Historische Bildpostkarten mit Gitarrenmotiven sind ab Freitag im Osnabrücker Schloss zu sehen. Die Universität Osnabrück zeigt dort die Ausstellung „Grüße mit Gitarre“ im Foyer des zweiten Stocks. Eröffnet wird sie um 14 Uhr im Rahmen des GuitarFests.

Die vergrößerten Postkarten stammen überwiegend aus der Zeit um 1900. Zu sehen sind Musiker, Filmstars und Mitglieder der Jugendbewegung der Wandervögel – also Motive, die nicht nur Instrumente abbilden, sondern nebenbei erzählen, welchen Platz die Gitarre damals in der Gesellschaft hatte. Grundlage ist das Bildpostkartenarchiv der Universität Osnabrück mit rund 40.000 historischen Bildpostkarten.

Als die Gitarre auf der Postkarte landete

Um 1900 erlebte die Gitarre im deutschsprachigen Raum eine Renaissance. Zugleich hatte sich die Postkarte, die in den meisten europäischen Ländern um 1870 eingeführt worden war, zu einem verbreiteten sozialen Medium entwickelt. Jährlich erschienen mehrere tausend neue Motive – darunter zahlreiche Darstellungen von Gitarren.

Die Auswahl reicht von Werbekarten verschiedener Ensembles über Autogrammkarten von Filmstars bis zu Illustrationen bestimmter Lieder. Auch die Jugendbewegung „Wandervogel“ ist vertreten; sie trug zur Verbreitung der Gitarre bei. Eine kleine Karte, ein paar Zeilen, ein Instrument im Bild – und plötzlich steckt darin ziemlich viel Zeitgeschichte.

Wissenschaftlich wurden Bildpostkarten bislang nur selten als instrumentenkundliche Quellen untersucht. Dabei geben sie Hinweise auf die gesellschaftliche Rolle und die symbolische Funktion der Gitarre ebenso wie auf unterschiedliche Bauweisen. Dazu gehören die Wandervogelgitarre mit Lautenkorpus und die Kontragitarre, die vor allem in Schrammelkapellen verwendet wurde. Die Ausstellung präsentiert die Bandbreite dieser Motive aus dem Bildpostkartenarchiv der Universität Osnabrück.

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Vom Wandern und Singen zum musikalischen Ideal

Die Jugendmusikbewegung, auch „Singbewegung“ genannt, war eine musikpädagogische Richtung des frühen 20. Jahrhunderts, die von der Jugendbewegung beeinflusst wurde. Ihr Ziel: Laien sollten zum gemeinsamen Musizieren angeregt werden und traditionelle Volkslieder pflegen. Ein Ausgangspunkt war die Wiederentdeckung des deutschen Volkslieds um 1900 durch den „Wandervogel“.

Weite Verbreitung fanden Hans Breuers Liederbuch Der Zupfgeigenhansl und die Gitarrenlaute. Im Umfeld der Wandervogelbewegung wurden außerdem ältere Instrumente wieder populär, darunter Blockflöte, Waldzither und Mandoline. Die Musikpraxis entwickelte sich vom Singen beim Wandern und am Lagerfeuer zu einem Ideal gemeinschaftlicher Chormusik. Umgesetzt wurde dieses Ideal in offenen Singstunden und Singwochen, häufig verbunden mit Aufenthalten in Jugendherbergen.

Allerdings vertraten und verbreiteten Teile der Bewegung völkisches Gedankengut. Als eigentliches Gründungsjahr der Jugendmusikbewegung gilt nach Dorothea Kolland 1918, als Fritz Jöde das Buch Musikalische Jugendkultur. Anregungen aus der Jugendbewegung veröffentlichte. Schriften von Fritz Jöde, Walther Hensel und Hans Breuer erweiterten die Jugendbewegung um einen musikalischen Schwerpunkt.

Zwischen Singwochen und politischer Vereinnahmung

Die Singwochen beeinflussten die außerschulische Musikerziehung und die musikpädagogische Landschaft Deutschlands bis in die Zeit des Nationalsozialismus. Der nationalsozialistische Musikhistoriker Joseph Müller-Blattau schrieb 1938: „Das Dritte Reich ist nicht nur erkämpft, sondern auch ersungen worden.“ Ein Satz, der zeigt, wie eng gemeinsames Singen, kulturelle Organisation und politische Vereinnahmung miteinander verbunden werden konnten.

Walter Hensel veröffentlichte ab 1923 zahlreiche Bearbeitungen und Vertonungen von Volksliedern. In Finkenstein nahe seinem Geburtsort Mährisch-Trübau veranstaltete Hensel die erste Singwoche; außerdem war er der erste Autor des neu gegründeten Bärenreiter-Verlags.

Fritz Jöde gründete 1924 den Finkensteiner Bund, der den völkischen Flügel der Jugendmusikbewegung repräsentierte. Der Bund gab die Zeitschrift Singgemeinde sowie sechs Hefte mit dem Titel Die Musikanten, Lieder für die Schule heraus und veranstaltete zahlreiche Singwochen.

Im Hohenloher Land fanden von 1929 bis 1962 mehr als 50 Singwochen statt, die Pfarrer Heinrich Mohr de Sylva leitete oder gemeinsam mit ihm geleitet wurden. Zu den Veranstaltungen gehörten Kantatensonntage mit 300, 600 und bis zu 1000 Teilnehmern. Zwischen den historischen Karten im Schloss wirkt diese Entwicklung plötzlich greifbar: erst die Gitarre als Bildmotiv, dann das Lied in der Gruppe – und dahinter eine ganze Bewegung mit ihren offenen, aber auch dunklen Seiten.