GLP-1-Medikamente bei Kindern: Wirksamkeit, Nebenwirkungen und offene Langzeitfragen
Uni Saarland, 3. Oktober 2026: Für manche Familien beginnt die Suche nach Hilfe nicht mit einer Abnehmspritze, sondern mit vielen erfolglosen Versuchen. Ernährungs-, Bewegungs- und Verhaltenstherapien reichen bei einem Teil der Kinder mit extremem Übergewicht nicht aus. Gleichzeitig sind kalorienreiche Snacks und zuckerhaltige Getränke für Kinder vielerorts jederzeit verfügbar – auch in Schulen und deren Umfeld.
In Deutschland sind etwa zwei Millionen Kinder und Jugendliche übergewichtig, rund 800.000 davon haben Adipositas. Nach den Daten der KiGGS-Studie entsprechen diese Zahlen etwa 15 Prozent mit Übergewicht und sechs Prozent mit Adipositas; ungefähr 200.000 Kinder und Jugendliche haben eine extreme Adipositas. Die zugrunde liegenden Daten wurden 2015 bis 2017 erhoben. Während der Corona-Pandemie deuteten Untersuchungen auf einen weiteren Anstieg hin, aktuell wird eine Stabilisierung auf hohem Niveau beobachtet.
Was die Medikamente können – und was nicht
Für Minderjährige sind zwei GLP-1-Medikamente zugelassen. Semaglutid wird ab zwölf Jahren einmal wöchentlich gespritzt. Liraglutid kann unter bestimmten Voraussetzungen bereits ab sechs Jahren täglich verabreicht werden. Eine neue Abnehmtablette ist bislang nicht für Kinder zugelassen. In der Europäischen Union gelten Liraglutid und Semaglutid bei einem BMI ab der 95. Perzentile ab zwölf Jahren als zugelassen.
GLP-1-Rezeptor-Agonisten signalisieren dem Gehirn ein Sättigungsgefühl und verlangsamen die Magenentleerung. Betroffene essen dadurch weniger und nehmen ab. Das klingt auf dem Papier klarer, als es sich im Familienalltag anfühlen dürfte: Medikamente sollen nur ergänzend zu einer leitliniengerechten Lebensstiltherapie eingesetzt werden. Eine medikamentöse Behandlung kommt vor allem bei extremer Adipositas infrage, möglichst in spezialisierten Zentren und nach klaren Kriterien.
Eine umfangreiche Metaanalyse untersuchte Liraglutid, Semaglutid, Dulaglutid, Exenatid und Lixisenatid bei Kindern und Jugendlichen mit Adipositas, Prädiabetes oder Typ-2-Diabetes. Ausgewertet wurden 18 randomisierte, placebokontrollierte Studien bis Januar 2025: elf mit Adipositas, sechs mit Typ-2-Diabetes und eine mit Prädiabetes. Insgesamt nahmen 1.402 Personen im Alter von sechs bis 17 Jahren teil, darunter 838 mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten und 564 mit Placebo. Das Durchschnittsalter lag bei 13,7 Jahren, 59,3 Prozent waren weiblich. Die mediane Behandlungsdauer betrug sechs Monate, die Spanne reichte von drei bis zwölf Monaten.
Gegenüber Placebo sanken der HbA1c-Wert um 0,44 Prozentpunkte, die Nüchternglukose um 9,92 mg/dl, das Körpergewicht um 3,02 Kilogramm, der BMI um 1,45 kg/m², der systolische Blutdruck um 2,73 mmHg und der diastolische Blutdruck um 1,21 mmHg. Bei Körpergewicht und BMI waren die Effekte allerdings nur in den Adipositasstudien signifikant, nicht in den Studien zu Typ-2-Diabetes.
Der Preis dafür kann im Bauch liegen: Magen-Darm-Beschwerden, Übelkeit, Völlegefühl, Appetitlosigkeit, Durchfall oder Bauchschmerzen traten häufiger auf. Für andere unerwünschte Wirkungen, einschließlich suizidaler Gedanken oder suizidalen Verhaltens, zeigte sich kein signifikanter Unterschied zu Placebo. Allerdings waren Informationen zu suizidbezogenen Ereignissen nur in fünf von 18 Studien öffentlich verfügbar. Die Autoren fordern deshalb, suizidales Verhalten in künftigen Untersuchungen systematisch zu erfassen und zu veröffentlichen.
Offene Fragen: Wachstum, Kosten und Rückfall
Die langfristigen Risiken sind noch nicht abschließend bekannt. Die Wirkstoffklasse wird erst seit rund 20 Jahren eingesetzt und zunächst vor allem bei Typ-2-Diabetes verwendet. Langzeitdaten sind bei Kindern besonders wichtig: Körper, Längenwachstum und Pubertät entwickeln sich noch. Fachleute empfehlen, betroffene Kinder möglichst in Studien einzubeziehen und langfristig zu betreuen.
