Heute, am 30.10.2026, ist die Geschichte der türkischen Arbeitsmigration in Paderborn zum Greifen nah: im Stadtmuseum – und in den Händen von Nilgün Özel. Dort steht eine Puppe, die ihr Vater einst aus Deutschland in die Türkei schickte. Blonde Haare, blaue Augen, ein Kleid. Für ein Kind war das wohl ein ziemlich großer Schatz.

Özels Vater kam 1965 aus der Türkei nach Deutschland, um zu arbeiten. Seine Familie blieb zurück. Die räumliche Trennung zog sich durch den Familienalltag und prägte ihn nachhaltig. Die Puppe ist heute rund 60 Jahre alt, an mehreren Stellen ist der Stoff eingerissen. Özel bewahrt sie als Erinnerung an ihren damals weit entfernten Vater auf und zeigt sie nun im Paderborner Stadtmuseum, wo sie ausgestellt ist.

Eine Puppe als Nachricht über die Entfernung

Auf einem Foto ist Nilgün Özel mit ihren jüngeren Brüdern und der Puppe zu sehen. Die Kinder schickten das Bild ihrem Vater nach Deutschland – als Dankeschön. Ein kleines Stück Familienleben, festgehalten für jemanden, der nicht dabei sein konnte.

Özel und Recep Alpan erzählen, wie ihre Väter nach Deutschland kamen und wie Paderborn zu ihrer Heimat wurde. Hinter solchen Biografien stehen keine glatten Lebensläufe, sondern lange Abwesenheiten, neue Arbeitsplätze, fremde Unterkünfte und die Frage, wann man eigentlich nicht mehr nur zu Besuch ist.

Der Anfang vor 65 Jahren

Vor 65 Jahren schlossen Deutschland und die Türkei ein Anwerbeabkommen. Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Türkei den Vertrag zur zeitlich begrenzten Anwerbung türkischer Arbeitskräfte. Schon am 27. November kamen die ersten 55 von insgesamt 400 angeworbenen türkischen Bergleuten in Düsseldorf an. Ihre Arbeitsverträge waren zunächst auf ein Jahr angelegt.

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In der Bundesrepublik brummte die Wirtschaft seit den frühen 1950er-Jahren. Arbeitskräfte wurden zuerst vor allem im Bergbau und Straßenbau, später in der Industrie gesucht. 1960 standen etwa 150.000 Arbeitssuchenden rund 650.000 offene Stellen gegenüber. Dahinter steckten mehrere Ursachen: die geringe Geburtenrate während des Ersten Weltkriegs, die im Zweiten Weltkrieg gesunkene Zahl der Erwerbsfähigen und eine zunehmende Bildungsbeteiligung, durch die mehr Menschen länger in Ausbildung blieben.

Arbeitskräfte aus der DDR hatten den Bedarf teilweise gedeckt – bis diese Möglichkeit mit dem Mauerbau 1961 endete. Gleichzeitig steckte die Türkei seit Mitte der 1950er-Jahre in einer schweren Wirtschaftskrise und hatte eine sehr hohe Arbeitslosigkeit. Berichte über die geplante Anwerbung von 15.000 türkischen Arbeitern für die Ford-Werke in Köln ließen das Interesse an einer Arbeitsmigration nach Deutschland stark wachsen.

Es ging dabei nicht nur um Arbeitsmarkt und Geld. Die Türkei sicherte die Südostflanke der NATO, auch außenpolitische Gründe spielten also eine Rolle. Vorbild war das deutsch-italienische Anwerbeabkommen von 1955. 1960 folgten Verträge mit Spanien und Griechenland, später mit Marokko, Portugal, Tunesien und Jugoslawien. Die Abkommen senkten die Arbeitslosigkeit in den Herkunftsländern; deren Volkswirtschaften profitierten zugleich von den Geldüberweisungen der Arbeitskräfte.

Geplant war die Rückkehr

Eine dauerhafte Niederlassung war anfangs nicht vorgesehen. Die Arbeitsverträge waren zunächst auf zwei Jahre befristet, daraus entwickelte sich die Bezeichnung „Gastarbeiter“. Die überwiegend jungen Männer arbeiteten häufig in körperlich schweren Industrieberufen, wechselten oft den Arbeitsplatz und lebten vielfach in Baracken oder beengten Sammelunterkünften.

