In Essen ist ein Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg unschädlich gemacht worden. Die Fünf-Zentner-Bombe war am Dienstagabend im Nordviertel entdeckt worden; wegen des hohen logistischen und organisatorischen Aufwands konnte die Entschärfung erst am Donnerstag erfolgen.

Dafür wurde ein Radius von 300 Metern um die Fundstelle geräumt. Betroffen waren unter anderem Gebäude der Agentur für Arbeit und der Universität Duisburg-Essen, außerdem mehrere große Einrichtungshäuser und Bürokomplexe. Mehr als 1.000 Menschen mussten ihre Wohnungen verlassen. An der Universität kam der Betrieb zum Erliegen, mehrere Straßenbahnen konnten in dem Bereich nicht halten, Straßen wurden gesperrt.

Evakuierung rund um die Bombe

Rund 120 Einsatzkräfte von Feuerwehr, Polizei, Ordnungsamt und Hilfsorganisationen waren beteiligt. Der Zünder des Blindgängers wurde kontrolliert gesprengt. Danach meldete die Stadt Entwarnung und hob die Straßensperrungen auf.

Ein Evakuierungsradius von mindestens 300 Metern ist vor einer Entschärfung grundsätzlich vorgesehen. Wie groß er tatsächlich ausfällt, hängt unter anderem von der Sprengkraft, der Lage und Tiefe der Bombe, der Zugänglichkeit des Zünders, der Bebauung und dem Zündsystem ab. Kommunale Ordnungsbehörden, Ordnungsamt, Polizei und Feuerwehr legen den Bereich gemeinsam mit dem Kampfmittelbeseitigungsdienst fest. Gebäude an der Grenze werden vollständig geräumt, Einsatzkräfte kontrollieren Haus für Haus, ob alle Wohnungen verlassen wurden.

Das kann sich ziehen: Manche Anwohner wissen nichts von der Räumung, andere können ihre Wohnung nicht selbstständig verlassen oder weigern sich. Mehrere Städte in Nordrhein-Westfalen verhängen gegen Evakuierungsverweigerer teils hohe Bußgelder.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Bomben aus einer längst vergangenen Zeit

In Nordrhein-Westfalen liegen noch tausende Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg. Regelmäßig werden Bomben gefunden, entschärft oder kontrolliert gesprengt – und dafür ganze Straßenzüge leergezogen. 2025 wurden nach Angaben des NRW-Innenministeriums 2.140 Bomben entdeckt und unschädlich gemacht, darunter 282 mit einem Gewicht von mehr als 50 Kilogramm. Die meisten Funde sind Fliegerbomben, die seit über 80 Jahren nicht detoniert sind.

Zwischen 1939 und 1945 warfen britische und US-amerikanische Luftstreitkräfte mehr als 1,6 Millionen Tonnen Sprengstoff über Deutschland ab. Im Visier standen vor allem Industrie- und Militäranlagen; zugleich sollte die Bevölkerung demoralisiert werden. Nordrhein-Westfalen war wegen seiner Rüstungsindustrie ein Schwerpunkt. Auf dem heutigen Landesgebiet gingen schätzungsweise 675.000 Tonnen Sprengstoff nieder.

  • In Wuppertal wurden 94 Prozent der Gebäude und Infrastruktur beschädigt.
  • In Düsseldorf und Köln waren es mehr als 60 Prozent der Gebiete.
  • In Essen, Dortmund und Duisburg wurde etwa die Hälfte der Gebiete beschädigt.

Nach Schätzungen des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestags detonierten fünf bis 20 Prozent der abgeworfenen Bomben nicht. Dadurch könnten in NRW Blindgänger mit einer Gesamt-Sprengkraft von etwa 33.000 bis 135.000 Tonnen im Boden liegen. Eine ziemlich schwer vorstellbare Zahl – bis plötzlich wieder ein Fundort abgesperrt wird und der Alltag ein paar hundert Meter weiter pausiert.

Warum manche Bomben gesprengt werden

Bei den Angriffen kamen unter anderem Luftminen zum Einsatz, die zunächst Dächer zerstören sollten. Danach folgten Brand- und Sprengbomben. Die meisten Bomben besaßen Aufschlagzünder: Beim Aufprall traf ein Schlagbolzen auf ein Zündplättchen. Solche Bomben lassen sich heute meist entschärfen.

