160 Erstsemester: Digitaler Theologie-Bachelor in Passau und Eichstätt erreicht Einschreiberekord
An der Universität Passau wächst das Interesse an digitaler Theologie rasant. Im Wintersemester 2026/27 haben sich 160 Menschen für den digitalen Bachelorstudiengang Theologie eingeschrieben – so viele wie noch nie. Gegenüber dem Vorjahr mit 89 Einschreibungen hat sich die Zahl damit fast verdoppelt.
Gestartet war das gemeinsame Angebot der Theologischen Fakultät der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt und des Departments für Katholische Theologie der Universität Passau im Wintersemester 2024/25 mit 70 Studierenden. Nach Angaben der Universitäten sind 160 Erstsemester derzeit vermutlich die höchste Zahl in einem theologischen Studiengang im deutschsprachigen Raum.
Studieren zwischen Beruf, Familie und Kirche
Der Zuwachs dürfte auch mit dem neuartigen digitalen Studienkonzept zu tun haben, sagt die Fakultätsdekanin Katharina Karl. Der digitale Bachelor ist inzwischen der größte Studiengang der Theologischen Fakultät. Mehrere Studierende könnten wegen ihrer beruflichen und familiären Situation kein klassisches Präsenzstudium absolvieren. Für sie ist das Angebot aus Passau und Eichstätt kein nettes Extra, sondern schlicht die Möglichkeit, überhaupt zu studieren.
Die Studierenden kommen aus allen deutschen Bundesländern und aus deutschsprachigen europäischen Nachbarstaaten. Nahezu alle sind berufstätig. Vier von fünf, also 80 Prozent, sind jünger als 50 Jahre. Mehr als die Hälfte studiert aus persönlichem Interesse und strebt nicht unbedingt beziehungsweise nicht unmittelbar eine pastorale Anstellung oder eine spätere Tätigkeit in der Kirche an.
Kirchenfern ist die Gruppe trotzdem nicht: Alle engagieren sich ehrenamtlich im kirchlichen Bereich. Das digitale Format wird vor allem genutzt, weil eine dauerhafte Anwesenheit an einem Studienort mit Beruf und Familie nicht machbar wäre. Die Präsenzeinheiten in Passau und Eichstätt bleiben dabei wichtig. Wer kann, kommt zu Veranstaltungen in den Universitätsstädten – online lernen und persönlich begegnen, beides gehört hier zusammen.
Die berufsbegleitenden Studiengänge haben nach Angaben von Markus Weißer auch Forschung und Lehre im Department verändert und neue Erfahrungen für die Theologie ermöglicht. Diese Erfahrungen fließen in die Präsenzlehre ein. Der Schwerpunkt auf Online-Lehre soll zudem neue Zielgruppen erreichen, die in theologischen Studiengängen bisher wenig berücksichtigt wurden. Die Verantwortlichen wollen die Qualität der digitalen Lehre in den kommenden Jahren weiterentwickeln; die Leitungsteams in Passau und Eichstätt sehen die Verbindung von digitalem Know-how und persönlicher Betreuung als Grundlage für künftige gemeinsame Forschungs- und Lehrprojekte.
Digitalisierung ist mehr als ein Bildschirm
Wie stark digitale Formate das Theologiestudium verändern können, war schon vor dem aktuellen Einschreiberekord Gegenstand wissenschaftlicher Debatten. Der Sammelband Theologiestudium im digitalen Zeitalter, herausgegeben von Andree Burke, Ludger Hiepel, Volker Niggemeier und Barbara Zimmermann, erschien 2020 bei Verlag W. Kohlhammer in Stuttgart. Das Buch umfasst 360 Seiten, kostet 32 Euro und trägt die ISBN 978-3-17-038893-2. Besprochen wurde es von Frederike van Oorschot.
Entstanden ist der Band aus den Münsteraner Fachgesprächen zur Zukunft des Theologiestudiums an der katholisch-theologischen Fakultät Münster. Beteiligt wurden neben Lehrenden auch Studierende und Nachwuchswissenschaftler; außerdem kooperierten Hochschuldidaktik und das Netzwerkbüro „Theologie & Beruf“. Die Gespräche fanden überwiegend vor der Corona-Pandemie statt, mehrere Beiträge berücksichtigen aber die veränderten Studienbedingungen.
Die Leitfrage der Einleitung lautet, ob und wie „das Digitale curricular zu integrieren“ sei. Digitalisierung verstehen die Autorinnen und Autoren dabei nicht bloß als technische Ausstattung, sondern als kulturellen Transformationsprozess, der Theologie und Theologiestudium verändert. Der Band richtet sich an Studierende, Lehrende, Arbeitgeber und Didaktiker – also an ziemlich viele Menschen, die mit theologischer Ausbildung zu tun haben.
Die 26 Kurzbeiträge sind nach dem EVA-Prinzip in „Eingabe“, „Verarbeitung“ und „Ausgabe“ gegliedert. Verbunden wird dieses Modell mit dem ethischen Dreischritt „Sehen – Urteilen – Handeln“.
