Im Luftschiffhafen Potsdam liegen zwischen den Trainingseinheiten Karteikarten auf dem Tisch. Verena Schott studiert dort Lehramt für Biologie und Chemie – und zwar mit einem Tagesplan, bei dem vielen schon vom Lesen die Luft ausgehen dürfte. Gegen 5:30 Uhr beginnt ihr Tag: Schulbrote für die älteren Kinder, Training, Haushalt, abends Lernen, sobald die Kinder schlafen. Manchmal schläft die 37-jährige Para-Schwimmerin nach langen Tagen am Schreibtisch ein und lernt danach weiter.

Am 30.09.2026 ist an der Uni Potsdam also nicht nur von einer erfolgreichen Europameisterschaft zu erzählen. Schott kam aus dem türkischen Kocaeli mit sechs Medaillen zurück: zweimal Gold, zweimal Silber und zweimal Bronze. In jedem ihrer sechs Rennen stand sie auf dem Podium. Damit hatte sie nach eigener Aussage nicht gerechnet.

Sechs Rennen, sechs Podestplätze

Vor der EM hatte Schott gerade einmal zwei Monate wieder intensiv trainieren können. Im Vorjahr brachte sie ihr drittes Kind zur Welt und pausierte anschließend bewusst vier Monate. Als sie wieder ins Training einstieg, stillte sie ihre Tochter Stella während der Einheiten am Beckenrand. Ihr Comeback gab sie bei den Internationalen Deutschen Meisterschaften in Berlin.

Die Doppelbelastung endet nicht am Beckenrand. Auch während internationaler Wettkämpfe läuft die Klausurenphase weiter. Im Trainingslager lernt Schott auf den Fahrten zur Schwimmhalle mit Karteikarten; Teamkollegen fragen sie ab. Unter Druck arbeite sie besonders gut, sagt sie. Das klingt nach einer Fähigkeit, die man sich im Studium gern auf Rezept verschreiben lassen würde.

Schott ist seit einem Verkehrsunfall in ihrer Jugend teilweise querschnittgelähmt und nutzt einen Rollstuhl. Ihr Lebensgefährte Maik Zeh unterstützt sie – im Alltag und im Sport. Zeh ist zugleich ihr Trainer und seit 2017 Cheftrainer für Para-Schwimmen am Stützpunkt Potsdam. Beide arbeiten sportlich wie privat eng zusammen. Ihren bisherigen gemeinsamen Erfolgen will Schott weitere hinzufügen.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Vom Schwimmbeginn in Bennewitz bis nach Los Angeles

Verena Schott wurde am 6. März 1989 in Greifswald in der DDR geboren. Mit drei Jahren zog sie mit ihrer Familie nach Bennewitz bei Leipzig, mit acht begann sie beim Wurzener SC zu schwimmen. Nach dem schweren Unfall 2002 – sie wurde als Radfahrerin von einem Kleintransporter erfasst – setzte sie den Schwimmsport beim Behindertensportverein Leipzig fort. Seitdem ist sie inkomplett querschnittgelähmt.

Nach dem Abitur begann Schott ein Biologiestudium an der Humboldt-Universität zu Berlin und trainierte beim Paralympischen Sport Club Berlin. Heute startet sie für das Berliner Schwimmteam und den Paralympischen Sport Club Berlin. Ihre Disziplinen sind Freistil und Lagen. Schott ist 172 Zentimeter groß und wiegt 57 Kilogramm.

Bei der Weltmeisterschaft 2010 gewann sie Silber über 200 m Lagen und 100 m Brust. Für die Paralympischen Sommerspiele 2012 qualifizierte sie sich und gehörte zum deutschen Aufgebot. In London erreichte sie über 50 m Freistil, 100 m Brust, 200 m Lagen und 400 m Freistil jeweils das Finale. Über 200 m Lagen in der Klasse SM6 gewann sie Silber; Siegerin war Eleanor Simmonds mit Weltrekordzeit.

Im August 2013 folgten bei der Weltmeisterschaft in Montreal erneut Silber über 200 m Lagen und Bronze über 100 m Brust. Für die Silbermedaille von London erhielt Schott am 7. November 2012 das Silberne Lorbeerblatt. Im Deutschen Behindertensportverband ist sie außerdem Aktivensprecherin und Vertreterin der aktiven Nationalmannschaft in der Abteilung Schwimmen.

Schott ist Mutter von zwei Söhnen, geboren 2011 und 2015, und hat mit Stella inzwischen ein drittes Kind. Ein Karriereende plant sie derzeit nicht. Das nächste große Ziel sind die Paralympischen Spiele 2028 in Los Angeles.

Was die Klasse SM6 bedeutet

Die Bezeichnung SM6 ist kein Etikett für eine Diagnose, sondern Teil eines Systems, das vergleichbare Wettkampfbedingungen schaffen soll. Im Para Schwimmen werden Athletinnen und Athleten nach dem Ausmaß ihrer sportrelevanten Beeinträchtigung in Klassen mit vergleichbarem Funktionsniveau eingeteilt. Vollständig fair kann das wegen der unterschiedlichen individuellen Ausprägungen von Behinderungen trotzdem nicht sein.

