Koala-Schutz zwischen Chlamydienimpfung, Buschfeuern und Eukalyptusmangel
Uni Saarland, 4. Oktober 2026: Im Lone Pine Koala Sanctuary in Brisbane sitzt Maximus vermutlich gerade irgendwo zwischen Eukalyptusbäumen und rund 100 Artgenossen. Zehn Kilogramm bringt der Koala auf die Waage – damit ist er ungewöhnlich schwer. Mit 18 Jahren gehört er außerdem zu den sehr alten Tieren. Gut sehen kann er nicht mehr: Maximus leidet unter Sehschwäche und grauem Star auf einem Auge.
Das Schutzgebiet wurde 1927 gegründet, ist das älteste Koala-Schutzgebiet der Welt und steht im Guinness-Buch der Rekorde. 2027 steht das 100-jährige Bestehen an. Hinter der freundlichen Kuschelfassade mit runden Ohren und ständig müdem Blick steckt allerdings ein Tier, dessen Zukunft alles andere als sicher ist.
Mehr als ein flauschiger Charakter
Chefveternärin Galit Tzipori arbeitet seit 28 Jahren im Schutzzentrum, davor war sie sechs Jahre Koala-Pflegerin. Ihre Warnung ist klar: Koalas könnten aussterben. Und wer ihnen begegnet, merkt schnell, dass sie nicht bloß austauschbare Fotomotive sind. Manche gelten als frech, andere als sanftmütig. Tabby „redet“ häufig, Akane ist eine besonders gute Mutter, Esmeralda gilt als vorlaut.
Bis zu 20 Stunden am Tag ruhen Koalas. Das liegt nicht an Dummheit oder grundsätzlicher Trägheit, sondern am Speiseplan: Eukalyptusblätter liefern wenig Energie und sind schwer verdaulich. Bei Bedarf können Koalas allerdings bis zu 30 Kilometer pro Stunde schnell sprinten. Ihr Gehör und ihr Geruchssinn sind besonders gut entwickelt.
Auch die ersten Monate eines Koala-Lebens sind ziemlich speziell. Die Babys werden winzig und unterentwickelt geboren und verbringen etwa sechs Monate im Beutel. Bevor sie Eukalyptusblätter verdauen können, nehmen die Jungtiere mehrfach den schleimigen Kot ihrer Mutter auf. Darin stecken wichtige Mikroorganismen für die Darmflora – nicht gerade der Stoff für ein Kinderbuch, aber biologisch entscheidend.
Ein Speiseplan mit engen Grenzen
Weltweit gibt es mehr als 700 Eukalyptusarten. Koalas fressen in ihrem jeweiligen Lebensraum meist nur etwa zehn davon. Nach einer Umsiedlung können sie deshalb nicht einfach sofort auf andere Eukalyptusarten umsteigen; die Anpassung braucht Zeit. Werden Wälder gerodet oder durch Straßen und andere Eingriffe zerschnitten, schrumpft nicht nur ihr Zuhause, sondern auch die Auswahl am Futter.
Straßenverkehr, Hunde, Hitze und Buschfeuer kommen als zusätzliche Gefahren hinzu. Die Koala-Populationen in Queensland, New South Wales und dem Australian Capital Territory gelten seit 2022 als stark gefährdet. Die Australian Koala Foundation schätzt die Zahl wildlebender Koalas auf höchstens 63.600, möglicherweise liegt sie deutlich niedriger. Nach anderen Angaben derselben Organisation gibt es vermutlich höchstens noch 60.000 Tiere in freier Wildbahn. Anfang des 20. Jahrhunderts waren es in Australien noch mehrere Millionen.
Fachleute fordern deshalb, Koalas in einigen Regionen als „vom Aussterben bedroht“ einzustufen. Nach Angaben der Australian Koala Foundation fehlt derzeit eine landesweit ausreichende Gesetzgebung zum Schutz der Tiere und ihres Lebensraums.
Impfstoff gegen eine tödliche Infektion
Eine der größten Bedrohungen heißt Chlamydien. Die Bakterien können Augen und Harnwege befallen, zur Erblindung führen und Weibchen unfruchtbar machen. Chlamydien werden meist sexuell übertragen, eine Weitergabe von Mutter zu Jungtier ist ebenfalls möglich. Schmerzhafte Harnwegsinfektionen, Blindheit und Unfruchtbarkeit sind mögliche Folgen, viele infizierte Tiere sterben.
