In Münster geht es im kommenden Winter um eine Frage, die ziemlich alltäglich klingt und doch schnell ins Grundsätzliche führt: Wie leben Menschen mit anderen Tieren zusammen? Das Forschungsnetzwerk Tier-Mensch-Studien der Universität Münster lädt im Wintersemester 2026/2027 zur öffentlichen Ringvorlesung „Von Menschen und anderen Tieren“ ein.

Die Termine beginnen jeweils um 18 Uhr und finden jeden zweiten Dienstag im Fürstenberghaus, Hörsaal F4, Domplatz 20–22, statt. Die Reihe ist öffentlich und für alle Interessierten zugänglich. Auftakt ist heute, am 20. Oktober 2026, mit der Theologin Prof. Dr. Anne Käfer und ihrem Vortrag „Vom ius animalium. Eine Frage der Rechtfertigung“.

Von Tierrechten bis zum Anthropozän

Auf dem Programm stehen unter anderem die Begründung von Tierrechten, die Rolle von Tieren in Politik und Religion, soziale Beziehungen zwischen Menschen und Tieren, Tierleid und politische Repräsentation. Auch das Zusammenspiel von Menschen und Tieren in Landschaften sowie das Schicksal der Tiere im Anthropozän werden thematisiert.

Die Forschenden kommen aus unterschiedlichen Fachrichtungen: Islamische Theologie, Philosophie, Politikwissenschaft, Landschaftsökologie, Verhaltensbiologie und Psychologie bringen jeweils eigene Fragen und Arbeitsweisen mit. Genau diese Mischung gehört zum Kern der Mensch-Tier-Studien. Sie untersuchen vielfältige Interaktionen und verbinden dafür unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven.

Beziehungen zu einzelnen Tieren entstehen unter sehr verschiedenen Bedingungen und können ganz unterschiedlich aussehen. Auch das abstrakte Verhältnis zwischen Mensch und Tier und zwischen anderen Lebewesen ist historisch entstanden – es ist also nicht für alle Zeiten festgeschrieben. Die Archäozoologie untersucht beispielsweise, wie frühe Domestizierungen entstanden.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Menschliche Ordnungssysteme haben hierarchische Modelle zur Einteilung der Natur hervorgebracht. Sie helfen bei der Orientierung, enthalten aber neben beschreibenden auch wertende und vorschreibende Elemente. Solche Einteilungen finden sich etwa in religiösen Darstellungen; auch die wissenschaftliche Erforschung der Natur ist von historischen Voraussetzungen geprägt.

Wer darf dazugehören?

In den Human-Animal Studies geht es deshalb um Interaktionen und Machtverhältnisse zwischen Menschen und Tieren in Geschichte und Gegenwart, um die künstliche Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren sowie um Ethik und Anthropozentrik – also um die Annahme, dass alles, Tiere eingeschlossen, für den Menschen existiere.

Untersucht wird außerdem die Wirkmacht von Tieren auf einzelne Menschen und Gesellschaften, oft mit dem Begriff „Agency“ bezeichnet. Eine Rolle spielen auch die Unterscheidung zwischen „essbaren“ und „nicht essbaren“ Tieren, Speziesismus – die Diskriminierung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies – und die Kategorisierung von Tieren.

Der pluralistische Methodenansatz verbindet verschiedene Blicke auf die historisch und gesellschaftlich entstandenen Vorstellungen von „Mensch“, „Tier“ und ihren Beziehungen. Dadurch geraten auch Ein- und Ausgrenzungen als Ordnungsmuster ins Bild. Ein Huhn, das als Haustier mit einer Familie lebt und Eier liefert, steht für einen anderen Zugang zu Tier und Tierprodukt als ein anonymes, großes Eierangebot im Supermarkt. Klingt nach einem kleinen Unterschied, ist aber keiner.

Für die Beziehungen zwischen Menschen und Tieren gelten dabei zwei grundlegende Bedingungen: Lebewesen müssen sich zur Erhaltung ihres Lebens von anderem Leben ernähren. Zugleich kann die Achtung vor individuellem Leben in der Massentierhaltung nicht gewährleistet werden. Wer Tierwohl, Tierschutz und Tierrechte ernst nimmt, kommt daher an Reformen in der Massentierhaltung und in anderen Bereichen nicht vorbei.

Auch die Wiederansiedlung von Wölfen, Bären oder Adlern in der Nähe von Wohngebieten ist ein Forschungs- und Konfliktfeld. Solche Entwicklungen machen sichtbar, wie das gesellschaftlich „Normale“ entstanden ist, und öffnen den Blick für andere Formen des Zusammenlebens. Nähe und Distanz, Fürsorge und Abwehr liegen dabei manchmal erstaunlich dicht beieinander.

Erzählungen, Bilder und blinde Flecken

Menschen halten ihre direkten Beziehungen zu Tieren seit jeher in Erzählungen und Vorstellungen fest. Daraus entstehen emotionale Bindungen, manchmal auch Ablehnung. Solche kulturell prägenden Erzählungen werden als Narrative bezeichnet. Andere Beziehungen verschwinden dagegen aus dem Blick – etwa die Bedingungen, unter denen tierische Produkte wirtschaftlich verarbeitet werden, in Schlachthäusern zum Beispiel.