Berücksichtigt werden unter anderem Amputationen und Dysmelien, Hirnschädigungen mit Koordinations- und Bewegungseinschränkungen, Rückenmarksschädigungen mit Schwäche oder Lähmungen, Kleinwuchs sowie Einschränkungen der passiven Gelenkbeweglichkeit. Daneben gibt es Klassen für Sehbehinderungen, intellektuelle Beeinträchtigungen und allgemeine Behinderungen mit ausschließlich nationalem Startrecht. Die internationalen Regeln legt World Para Swimming (WPS) fest, in Deutschland gelten die Bestimmungen und Ordnungen des Deutschen Behindertensportverbandes (DBS).

Bei körperlichen Behinderungen reichen die Klassen S1 bis S10, SB1 bis SB9 und SM1 bis SM10. Je kleiner die Zahl, desto größer die Beeinträchtigung; S steht für Freistil, Rücken- und Schmetterlingsschwimmen, SB für Brust und SM für Lagen. S11 bis S13, SB11 bis SB13 und SM11 bis SM13 sind Sehklassen, S14, SB14 und SM14 gelten für intellektuelle Beeinträchtigungen. AB bezeichnet allgemeine Behinderungen ab mindestens 20 Grad der Behinderung und berechtigt nur zu nationalen Starts. Die funktionellen Klassen reichen von den schwersten Beeinträchtigungen in S1/SB1/SM1 bis zu minimalen körperlichen Einschränkungen in S10.

Für S5 bis S14 mit allen vier Schwimmarten wird die SM-Klasse nach [(3 × S + SB) / 4] berechnet. Für S1 bis S4 mit drei Schwimmarten ohne Schmetterling gilt [(2 × S + SB) / 3]. Starts, Wenden und Schwimmbewegungen können über „Exceptions“ geregelt werden. Ein Beispiel: Die Exceptions 3 für Brust und 5 für Schmetterling können bei einer amputierten Hand einen Anschlag mit einer Hand erlauben.

Ein kompliziertes System, das im Wasser sichtbar wird

Die Klassifizierung erfolgt auf Landes-, nationaler oder internationaler Ebene. Eine Landesklassifizierung (LK) ist Voraussetzung für die nationale Klassifizierung (NK), die wiederum für eine internationale Klassifizierung (IK) benötigt wird. Mit der höheren Startberechtigung wachsen auch die organisatorischen und personellen Anforderungen. Eine internationale Einstufung wird meist ab etwa 450 DBS-Punkten oder bei einem vorderen internationalen Ranglistenplatz sinnvoll; typischerweise findet sie bei Europameisterschaften, Weltmeisterschaften oder Weltcups statt. Weltcups werden dafür eher genutzt als EM oder WM, damit der zusätzliche Klassifizierungsdruck nicht ausgerechnet auf den großen Jahreshöhepunkten liegt.

Die LK wird vom Landesverband organisiert und ermöglicht nationales Startrecht ohne DM oder DKM. Die Meldung übernimmt der Verein, der Trainer oder der Landesverband. Für die NK ist der DBS beziehungsweise die klassifizierende Person der DBS-Abteilung Schwimmen zuständig; sie ermöglicht Starts bei DM und DKM. Eine IK erteilt World Para Swimming, gemeldet wird über das Bundestrainerteam oder den DBS.

Bei einer nationalen Klassifizierung braucht es zwei Klassifizierende und alle vorgeschriebenen Untersuchungen. Empfohlen wird sie grundsätzlich erst, wenn die Schwimmarten sicher beherrscht werden, eine ernsthafte Wettkampf- oder Leistungssportausrichtung besteht und genügend Leistungsfähigkeit für eine Wettkampfbeobachtung vorhanden ist. Bei Kindern und Jugendlichen gilt eine Einstufung meist zwei bis vier Jahre. R steht für „review“, also eine befristete Einstufung, C für „confirmed“, eine endgültige und unbefristete Klassifizierung. OA („observation assessment“) oder N („new“) können eine vorläufige Einstufung kennzeichnen, wenn noch eine Beobachtung im Wettkampf nötig ist.

Bei körperlichen Behinderungen wird nicht allein die Diagnose betrachtet, sondern die konkrete Fähigkeit, schwimmspezifische Anforderungen auszuführen. Bewertet werden Funktionen des Skelett- und Muskelsystems sowie des Nervensystems und der Koordination. Trainingsumfang, Trainingsalter und gegebenenfalls ergänzende Sportarten werden dokumentiert; Trainingszustand und Talent dürfen die Klasseneinteilung nicht beeinflussen. Zum Verfahren gehören Banktest an Land, Wassertest und – falls nötig – die Beobachtung im Wettkampf. Wird schon im Banktest die Mindestpunktzahl nicht erreicht