Ein brutaler Überfall auf drei junge Potsdamer in Kohlhasenbrück an der Berliner Stadtgrenze hat an der Katholischen Marienschule in Babelsberg Entsetzen und Anteilnahme ausgelöst. Alle drei Opfer besuchen das private Gymnasium. Für Mitschülerinnen und Mitschüler ist das keine Nachricht aus irgendeinem fernen Viertel, sondern betrifft Menschen aus der eigenen Schule.

Die Schule reagierte laut Stefan Förner, Sprecher des zuständigen Erzbistums Berlin, unmittelbar. Gespräche und seelsorgerische Angebote wurden für die Mitschüler der teils schwer verletzten Jungen organisiert. Außerdem ist ein Training zum Umgang mit Gewalt geplant. Am Rand von Babelsberg, an der Uni Babelsberg, wirkt das Geschehen deshalb ebenfalls nach – nicht laut, aber spürbar.

Angriff in Kohlhasenbrück

Am vergangenen Samstagabend soll eine Gruppe von 15 bis 20 Personen im Berliner Ortsteil Wannsee drei Jugendliche angegriffen haben. Die Betroffenen – zwei 17-Jährige und ein 18-Jähriger – hielten sich in Kohlhasenbrück auf. Nach Angaben der Berliner Polizei wurden sie unvermittelt mit Faustschlägen attackiert.

Einer der 17-Jährigen verlor zeitweise das Bewusstsein. Der 18-Jährige wurde mit dem Kopf gegen ein geparktes Auto geschlagen und musste später stationär im Krankenhaus behandelt werden. Nach dem Angriff gingen die blutenden Jugendlichen zu einer Brücke am Teltowkanal. Zwei Angler leisteten Erste Hilfe, bis der Rettungswagen eintraf.

Die mutmaßlichen Täter flüchteten. Sie sollen aus Potsdam stammen; dort war zuletzt von mehreren Raubtaten durch Jugendgruppen berichtet worden. Zeugen beschrieben die Verdächtigen als Personen mit arabischem Migrationshintergrund. Ein Anwohner bezeichnete die Tat gegenüber dem „Tagesspiegel“ als „hemmungslose, massive Gewalt“ und äußerte den Verdacht eines versuchten Tötungsdelikts.

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Mehrere Anwohner berichteten, dass am Samstagabend zwei Partys in derselben Straße stattgefunden hätten. Die Situation sei eskaliert, als eine Jugendgruppe auftauchte. Zur Ursache machten die Zeugen unterschiedliche Angaben. Die Polizei bestätigte gegenüber der Zeitung, dass die Feiern eine Rolle gespielt hätten. Ein Zeuge berichtete außerdem, die mutmaßliche Tätergruppe sei in einen Wald geflüchtet.

Die Brandenburger Polizei unterstützte am Samstagabend die Suche nach den Verdächtigen. Die Fahndung im Grenzbereich wurde in den frühen Morgenstunden des 27. September 2026 ergebnislos beendet. Die Berliner Kriminalpolizei übernahm die Ermittlungen.

Was die Zahlen über Schulgewalt zeigen – und was nicht

Der Fall ereignete sich zwar außerhalb des Schulbetriebs. Er trifft aber eine Schule, deren Schülerinnen und Schüler mit den Folgen umgehen müssen. Polizeilich erfasste Gewalttaten an Schulen sind zwischen 2022 und 2024 in allen 16 Bundesländern gestiegen. Deutschlandweit wurden 2024 insgesamt 28.760 Gewalttaten an Schulen registriert, 2022 waren es 20.979. Das entspricht einem Anstieg von 37,1 Prozent.

Gezählt werden unter anderem vorsätzliche leichte Körperverletzung und Gewaltkriminalität, etwa Bedrohung, räuberische Erpressung sowie Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung. Die höchsten Zuwächse von 2022 bis 2024 verzeichnete Bremen mit plus 72,6 Prozent, danach folgten Sachsen, Thüringen und Brandenburg. Kein Bundesland meldete für diesen Zeitraum einen Rückgang.

Im Saarland stiegen die Zahlen von 2022 bis 2024 um 17,2 Prozent; gegenüber 2018 ergibt sich dort ein Anstieg von 143,7 Prozent. In Bayern nahmen die Fälle binnen dieses Zeitraums um 36 Prozent zu, gegenüber 2018 betrug der Anstieg innerhalb von sechs Jahren knapp 67 Prozent. Den größten Anteil bilden vorsätzliche leichte Körperverletzungen. In vielen Ländern legten außerdem Fälle von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung, Bedrohung und schwerer Körperverletzung zu.