Mediale Darstellungen projizieren menschliche Ängste und Hoffnungen auf Tiere. Man denke an „Moby Dick“ oder an die Figur Isegrim. Tieren werden aber auch Eigenschaften und Tugenden wie Treue, Zuverlässigkeit, Loyalität oder Teamgeist zugeschrieben: in „Lassie“, „Flipper“, „Black Beauty“ sowie in den Erzählungen über Alexander und Bukephalos.

Mischwesen und Schimären tauchen in antiken Mythen und Bauwerken ebenso auf wie in Science-Fiction-Erzählungen über mögliche Kontakte mit vernunftbegabten außerirdischen Lebewesen. Ethnologie und Ethno-Soziologie untersuchen, wie unterschiedlich Kulturen typische Tiere ihrer Regionen erzählen und welche Selbst- und Fremdbilder in Begegnungen entstehen. In bestimmten Perspektiven kann sogar das gejagte Tier als Person gelten, die sich selbst als Mensch und den Jäger als Tier wahrnimmt.

Geschichten und historische Darstellungen können den Blick auf Tiere und auf das menschliche Selbstverständnis erweitern. Auch die Darstellung von Tieren in Medien lässt sich untersuchen, um die eigene Beziehung zu ihnen zu reflektieren. Journalistische Berichte thematisieren Haltungsbedingungen, Dokumentationen begleiten unter anderem Tierschützer und Tierbefreier. Zugleich beeinflussen Medienformate, wie das Publikum Mensch-Tier-Interaktionen versteht – etwa Berichterstattungen über die Fleischindustrie während der Corona-Krise.

Eine Veränderung der Tiernutzung betrifft dabei automatisch auch die Nutzung menschlicher Arbeitskraft in den Produktionsketten. Das ist der Moment, an dem die vermeintlich ferne Tierfrage plötzlich sehr nah kommt.

Ein Forschungsfeld mit Geschichte

Human-Animal Studies, auch Animal Studies oder Anthrozoologie genannt, sind ein interdisziplinäres Forschungsfeld zu den Beziehungen zwischen Menschen und Tieren. Beteiligt sind unter anderem Soziologie, Psychologie, Geschichtswissenschaft, Erziehungswissenschaft, Philosophie, Anthropologie, Kulturwissenschaft und Geographie.

Das Feld entstand ab den 1980er-Jahren im angloamerikanischen Raum. Seine akademische und organisatorische Eigenständigkeit bildete sich in den 1990er-Jahren heraus. Im deutschsprachigen Raum nahmen Veröffentlichungen und erste Etablierungsschritte seit etwa 2000 zu.

Geforscht wird zu Darstellungen von Tieren in Kunst, Medien und Literatur, zu ihren kulturellen und symbolischen Bedeutungen sowie zur Rolle von Tieren und Tierbildern in Denksystemen und in der westlichen Ideengeschichte. Hinzu kommen Interaktionen zwischen Menschen und Tieren, tierbezogene Praktiken und der Umgang mit Tieren in Wissenschaft, Wirtschaft und Landwirtschaft.

Weitere Felder sind Tierrechte, Tierbefreiung und die dazugehörigen sozialen Bewegungen, historische Veränderungen im Umgang mit Tieren und in den Einstellungen gegenüber ihnen sowie Mensch-Tier-Verhältnisse als Gewalt- und Ausbeutungsverhältnisse. Untersucht werden außerdem Verbindungen zwischen Herrschaftsverhältnissen gegenüber Tieren und zwischenmenschlichen Herrschaftsformen.

Seit 2009 entstanden im deutschsprachigen Raum mehrere Organisationen und Netzwerke: das Bündnis Mensch und Tier in München, gegründet 2009, die Group for Society and Animals Studies (GSA) am Institut für Soziologie der Universität Hamburg, gegründet 2010, und Chimaira – Arbeitskreis für Human-Animal Studies, seit 2010 vor allem in Berlin tätig. Ebenfalls 2010 wurde das Messerli Forschungsinstitut an der Veterinärmedizinischen Universität Wien gegründet; dort wird unter anderem ein interdisziplinärer Masterstudiengang zur Mensch-Tier-Beziehung angeboten.

2011 und 2012 kamen weitere Netzwerke hinzu: das Nachwuchsforschernetzwerk Cultural and Literary Animal Studies (CLAS) an der Universität Würzburg, das inzwischen etwa 70 Promovierende und Postdocs vernetzt, das geschichtswissenschaftliche Netzwerk Animals and History / Tiere und Geschichte sowie die Ländergruppe Minding Animals Germany.

Seit Januar 2014 gibt es an der Universität Kassel den interdisziplinären Forschungsschwerpunkt „Tier – Mensch – Gesellschaft“. 2022 wurde an der Kunsthochschule für Medien Köln die Professur „Multispecies Storytelling“ eingerichtet. Das gleichnamige Lehrgebiet ermöglicht ein Kunststudium mit Schwerpunkt auf Human-Animal Studies.

Das wachsende Interesse zeigt sich