Weltmacht, was in der Entwicklung der „New American Studies“ kulminierte. Seit den 2000ern hat sich das Feld zudem auf transnationale Bezüge ausgeweitet, wie zum Beispiel durch die Arbeiten von May Ayim.
Aktuelle Herausforderungen
Die gegenwärtige Lage an US-Universitäten zeigt eine besorgniserregende Entwicklung: Bestimmte Forschungsfelder erfahren Einschränkungen, besonders unter der Trump-Administration. Diese ist auch nicht nur auf die Geisteswissenschaften beschränkt, sondern betrifft ebenso die Naturwissenschaften, die sich nicht mit konservativen Werten und Meinungen decken. Das Tagungsthema „Kinship“ wird somit als ein positiver Gegenentwurf zu diesen politischen Strömungen betrachtet.
Die Konferenz beleuchtet, wie der Begriff „Familie“ und „Verwandtschaft“ von konservativen Kräften in den USA oft idealisiert und damit zugleich konstruiert dargestellt wird. Verbotene Kinderbücher, die alternative Bilder von Familie vermitteln, sind nur ein Beispiel für diese Tendenz. Doch die Tagung nimmt auch feministische, queere und rassismuskritische Perspektiven ein, um die Machtstrukturen im Familienleben zu hinterfragen. Das Familienleben wird dabei nicht als statisch, sondern als politisch motiviert betrachtet, das entweder den Mainstream widerspiegelt oder sich aktiv gegen ihn stellt.
Solidarität und Care-Arbeit
Ein zentraler Baustein des Tagungsthemas „Kinship“ sind Konzepte wie Solidarität, Care-Arbeit und ehrenamtliches Engagement. Historische Beispiele wie die AIDS-Krise in den 1980er Jahren, als alternative soziale Strukturen notwendig wurden, unterstreichen die Relevanz dieser Themen. Auch Adoptionen werden als Beispiel für biographische Brüche und starke emotionale Bindungen diskutiert, wobei Mitglieder der DGfA die Dynamiken von Literatur und Kultur erforschen, die mit der Konstruktion von amerikanischer Identität verwoben sind.
In einer Welt, in der die globalen Kontexte der Amerikas immer stärker in den Vordergrund rücken, spielt auch das Obama Institute for Transnational American Studies in Mainz eine bedeutende Rolle. Es fördert die Forschung und Lehre zu Themen rund um die Amerikas und legt besonderen Wert auf die Beziehungen zwischen Mainz und den Vereinigten Staaten. Studiengänge in American Studies sowie innovative Forschungsansätze wie Indigenous Studies und Politische und Intellektuelle Geschichte werden hier aktiv unterstützt.
Die kommende Jahrestagung der DGfA bietet einen Raum für essentielle Diskussionen und Einsichten. In diesen bewegten Zeiten stellt sich die Frage, wie die American Studies weiterhin relevante Diskurse vorantreiben können. Der Fokus auf Kinship und die Herausforderung traditioneller Narrative könnten dabei Antworten und neue Perspektiven hervorbringen, die über die Grenzen der Geisteswissenschaften hinauswirken.