Am Samstag, 31. Oktober 2026, wird es auf der Studiobühne der Universität Münster sehr still – und dann hoffentlich ziemlich eindringlich. Beim internationalen Rezitationswettbewerb „Rainer Maria Rilke“ treten 15 junge Rezitationskünstlerinnen und -künstler an. Studierende der Schauspiel- und Sprechkunst sind dabei, aber auch Laien. Im Mittelpunkt stehen Vortrag, Klang, Rhythmus und die Interpretation von Rilkes bildreicher Lyrik.

Der öffentliche Rezitationsabend beginnt um 20:00 Uhr in der Studiobühne im Philosophikum, Domplatz 23, Münster. Der Eintritt ist frei. Einlasskarten können per E-Mail an rhetorik@uni-muenster.de angefordert werden. Am Ende vergibt das Publikum einen Publikumspreis – Abstimmen gehört also ausdrücklich dazu.

Vom ausgelosten Auftritt bis zur Zugabe

Die Veranstaltung läuft bereits am Nachmittag an: Von 14:00 bis 22:00 Uhr ist der Wettbewerb angesetzt. Um 14:00 Uhr stellen sich die 15 Kandidatinnen der Jury vor. Die Reihenfolge wird ausgelost. Jede Person trägt selbst gewählte Texte sowie einen von der Jury vorgegebenen Text vor. Dafür gibt es maximal zehn Minuten; wer die Zeit überschreitet, wird disqualifiziert. Eine ziemlich harte Uhr, aber bei einem Wettbewerb eben keine Küchenuhr, die man großzügig ignoriert.

Für den öffentlichen Abend wird die nachmittags ausgeloste Reihenfolge umgekehrt. Moderiert wird er von Dr. Andrea Kresimon. Wer die Einführung übernimmt, ist noch nicht benannt. Die Jury wählt die Texte für den Abend in Absprache mit den Teilnehmenden aus, jede Person trägt mindestens einen Text vor. Vorgesehen sind sechs bis zehn Minuten Sprechzeit. Zusätzlich soll jede Person eine auswendig vorgetragene Zugabe vorbereiten; sie muss nicht von Rilke stammen.

Gegen Ende des Abends werden die Preisträgerinnen und der Publikumspreis bekannt gegeben. Für den ersten Preis der Jury gibt es 1.000 Euro, der zweite Preis ist mit 500 Euro dotiert, der dritte mit 200 Euro. Der Publikumspreis beträgt ebenfalls 500 Euro.

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Wer teilnehmen durfte – und worauf es ankommt

Die Zahl der Bewerber*innen war auf maximal 15 begrenzt. Teilnehmen durften Personen bis einschließlich 30 Jahre, wobei der Geburtstag im Wettbewerbsjahr zählt. Wer bereits dreimal dabei war, durfte nur antreten, wenn Plätze frei blieben. Anmeldeschluss war der 30. September 2026. Die Anmeldung erfolgte per E-Mail mit Anmeldeformular an Xenia Multmeier; in der Nachricht mussten auch die gewählten Rilke-Gedichte angegeben werden.

Das Startgeld betrug 50 Euro. Gültig wurde die Anmeldung nach Zahlungseingang, Teilnehmende, die erschienen, bekamen das Geld zurückerstattet. Zur Auswahl stehen sämtliche Gedichte Rainer Maria Rilkes, Auszüge oder sinnvoll gekürzte Abschnitte sind erlaubt. Alle Texte müssen frei beziehungsweise auswendig vorgetragen werden.

Für alle verbindlich ist dieser Vergleichstext:

„Das ist die Sehnsucht: wohnen im Gewoge und keine Heimat haben in der Zeit.
Und das sind Wünsche: leise Dialoge täglicher Stunden mit der Ewigkeit.
Und das ist Leben. Bis aus einem Gestern die einsamste Stunde steigt,
die, anders lächelnd als die andern Schwestern, dem Ewigen entgegenschweigt.“

Bewertet werden Ausdrucksstärke und stimmlich-sprecherische Modulationsfähigkeit, außerdem die Berücksichtigung von Perspektive, Struktur, Rhythmus und Stimmung des Textes. Die Vortragenden sollen bei den Zuhörenden eine dem Text entsprechende Vorstellung erzeugen, eine erkennbare Deutung zeigen und eigenständig sowie glaubwürdig präsentieren. Auch Sprech- und Körperausdruck müssen angemessen eingesetzt werden. Es geht also nicht bloß darum, schöne Zeilen möglichst fehlerfrei aufzusagen.

Veranstalter sind das Centrum für Rhetorik, Kommunikation und Theaterpraxis der Universität Münster und das Germanistische Institut. Organisiert wird der Wettbewerb von Dr. Augustin Ulrich Nebert, Xenia Multmeier und dem Team des Centrums für Rhetorik.