Mechanische Zeitzünder funktionierten anders. Eine gespannte Feder hielt einen Schlagbolzen zurück, eine Glasampulle setzte Aceton frei. Das Aceton löste eine Kunststoffsicherung auf, woraufhin der Schlagbolzen die Bombe zündete. Bei vielen Zeitzündern versagte die Mechanik. Nach mehr als 80 Jahren ist ihr Zustand schwer einzuschätzen; solche Bomben werden deshalb meist kontrolliert gesprengt.

Blindgänger mit Zeitzündern explodieren laut Kampfmittelbeseitigungsdienst bundesweit durchschnittlich etwa einmal pro Jahr ohne äußere Einwirkung. Am 28. September 2000 detonierte eine unentdeckte Zehn-Zentner-Bombe unter der Landebahn des Siegerlandflughafens in Burbach. Niemand wurde verletzt, doch die Landebahn wurde zerstört. Es entstand ein etwa zwei Meter tiefer Krater mit rund 15 Metern Durchmesser.

Auch Bomben mit Aufschlagzünder bleiben gefährlich, vor allem bei Bewegungen. Im Januar 2014 detonierte in Euskirchen eine 1.400 Kilogramm schwere Bombe, als ein Baggerfahrer bei Bauarbeiten darauf stieß. Der Baggerfahrer starb, mehrere Menschen wurden verletzt, zahlreiche Gebäude wurden schwer beschädigt.

Suche, Entscheidung, Entsorgung

Für die systematische Suche sind in NRW die Kampfmittelbeseitigungsdienste der Bezirksregierungen Düsseldorf und Arnsberg zuständig. Ihre wichtigste Grundlage sind alliierte Luftaufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg, die das britische Public Record Office für diesen Zweck bereitstellt. Üblicherweise beantragt eine Kommune wegen eines Bauvorhabens oder Bebauungsplans eine Auswertung. Der KBD untersucht die historischen Luftbilder; bei Verdachtsstellen sondiert ein Team das Gelände vor Ort.

Von den 182 im Jahr 2025 gefundenen Bomben mit mehr als 50 Kilogramm wurden 108 anhand von Luftbildauswertungen entdeckt. 24 fanden Suchtrupps vor Ort, obwohl zuvor kein Hinweis aus Luftbildern vorlag. 50 waren Zufallsfunde.

Erst wenn der Evakuierungsbereich vollständig geräumt ist, beginnt die eigentliche Arbeit des KBD. Normalerweise untersucht ein zweiköpfiges Team die Bombe und entscheidet über das Vorgehen. Jeder Blindgänger ist anders – Zustand, Lage und Zugänglichkeit des Zünders machen den Unterschied. Im günstigsten Fall lässt sich der Zünder herausschrauben. Schwieriger wird es bei verbogenen oder verrosteten Zündern, beschädigten Gewinden, abgebrochenen Teilen oder Ausbausperren, bei denen das Entfernen selbst eine Explosion auslösen könnte.

Für solche Fälle gibt es spezielle Verfahren. Vorrichtungen können gesperrte Zünder mit hohem Druck sehr schnell herausdrehen. Der KBD Arnsberg setzt teilweise Wasserstrahlschneider ein. Ein Wasser-Sand-Strahl mit bis zu 400 bar kann Zünder und Sprengstoff voneinander trennen oder einen verrosteten Zünder herausschneiden. Diese Verfahren müssen regelmäßig trainiert werden – und können trotzdem selbst versagen.

Nicht jede Bombe lässt sich entschärfen. Amerikanische Bomben mit Zeitzünder werden grundsätzlich gesprengt. Dafür legt der KBD Wasser- oder Sandsäcke auf die Bombe und stellt Container um den Fundort auf. Das soll Druckwelle und Splitter begrenzen. Wasser und Sand reduzieren den Splitterflug, leiten die Explosionsenergie aber teilweise in den Boden. Dann können starke Vibrationen entstehen, die einem Erdbeben ähneln und Gebäude beschädigen. Welche Schutzmaßnahmen eingesetzt werden, wird für jeden Fund einzeln festgelegt; gezündet wird aus sicherer Entfernung.

Nach einer Entschärfung kommt der Blindgänger zunächst in ein Zwischenlager und anschließend zur Entsorgung. Die Bombe wird in der Mitte durchgesägt, damit der Sprengstoff entnommen werden kann. In einer speziellen Anlage wird er vernichtet. Der Bombenkörper wird mit Wasser gereinigt und erhitzt, um Rückstände zu entfernen; das Metall gelangt danach als Eisenschrott in den normalen Recyclingkreislauf.