Ganz glatt lassen sich die Länderwerte allerdings nicht nebeneinanderlegen. Ein Vergleich mit der Vor-Corona-Zeit ist nur für einzelne Bundesländer möglich, weil die Tatörtlichkeit „Schule“ in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen 2018 noch nicht ausgewiesen wurde. Vergleiche mit 2020 gelten als wenig aussagekräftig: Während der Pandemie waren Schulen geschlossen, die Zahl der Gewalttaten sank dadurch stark.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik ist zudem eine Ausgangsstatistik. Fälle werden erst nach Abschluss der Ermittlungen gezählt und können sich bereits im Vorjahr ereignet haben. Auch Taten ohne spätere Verurteilung bleiben enthalten. Hinzu kommt eine Änderung des Straftatbestands „Bedrohung“ (§ 241 StGB) im Jahr 2021: Seitdem reicht die Drohung mit einem Vergehen, zuvor musste mit einem Verbrechen gedroht werden. Ab 2024 neu einbezogene Delikte wie sexuelle Beleidigung sowie bestimmte Verletzungen des höchstpersönlichen Lebensbereichs durch Bildaufnahmen können die Zahlen ebenfalls erhöht haben.

Und „Tatörtlichkeit Schule“ heißt nicht automatisch Unterricht. Die Kategorie umfasst auch Vorfälle ohne Zusammenhang mit dem Schulbetrieb, etwa nächtliche Schlägereien auf einem Schulhof unter schulfremden Personen. Nordrhein-Westfalen unterscheidet seit 2019 zwischen „Tatort Schule“ und „Ereignis Schule“. „Tatort Schule“ umfasst dort ebenfalls Taten außerhalb der Schulzeit oder ohne schulischen Zusammenhang; die NRW-Daten weisen dadurch genauer aus, welche Fälle tatsächlich einen schulischen Kontext haben.

Auch beim Schulweg gelten unterschiedliche Regeln. Im Saarland werden Straftaten auf dem Schulweg unter „Zusammenhang Schule“ erfasst. Nordrhein-Westfalen zählt den Schulweg seit 2024 nicht mehr zum „Ereignis Schule“. Die vorliegenden Daten aus Rheinland-Pfalz enthalten den Schulweg ebenfalls nicht.

Vieles bleibt unsichtbar

Nicht jede Gewalttat landet in der Statistik. Fälle, die nur schulintern sanktioniert werden, unbemerkte Vorfälle auf dem Schulhof, Cybermobbing, Pöbeleien auf dem Schulweg und Übergriffe auf Lehrkräfte können fehlen. Manche Opfer zeigen solche Taten aus Scham oder Angst vor weiterer Belastung nicht an. Das niedersächsische Innenministerium weist deshalb darauf hin, dass neben einem tatsächlichen Anstieg auch eine höhere Anzeigebereitschaft und veränderte Einstellungen gegenüber Gewalt eine Rolle spielen könnten. Möglicherweise werden heute mehr Fälle aus dem Dunkelfeld angezeigt.

Im Deutschen Schulbarometer 2025 berichteten 47 Prozent der Lehrkräfte von Problemen mit physischer und psychischer Gewalt an ihrer Schule. Der Anteil war ebenso hoch wie im Vorjahr.

Eine Ende 2024 durchgeführte Forsa-Befragung von 1.311 Schulleitungen im Auftrag des Verbands Bildung und Erziehung ergab, dass 60 Prozent eine Zunahme von Gewalt an ihrer Schule seit 2019 wahrnahmen. Bei Haupt-, Real- und Gesamtschulen lag dieser Anteil bei 74 Prozent. 65 Prozent berichteten von Beschimpfungen, Bedrohungen, Beleidigungen, Mobbing oder Belästigungen gegenüber Lehrkräften. 36 Prozent meldeten digitale Diffamierungen, Belästigungen, Bedrohungen oder Nötigungen gegen Lehrkräfte, 35 Prozent körperliche Angriffe.

Laut 66 Prozent der Schulleitungen ging körperliche Gewalt überdurchschnittlich häufig von Schülerinnen und Schülern an Förder- und Sonderschulen aus. Auch digital wird der Ton rauer: Nach der Studie „Cyberlife V“ waren 2024 18,5 Prozent der Schülerinnen und Schüler schon einmal von Cybermobbing betroffen; 2022 waren es 16,7 Prozent. In einer Forsa-Umfrage der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung von 2024 gab rund ein Drittel der Lehrkräfte an, häufig systematisches Verspotten und Ausgrenzen von Schülerinnen und Schülern zu beobachten. 23 Prozent beobachteten Cybermobbing.

Warum Gewalt zunimmt, bleibt offen

Als mögliche Ursachen gelten persönliche Faktoren wie Impulsivität, geringe Empathie und eine niedrige Frustrationstoleranz. Dazu kommen familiäre Faktoren – etwa geringe Elternbindung oder Gewalt im Elternhaus –, hoher Medienkonsum und zunehmende psychische Belastungen von Kindern und Jugendlichen. Eingeschränkte soziale Kontakte und fehlendes soziales Lernen während der Corona-Schulschließungen werden ebenfalls genannt.

Das Bundeskriminalamt erklärte, während der Pandemie seien alters typische Normüberschreitungen nur eingeschränkt möglich gewesen; diese könnten danach verstärkt ausgelebt werden. Gleichzeitig fehlen vielerorts Lehrkräfte, Unterstützung durch Schulsozialarbeit und Schulpsychologie ist zu knapp. Viele Lehrkräfte bewerten die psychosoziale Unterstützung an ihren Schulen als unzureichend und sehen hohen Fortbildungsbedarf