Uni Münster, 6. Oktober 2026. In Nordrhein-Westfalen wird über Evonik gesprochen, als ginge es längst um mehr als eine mögliche Übernahme. Die SPD-Fraktion im Landtag fordert die schwarz-grüne Landesregierung auf, sich für die Eigenständigkeit des Essener Spezialchemiekonzerns einzusetzen. Geprüft werden soll außerdem, welche Möglichkeiten das Land hat, eine Übernahme durch BASF zu verhindern und Evoniks unternehmerische Selbstständigkeit zu erhalten.

Eine Staatsbeteiligung soll dabei ausdrücklich nicht ausgeschlossen werden. Eine Entscheidung über einen Einstieg des Landes gibt es bisher aber nicht. Auch ein Zusammenschluss zwischen BASF und Evonik ist bislang nicht vereinbart. BASF hatte Ende September lediglich Sondierungen mit Evonik und der RAG-Stiftung bestätigt. Wie die Gespräche verlaufen und was daraus wird, sei offen.

SPD verlangt Antworten aus Düsseldorf

SPD-Fraktionschef Jochen Ott unterstützt den Antrag. Bereits Ende September hatte er mehrere Kleine Anfragen zur Rolle der Landesregierung gestellt. Unter anderem wollte er wissen, seit wann Ministerpräsident Hendrik Wüst von der BASF-Initiative wusste, welche Gespräche mit Evonik, BASF, der RAG-Stiftung und Arbeitnehmervertretern geführt wurden und welche Position die Landesregierung zum Erhalt eines eigenständigen Evonik-Konzerns vertritt.

Auch Wirtschaftsministerin Mona Neubaur wurde nach konkreten Maßnahmen für Investitionen, Arbeitsplätze und industrielle Entscheidungsstrukturen gefragt. Die SPD verlangt von der Landesregierung damit eine aktivere Rolle. Regierung und Opposition verfolgen grundsätzlich dasselbe Ziel: Arbeitsplätze und Standorte sollen geschützt werden. Mit der Forderung, zusätzlich einen direkten Einstieg des Landes zu prüfen, geht die SPD allerdings einen Schritt weiter. Ob CDU und Grüne eine Beteiligung unterstützen würden – und in welcher Größenordnung sie überhaupt denkbar wäre –, war zunächst offen.

Die Landesregierung erklärte, Arbeitsplätze und die eigenständige Entwicklung Evoniks dürften durch die Überlegungen nicht infrage gestellt werden. Der Konzern sei für die industrielle Basis Nordrhein-Westfalens wichtig und im Ruhrgebiet stark verankert. Das klingt nüchtern, ist aber für Essen und die Region eine ziemlich konkrete Frage: Wer entscheidet künftig über Investitionen, Werke und Beschäftigung?

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Ein Angebot, aber kein fertiger Deal

Evonik bestätigte inzwischen ein unverbindliches Übernahmeangebot von BASF. Nach Angaben des Essener Unternehmens strebt BASF ein freiwilliges öffentliches Angebot für sämtliche Evonik-Aktien an. Evonik erklärte zugleich, den Vorgang nicht weiter zu kommentieren; derzeit fänden keine Gespräche statt. Zuvor hatten mehrere Medien über mögliche Übernahmepläne berichtet.

BASF hatte am 25. September Gespräche mit Evonik und der RAG-Stiftung bestätigt. Der Chemiekonzern erklärte, Akquisitionen grundsätzlich daraufhin zu prüfen, ob sie Kerngeschäfte stärken, profitables Wachstum ermöglichen und Wert schaffen. Eine Zusage für eine Transaktion machte BASF nicht. Laut Financial Times schlugen Evonik und die RAG-Stiftung einen Zusammenschluss vor. Reuters berichtete unter Berufung auf informierte Personen, Evonik habe eine Offerte von rund 10,3 Milliarden Euro als zu niedrig zurückgewiesen. Die beteiligten Unternehmen bestätigten diese Bewertung beziehungsweise einen entsprechenden Kaufpreis nicht.

Offen bleibt deshalb, ob BASF einen neuen Anlauf unternimmt und zu welchen Bedingungen eine Transaktion weiterverfolgt werden könnte. Zwei große deutsche Chemiekonzerne würden in einer Phase schwacher Nachfrage, hoher Kosten und umfassender Strukturveränderungen in der europäischen Chemieindustrie zusammengeführt. Das ist kein kleines Planspiel am Reißbrett.