Die Koalas im Lone Pine Sanctuary sind Chlamydien-frei. Das Zentrum arbeitet jedoch seit rund 25 Jahren mit Universitäten an Impfstoffen; verschiedene Vakzinen wurden dort getestet und weiterentwickelt. Nun hat die australische Behörde für Pestizide und Veterinärmedizin erstmals einen Impfstoff gegen Chlamydien für den landesweiten Einsatz zugelassen. Entwickelt wurde er von der University of the Sunshine Coast nach mehr als zehn Jahren Forschung.
Die Vakzine trainiert das Immunsystem darauf, Chlamydien zu erkennen und zu bekämpfen. Sie soll mit nur einer Dosis wirken – ein wichtiger Punkt, weil sich ein wild lebender Koala nur schwer erneut einfangen lässt. Forschenden zufolge kann der Impfstoff das Infektionsrisiko senken, Krankheitsverläufe stoppen und teilweise Symptome umkehren. In den bisher größten Feldstudien mit wild lebenden Koalas sank die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung deutlich; die Sterblichkeit ging um bis zu 65 Prozent zurück.
Erste Schutz- und Impfprogramme für wild lebende Koalas laufen bereits. Bis Ende 2026 sollen größere Impfprogramme in Queensland und New South Wales starten. Chlamydien zählen zu den Hauptgründen dafür, dass Koalas in Teilen Australiens seit 2022 als gefährdet eingestuft werden – neben Verkehrsunfällen, Hundeangriffen und dem Verlust ihres Lebensraums.
Wenn der Wald brennt
Buschfeuer gibt es in Australien seit Jahrhunderten. Die Tier- und Pflanzenwelt ist an meist lokal begrenzte und schnell verlaufende Feuer angepasst: Viele Bäume können sich bei normalen Buschfeuern durch ihre Rinde schützen, manche Pflanzen sind sogar darauf angewiesen, dass sich ihre Samenkapseln durch die Hitze öffnen.
Doch Ausmaß und Häufigkeit der Brände haben deutlich zugenommen. Ein Teil der Feuer wird durch Brandstiftung verursacht. Für Koalas wird der Abstieg von einem noch heißen, verbrannten Baum dann zur Qual: Häufig tragen sie schwere Verbrennungen an Beinen und Schnauzen davon. Nach großen Bränden sind die Tiere zusätzlich dehydriert und haben ihre Nahrungsgrundlage verloren.
In solchen Situationen durchsuchen ausgebildete freiwillige Wildtierpfleger große Gebiete, leisten Erste Hilfe und versorgen verletzte Tiere – bei Bedarf über Wochen oder Monate bis zur Auswilderung. Auch Koalas, die etwa durch Verkehrsunfälle verletzt wurden, landen bei ihnen. Die AGA unterstützt die ehrenamtlichen Helfer mit Verbandsmaterial, Salben und Medikamenten. Nach den schweren Buschbränden 2019/2020 leistete sie Nothilfe für verletzte Koalas und andere Wildtiere.
Pflege und Auswilderung sind besonders wichtig, weil die Bestände von Arten wie Koalas und Felskängurus in vielen Regionen stark zurückgegangen sind. Die Rückkehr in geeignete Lebensräume kann einzelne Populationen und den Gesamtbestand stützen; wissenschaftliche Studien zeigen, dass Koalas nach einem Buschfeuer erfolgreich wieder angesiedelt werden können.
Kein Kuscheln um jeden Preis
Seit 2024 dürfen Besucher Koalas im Lone Pine Sanctuary nicht mehr auf den Arm nehmen. Stattdessen lässt sich ein „Koala Moment“ mit einem Pfleger buchen. Dabei können Gäste Fragen stellen und ein Tier aus nächster Nähe beobachten. Sobald der Koala Anzeichen von Stress oder Überforderung zeigt, wird die Begegnung beendet.
Das Sanctuary will Wissen und Wertschätzung für Koalas fördern – nicht bloß kurze Foto- oder Social-Media-Momente ermöglichen. Maximus muss also nicht für ein Selfie herhalten. Er darf einfach ein alter, schwerer Koala mit schlechtem Auge sein, der irgendwann wieder in Ruhe Eukalyptusblätter kaut.
