Lieblingsmusik gegen den Nadelstich: Wie Klänge Schmerzen lindern können
Ein Nadelstich, ein kurzer Druck, dann ist es meistens vorbei. Trotzdem kann eine Venenpunktion für eine Impfung oder die Gabe von MRT-Kontrastmittel ordentlich wehtun – und bei manchen Menschen geht schon vorher der Puls hoch. Eine kleine Studie legt nun nahe: Die eigene Lieblingsmusik kann den Schmerz dabei verringern. Am Universitätsklinikum Zürich soll Musik deshalb künftig verstärkt bei Venenpunktionen während radiologischer Untersuchungen eingesetzt werden, vor allem bei ängstlichen oder klaustrophobischen Patientinnen und Patienten.
Untersucht wurden 204 Menschen zwischen 17 und 83 Jahren, die für eine MRT-Untersuchung ein Kontrastmittel erhielten. Die Musik begann bereits vor dem Einstich. Eine Gruppe hörte nichts, eine andere individuell bevorzugte Musik. Die dritte bekam Entspannungsmusik – „Quelle des Ich Bin“ von Peter Uwe Piotter –, die vierte Mozarts Sonate für zwei Klaviere D-Dur KV 448. Die persönlichen Vorlieben waren ziemlich breit gefächert: von klassischer Musik, etwa Beethoven, bis zu Pop und Hardrock wie AC/DC.
Lieblingsmusik schlägt Mozart
Das Schmerzniveau wurde auf einer Skala von 1 („keine Schmerzen“) bis 10 („stärkste vorstellbare Schmerzen“) erfasst: vor dem Einstich, unmittelbar danach, nach 30 Sekunden und nach zwei Minuten. 71 Teilnehmende meldeten schon vor dem Einstich Schmerzen. Laut Studienautor Andrei Cristinel Dragnea kann das Schmerzniveau beim Setzen einer Nadel stark variieren.
Die Lieblingsmusik senkte die Schmerzen im Durchschnitt merklich – sowohl bei Menschen mit vorherigen Schmerzen als auch bei jenen ohne. Mozart zeigte dagegen nur bei Personen mit bereits bestehenden Schmerzen eine statistisch signifikante Wirkung. Für die verwendete Entspannungsmusik ließ sich kein relevanter Effekt feststellen. Die Forschenden vermuten, dass das Stück wegen seines langsamen, leisen und wenig dynamischen Charakters kaum bewusst wahrgenommen oder ausgeblendet wurde. Daraus, betonen sie, lässt sich nicht schließen, dass Entspannungsmusik grundsätzlich wirkungslos ist.
Die Studienautorin Meritxell Garcia Alzamora empfiehlt Musik vor allem Menschen, die generell gerne hören, während medizinischer Eingriffe zu nutzen. Frühere Untersuchungen hatten bereits gezeigt, dass Musikhören das Schmerzempfinden beeinflussen kann; die persönlichen Vorlieben scheinen dabei eine Rolle zu spielen. Die Aussagekraft der neuen Ergebnisse bleibt allerdings begrenzt und muss durch weitere Studien bestätigt werden.
Die Gruppen waren klein, die Zuteilung erfolgte nicht zufällig, sondern nach der zeitlichen Reihenfolge der MRT-Termine. Außerdem verursachte die Venenpunktion nur einen kurzen und meist leichten Schmerz. Auf längere oder deutlich schmerzhaftere Eingriffe lassen sich die Ergebnisse deshalb nicht ohne Weiteres übertragen.
Was Musik im Körper anstoßen kann
Musik kann nach Angaben der Deutschen Schmerzgesellschaft schon auf Rückenmarksebene schmerzfilternd wirken. Im zentralen Nervensystem beeinflusst sie die Schmerzverarbeitung, das Schmerzerleben und begleitende Stressreaktionen. Als mögliche Mechanismen gelten unter anderem die Freisetzung körpereigener Endorphine und anderer Überträgersubstanzen.