An der Börse war Evonik rund 8,4 Milliarden Euro wert, BASF rund 47 Milliarden Euro. Nach Bekanntwerden der Übernahmegerüchte stieg die Evonik-Aktie zeitweise um 11 Prozent auf den höchsten Stand seit Mai 2025. Die BASF-Aktie fiel zeitweise um rund 3 Prozent.

Die RAG-Stiftung sitzt an einem entscheidenden Hebel

Die RAG-Stiftung hält mehr als 40 Prozent der Evonik-Aktien, nach Angaben aus der Berichterstattung rund 43 Prozent. Damit ist sie mit Abstand größter Anteilseigner und hätte bei einer Übernahme eine Schlüsselrolle. Einen vollständigen Verkauf ihrer Beteiligung hält die Stiftung grundsätzlich für möglich. Für eine weitergehende Veräußerung wäre allerdings die Zustimmung des Kuratoriums erforderlich. Die Stiftung äußerte sich zunächst nicht.

Vorsitzender des Kuratoriums ist der frühere nordrhein-westfälische Ministerpräsident Armin Laschet. Ministerpräsident Hendrik Wüst gehört dem Gremium kraft seines Amtes an. Weitere Mitglieder kommen unter anderem aus Bundes- und Landespolitik sowie von den Gewerkschaften. Das Kuratorium kann damit maßgeblichen Einfluss auf die Eigentümerstruktur Evoniks nehmen.

Die RAG-Stiftung finanziert aus ihrem Vermögen langfristige Aufgaben nach dem Ende des deutschen Steinkohlenbergbaus. Evonik ist ein bedeutender Bestandteil dieses Anlagevermögens, gleichzeitig strebt die Stiftung seit Jahren eine stärkere Risikostreuung an. Genau deshalb wird ihre Haltung so aufmerksam verfolgt – und irgendwie klingt jede kleine Bewegung dort sofort nach großer Industriepolitik.

Evonik baut um und spart

Evonik beschäftigt weltweit rund 31.000 Menschen, ist in mehr als 100 Ländern aktiv und hat seinen Hauptsitz in Essen. Im Geschäftsjahr 2025 erzielte der Konzern einen Umsatz von 14,1 Milliarden Euro und ein bereinigtes EBITDA von rund 1,9 Milliarden Euro. Für 2026 erwartet Evonik ein bereinigtes EBITDA zwischen 1,7 und 2,0 Milliarden Euro.

Der Konzern arbeitet an Kostensenkungen und einer stärkeren Bündelung seiner Strukturen. Interimschef Claus Rettig will Evonik auf profitable Kerngeschäfte konzentrieren und durch Einsparungen Spielraum für neue Investitionen schaffen. Mitte Juni kündigte das Unternehmen an, bis Ende 2029 weltweit etwa 3.200 Stellen abzubauen, davon 2.150 in Deutschland.

In Deutschland sollen unter anderem kleinere Standorte in Hamburg und Bitterfeld geschlossen werden. Aktivitäten sollen an größeren Standorten konzentriert werden. Für die Beschäftigten ist das keine abstrakte Strategiefolie, sondern eine ziemlich harte Ansage.

Auch die Chemiekonjunktur liefert ein gemischtes Bild. Das Geschäftsklima in der Chemieindustrie verbesserte sich zuletzt; der ifo-Index stieg im August von minus 26,3 auf minus 2,4 Punkte. Als ein Grund für die gestiegene Nachfrage nach deutschen Chemieprodukten wurde die Sperrung der Straße von Hormus genannt. Gleichzeitig bleiben Nachfrage, Kosten und internationale Konkurrenz zentrale Belastungen.

Wie sich die Branche entwickelt, lässt sich in den Kennzahlen des Verbands der Chemischen Industrie nachverfolgen. „Chemiewirtschaft in Zahlen“ bietet einen Überblick über die deutsche chemisch-pharmazeutische Industrie, ihre Bedeutung für die deutsche und europäische Wirtschaft, internationale Vergleiche sowie Energie- und Rohstoffeinsatz, Forschungsaktivitäten und weitere Themen.

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