Viele reisten zunächst ohne ihre Familien ein. Vor der Einreise mussten sie umfangreiche medizinische Untersuchungen absolvieren, die einige mit einer militärischen Musterung verglichen. Das Abkommen sah ein Rotationsprinzip vor: Nach Ablauf der Aufenthaltsfrist sollten die Arbeitskräfte zurückkehren und durch andere ersetzt werden. Viele Unternehmen setzten diese Rotation jedoch aus wirtschaftlichen Gründen aus. Eingearbeitete Beschäftigte wollte man eben nicht so leicht wieder hergeben.

Bis zum Anwerbestopp 1973 kamen etwa 870.000 Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aus der Türkei in die Bundesrepublik; rund 500.000 kehrten im selben Zeitraum zurück. Wegen der Ölkrise und der folgenden wirtschaftlichen Stagnation verfügte die Bundesregierung im November 1973 den Anwerbestopp, um ein Überangebot an Arbeitskräften zu verhindern.

Während einige Arbeitskräfte aus Südeuropa zurückgingen, blieben viele türkische Beschäftigte in Westdeutschland. In der Türkei herrschten politische und wirtschaftliche Unsicherheiten, darunter Arbeitslosigkeit, der Militärputsch und Hyperinflation. Der Anwerbestopp verstärkte die dauerhafte Niederlassung und den Familiennachzug, weil viele eine spätere Wiedereinreise nicht sicher erwarteten.

Zwischen 1974 und 1980 kamen mehrere Hunderttausend Familienangehörige, überwiegend Frauen und Kinder, aus der Türkei nach Deutschland. Die Zahl der türkischen Staatsangehörigen in Deutschland stieg dadurch auf etwa 1,4 Millionen. Nach dem Militärputsch 1980 flohen Zehntausende Menschen aus der Türkei nach Deutschland und beantragten Asyl, darunter viele Kurdinnen und Kurden sowie verfolgte Intellektuelle.

Paderborn als Heimat

Aus den zunächst vorübergehend geplanten Arbeitsaufenthalten wurde eine generationenübergreifende Einwanderungsgeschichte. Die Bezeichnung „Gastarbeiter“ spiegelte die damalige Vorstellung wider, dass die Menschen nur für eine begrenzte Zeit bleiben würden. Fragen der Integration und der nachträglichen Qualifizierung spielten in der politischen Debatte lange kaum eine Rolle. In den 1970er-Jahren konzentrierte sich die Politik vor allem auf den Erhalt des Anwerbestopps und die „Rückkehrförderung“.

In den folgenden Jahrzehnten kamen weitere Menschen aus der Türkei nach Deutschland, insbesondere Familienangehörige der angeworbenen Arbeitskräfte. Die Eingewanderten und ihre Nachkommen prägten Deutschland wirtschaftlich, kulturell und gesellschaftlich – in Betrieben, Schulen, Vereinen und Städten wie Paderborn. Für Nilgün Özel steckt diese Entwicklung nicht in einer Statistik, sondern in einer alten Stoffpuppe, deren Nähte die Jahre sichtbar gemacht haben.

2025 lebten rund 1,5 Millionen in der Türkei geborene Menschen in Deutschland. Einschließlich der in Deutschland geborenen Nachkommen hatten rund 2,6 Millionen Menschen eine türkische Einwanderungsgeschichte. Insgesamt hatten in Deutschland 2025 etwa 21,8 Millionen Menschen eine Einwanderungsgeschichte. Nach der Definition des Statistischen Bundesamtes zählen dazu Personen, die selbst oder deren beide Elternteile nach 1950 nach Deutschland eingewandert sind.

Die fehlende aktive Integrationspolitik in den 1980er-Jahren führte zu strukturellen Benachteiligungen, die sich weiterhin auf die soziale Situation vieler Menschen mit türkischem Migrationshintergrund auswirken. Dazu gehören geringere gesellschaftliche Aufstiegschancen, unter anderem durch Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt.

Auch Rassismus, Diskriminierung und rechtsextreme Gewalt gehören zur Geschichte dieser Einwanderung. Bei den Brandanschlägen in Mölln und Solingen in den 1990er-Jahren, der NSU-Mordserie in den 2000er-Jahren und dem rassistischen Anschlag in Hanau 2020 wurden Menschen mit türkischer Einwanderungsgeschichte ermordet. Im Zusammenhang mit den NSU-Morden richteten sich die Ermittlungen jahrelang gegen Opfer, Angehörige und deren Umfeld; die rassistischen Tatmotive wurden nicht erkannt.

Im Paderborner Stadtmuseum bleibt daneben dieses eine Bild: Kinder, eine Puppe, ein Vater in Deutschland. Der Stoff ist eingerissen. Die Verbindung hält trotzdem.