Die vorläufige Jury besteht aus Marcel Hinderer, Diplompädagoge und Sprecherzieher an der Pädagogischen Hochschule Freiburg, Ellen Zitzmann, emeritierte Lehrkraft für Sprechkunst an der HMDK Stuttgart, Xenia Multmeier, M.A., Universität Münster und Sprecherzieherin, sowie Dr. Anna Wessel von der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Sprechwissenschaftlerin. Eine Lehrkraft für Sprecherziehung der Hochschule für Schauspielkunst Berlin ist angefragt.

Für Studierende gibt es außerdem eine Reisekostenerstattung: Bahnfahrten werden erstattet, wenn bis spätestens 18. Oktober 2026 ein Supersparpreis gebucht wurde. Bei Pkw-Nutzung werden 20 Cent pro Kilometer erstattet; zugleich wird um die Bildung von Fahrgemeinschaften gebeten. Heute ist der 19. Oktober 2026 – für die Bahn-Frist ist es damit schon knapp.

Der Dichter hinter dem Wettbewerb

Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 als René Karl Wilhelm Johann Josef Maria Rilke in Prag geboren. Prag war damals die Hauptstadt Böhmens, eines Landes Österreich-Ungarns; Rilke besaß die altösterreichische Staatsbürgerschaft. Sein Vater Josef Rilke (1839–1906) war Bahnbeamter, seine Mutter Sophie, „Phia“, Rilke, geborene Entz (1851–1931), stammte aus einer wohlhabenden Prager Fabrikantenfamilie. Die väterliche Familie kam aus Türmitz in Nordböhmen.

Seine Kindheit war von familiären Spannungen geprägt. Der Vater hatte eine angestrebte Militärkarriere aufgegeben und war Bahnbeamter geworden. Die Mutter verkraftete den Tod ihrer 1874 verstorbenen, frühgeborenen Tochter nicht und erzog René zeitweise in deren Rolle. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wurde Rilke als Mädchen gekleidet und erzogen; frühe Fotografien zeigen ihn mit langem Haar und Kleid.

Mit sechs Jahren kam er an eine katholische Volksschule der Piaristen in der Prager Neustadt. Trotz kränklicher Gesundheit erzielte er während der vierjährigen Schulzeit gute Leistungen. 1884 trennten sich seine Eltern dauerhaft, ohne sich scheiden zu lassen. Nach einer kurzen Zeit alleiniger Erziehung durch die Mutter besuchte René eine Militär-Unterrealschule in St. Pölten, ab 1886 die Militärrealschule zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn. Der militärische Drill passte denkbar schlecht zu seinen dichterischen und zeichnerischen Interessen. Nach sechs Jahren brach er die militärische Ausbildung aus gesundheitlichen Gründen ab.

Es folgte die Handelsakademie in Linz, wo Rilke bei dem Verleger Hans Drouot wohnte. Im Mai 1892 musste er Linz wegen einer nicht geduldeten Beziehung zu dem älteren Kindermädchen Olga Blumauer verlassen. Er wurde in einem Wiener Liebesnest aufgegriffen und von seinem Onkel Jaroslav nach Prag zurückgebracht. Damit waren sowohl die militärische als auch die wirtschaftliche Berufslaufbahn beendet.

Von 1892 bis 1895 bereitete sich Rilke im privaten Unterricht auf die Matura vor; 1895 bestand er die Prüfung. Im selben Jahr begann er an der Deutschen Universität Prag Literatur, Kunstgeschichte und Philosophie zu studieren. 1896 wechselte er zur Rechtswissenschaft und setzte sein Studium ab September an der Universität München fort. Im März 1897 besuchte er erstmals Venedig.

Am 12. Mai 1897 lernte er in München die Schriftstellerin und Intellektuelle Lou Andreas-Salomé kennen und verliebte sich in sie. Auf ihren Vorschlag änderte er seinen Vornamen von René in Rainer. Die Beziehung zu der älteren, verheirateten Andreas-Salomé dauerte bis 1900; sie blieb bis zu Rilkes Tod seine wichtigste Freundin und Beraterin. Ihre später erworbenen psychoanalytischen Kenntnisse, unter anderem bei Sigmund Freud 1912/1913, beeinflussten vermutlich ihre Beratung Rilkes. Freud bezeichnete sie 1937 als Muse und fürsorgliche Mutter des im Leben hilflosen Dichters.

Reisen, Rodin und die großen Werke

Im Herbst 1897 folgte Rilke Andreas-Salomé nach Berlin und wohnte in ihrer Nähe. Dort lernte er Mathilde und Karl Gustav Vollmoeller kennen. 1898 unternahm er eine mehrwöchige Italienreise und kam über Heinrich Vogeler, den