Wie lange Jugendliche die Medikamente einnehmen müssen, ist ebenfalls ungeklärt. Bei Erwachsenen kommt es nach dem Absetzen häufig zu einer erneuten Gewichtszunahme. Familien müssen die Kosten in Deutschland in der Regel selbst tragen, weil Abnehmmedikamente als Lifestyle-Arzneimittel gelten. Laut Susann Weihrauch-Blüher liegen die monatlichen Kosten derzeit bei etwa 200 Euro. Bei Typ-2-Diabetes übernehmen Krankenkassen Semaglutid unter dem Markennamen Ozempic.
Die Deutsche Adipositas-Gesellschaft empfiehlt eine Kostenübernahme für Jugendliche mit extremer Adipositas, wenn bisherige Therapien erfolglos waren und eine weitere Gewichtszunahme droht. Eine frühe Behandlung rückt auch deshalb in den Blick, weil viele Jugendliche mit Adipositas schon im Kindesalter übergewichtig waren. In einer großen deutschen Population wurde die stärkste Gewichtszunahme zwischen dem zweiten und sechsten Lebensjahr beobachtet.
Die Europäische Arzneimittelagentur empfahl, die Zulassung von Liraglutid auf Kinder von sechs bis elf Jahren mit Adipositas auszuweiten. Grundlage ist die Phase-3-Studie SCALE Kids bei sechs- bis unter zwölfjährigen Kindern mit einem BMI ab der 95. Perzentile. Liraglutid wäre damit die erste Abnehmspritze für Kinder dieser Altersgruppe.
Ein Problem, das nicht an einer Spritze hängt
Adipositas gilt als chronische Erkrankung und entsteht durch mehrere Faktoren: genetische, psychosoziale, familiäre und Umweltfaktoren greifen ineinander. Die genauen Ursachen im Kindesalter sind nicht vollständig geklärt. Eine Rolle können früh entwickelte Geschmacksvorlieben sowie veränderte hormonelle Hunger- und Sättigungsregulationen spielen.
Erkannt werden Übergewicht und Adipositas bei den regelmäßigen U-Untersuchungen. Dort werden auch mögliche Therapien besprochen. Ein flächendeckendes Programm, das diagnostizierte Kinder in geeignete Behandlungsstrukturen überführt, gibt es laut Fachleuten jedoch nicht. Kinderärzte fordern zusätzliche politische Maßnahmen für Prävention und Behandlung. Eine geplante Zuckersteuer sei nach Angaben des BVKJ an der Lebensmittelindustrie gescheitert. Mehr Geld für Prävention und Therapie könnte spätere Folgekosten reduzieren.
Der Hintergrund ist groß und wird größer: Die Prävalenzen von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter haben sich seit 1975 etwa verzehnfacht und zwischen 1990 und 2022 vervierfacht. Auch extreme Adipositas – definiert als BMI mindestens auf der 99,5. Perzentile – nimmt zu. Schätzungen zufolge sind mehr als 200.000 Jugendliche betroffen.
Nach Einschätzung der Autorinnen und Autoren ist die Metaanalyse die bislang umfangreichste aktuelle Auswertung randomisierter Studien zu GLP-1-Rezeptoragonisten bei Kindern und Jugendlichen. Ihre Ergebnisse sollen in ärztliche Aufklärungsgespräche und gemeinsame Therapieentscheidungen einfließen. Finanziert wurde die Untersuchung durch das US National Institute of Diabetes and Digestive and Kidney Diseases.
Leitlinien statt Bauchgefühl
Orientierung sollen die Leitlinien der Deutschen Adipositas-Gesellschaft geben. Die DAG veröffentlicht sie selbst oder wirkt an ihrer Erstellung mit. Sie fassen den aktuellen Forschungsstand zusammen, sollen Ärzt:innen und medizinischem Personal eine wissenschaftlich fundierte Grundlage bieten und eine bestmögliche, sichere Patientenversorgung unterstützen. Auch Qualitätssicherung sowie transparente Entscheidungen über Diagnostik und Therapie gehören zu ihrem Zweck.
Aufgeführt sind die evidenzbasierte S3-Leitlinie „Prävention und Therapie der Adipositas“, Version 2024, sowie die S3-Leitlinie „Transition von jungen Menschen mit Adipositas von der Pädiatrie in die Erwachsenenmedizin“, Version 2025. Hinzu kommen die evidenzbasierte S3-Leitlinie „Therapie und Prävention der Adipositas im Kindes- und Jugendalter“, Version 2019, die S3-Leitlinie „Chirurgie der Adipositas“, Version 2018, und die deutsche sowie englische Kurzfassung der S3-Leitlinie „Chirurgie der Adipositas und metabolischer Erkrankungen“ von 2018.
Weitere aufgeführte Dokumente sind die Leitlinie „Adipositas und Schwangerschaft“ (awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-081.html), die Leitlinie „Nicht-alkoholische Fettlebererkrankungen“ (<a href="https://www.aw