Von sozialen Medien bis Computational Thinking
Im ersten Teil, „Eingabe“, ordnen sieben Beiträge das Theologiestudium in die beruflichen Einsatzfelder von Theologinnen und Theologen ein. Es geht um Lebenswelten in sozialen Medien, um das Verhältnis von Religion und Computerspielen sowie um digitale Veränderungen theologischer Anthropologie und Sozialität. Die didaktischen und inhaltlichen Herausforderungen der Digitalisierung seien noch nicht vollständig erfasst.
Ein Ziel steht dennoch klar vor Augen: Theologinnen und Theologen sollen sich sicher im Internet bewegen können. Das Studium soll zur Ausbildung von „Digital-Profis“ beitragen. Gleichzeitig brauche es eine inhaltliche Reflexion des digitalen Wandels und seiner Folgen für theologische Denkfiguren. Nur klicken lernen wäre dann doch ein bisschen wenig.
Der zweite Teil, „Verarbeitung“, versammelt neun Beiträge zu Themen, die quer zu den beruflichen Arbeitsfeldern liegen. Vier Schwerpunkte ziehen sich durch diesen Abschnitt: digitale Hochschullehre, Wissen und Wissensarchitektur, das Grundverständnis von Digitalisierung sowie digitale und hybride Studienformen.
Die Beiträge zur digitalen Hochschullehre geben einen Überblick über die Debatte und fragen, wie digitale Medien Lehrrollen, Lernprozesse und Hochschuldidaktik verändern. Im Bereich Wissen und Wissensarchitektur geht es um digitale Wissensarchitektur und um Jeannette Wings Konzept des „Computational Thinking“ im Hinblick auf Theologie. Daneben werden ein technozentrisches und ein kulturelles Verständnis von Digitalisierung gegenübergestellt und ethische Perspektiven auf den digitalen Wandel diskutiert.
Erfahrungsberichte widmen sich dem Blended-Learning-Studium, der „Webquest Theologie“ und dem digitalen berufsbegleitenden Studium. Dabei treffen zwei Blickrichtungen aufeinander: die Auswirkungen digitaler Technologien auf Studium, Lehre und Themenfelder sowie die inhaltliche Reflexion des digitalen Wandels.
Was sich in den Fächern verändert
Im dritten Teil, „Ausgabe“, untersuchen elf Beiträge die Folgen der Digitalisierung für theologische Disziplinen. Sie fragen sowohl nach Einsatzmöglichkeiten digitaler Technologien in den Fächern als auch nach den inhaltlichen Anforderungen eines kulturell verstandenen digitalen Wandels.
Didaktische Konkretisierungen finden sich vor allem für Neues Testament, Kirchengeschichte, Religionspädagogik und Philosophie. Diese Fächer nutzen digitale Technologien auch in der Forschung vergleichsweise weitgehend. Für Dogmatik, Pastoraltheologie, Liturgik und Kanonistik stehen stärker die Veränderungen theologischer Denkfiguren im Mittelpunkt.
Zwei Beiträge widmen sich der ethischen Reflexion der Digitalisierung. Sie begründen, warum eine solche Reflexion nötig ist, verzichten aber weitgehend auf fachbezogene Rückbindungen und didaktische Konkretisierungen. Weitere Themen sind die Subjektwerdung in digitalen Welten und sozialethische Visionen für die Gestaltung theologischer Forschung und Lehre.
Die thematische Breite erinnert an Kompendien zu Theologie und Digitalität, die 2021 erschienen. Berufliche Felder, digitale Kirche, soziale Netzwerke und einzelne theologische Disziplinen stehen nebeneinander. Mal geht es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Digitalisierung, mal um digitale Lehr- und Lernformen. Dadurch entsteht laut Rezension teilweise ein kaleidoskopartiger Eindruck. Das EVA-Prinzip passt nur eingeschränkt, weil der thematische „Datensatz“ des Bandes sehr breit ist; innovative Ansätze stehen deshalb stellenweise unverbunden nebeneinander.
Gerade der gezielte Fokus auf das Theologiestudium macht den Band dennoch interessant. Hervorgehoben werden Beiträge zur Hochschuldidaktik, Erfahrungsberichte zu digitalen Studienformaten und Reflexionen über inhaltliche sowie didaktische Folgen der Digitalisierung. Eine engere Verbindung von Forschung und Lehre wäre wünschenswert, vor allem mit Blick auf Veränderungen durch digitale Forschungsmethoden. Die anthropologischen, sozialen und ethischen Reflexionen bleiben wegen der Kürze der Beiträge überwiegend einführend.
Gedacht ist das Buch als Lesebuch für eine breite Leserschaft: als Sammlung von Einführungen in verschiedene Facetten der Digitalisierung von Theologie und Theologiestudium und als Folge kurzer Impulse zu deren didaktischen Konsequenzen. In Passau bekommt diese alte Debatte nun ziemlich konkrete Zahlen – 70, 89, 160 – und viele Studierende, die zwischen Laptop, Familienalltag und Präsenzterminen ihren eigenen Weg durch die Theologie suchen.