Angenehme Klänge werden häufig als harmonisierend und lindernd empfunden. Unangenehme Klänge können dagegen körperliche Schmerzreaktionen und schmerzverzerrte Mimik auslösen. Eine neurophysiologische Studie mit gesunden Probanden zeigte, dass negativ-emotionale Klänge mit Weinen im Vergleich zu neutralen oder positiven Klängen stärkeres Schmerzempfinden auslösten. Das ist also nicht bloß Hintergrundgedudel.
Beschrieben werden außerdem Aufmerksamkeitsfokussierung und Ablenkung, eine gedämpfte Stressreaktion mit geringerer Ausschüttung von Stresshormonen, eine höhere Schmerzschwelle und Schmerztoleranz, eine geringere Schmerzwahrnehmung im Gehirn sowie weniger Muskelspannung. Musik kann den Lebensmut fördern und bei krankengymnastischen Übungen die psychomotorische Koordination verbessern. Laut Schmerzgesellschaft werden diese Behandlungseffekte nahezu ohne Nebenwirkungen erreicht.
Entspannungsmusik vor, während oder nach einer Operation kann den Bedarf an Schmerzmitteln deutlich senken. In Verbindung mit einer gesprochenen Entspannungsanleitung führte tägliches Hören von 25 Minuten über drei Wochen zu weniger Schmerzintensität, Angst, Depression und Schlafstörungen. Besonders ausgeprägt waren die Effekte bei Kopfschmerzpatienten.
Vom Kopfhörer bis zur Therapie
Erfolge bei akuten Schmerzen haben in vielen Kliniken zum routinemäßigen Einsatz von Musiktherapie beziehungsweise Musik-Medizin geführt – manchmal fällt dafür der Begriff „Audioanalgesie“. Auch in der Selbsthilfe wird Musik eingesetzt, insbesondere bei nicht mehr heilbaren Erkrankungen. Schmerzpatienten erhalten speziell entwickelte Musik vor und während einer Behandlung beim Schmerztherapeuten; musikgestützte Programme gibt es zudem zur Anwendung zu Hause und am Arbeitsplatz.
Unterschieden wird zwischen aktiver und rezeptiver Musiktherapie. Bei der aktiven Variante beteiligen sich Patientinnen und Patienten mit Stimme oder Instrument. Rezeptiv bedeutet: Musik wird über einen Tonträger gehört, etwa eine CD. Bei Programmen zur Selbstanwendung soll die Auswahl beim Patienten liegen und zum persönlichen Geschmack sowie zur jeweiligen Situation passen – zunächst Ablenkung und Entspannung, anschließend Aufmunterung und Aktivierung. Bei Befragungen über mehrere Jahre bezeichneten rund 90 Prozent der betreuten Patienten den Musikeinsatz als nützlich.
Die Internationale Gesellschaft für Musik in der Medizin e. V. und die Deutsche Musiktherapeutische Gesellschaft (DGMT) fördern und erforschen den Einsatz von Musik in der Schmerzbehandlung. Seit über 30 Jahren arbeiten dafür Ärzte, Musiktherapeuten, Hirnforscher und Musiker fachübergreifend zusammen.
Musikmedizin und Musiktherapie sind dabei nicht dasselbe. Musikmedizin setzt „medicofunktionale Musik“ ein, um physiologische und biochemische Wirkungen zu erzielen – Musik wird wie ein nichtmedikamentöses Behandlungsmittel verwendet. Musiktherapie ist eine psychotherapeutische Intervention, die psychische und soziale Ressourcen für den Genesungsprozess aktiviert. Beide Ansätze können ineinander übergehen; das ursprünglich musikmedizinische Entrainment entwickelte sich zu einem umfassenderen musiktherapeutischen Konzept.
Warum die persönliche Geschichte mitspielt
Die Wirkung ist nicht monokausal. Individuelle, biografische, soziale und kulturelle Musikpräferenzen mischen sich ein. In Experimenten mit gesunden Probanden wurden künstliche Schmerzreize unter dem Einfluss von sechs verschiedenen musikalischen Stimuli untersucht. Signifikante Zusammenhänge zwischen neurophysiologischen und psychophysischen Daten zeigten sich nur bei subjektiv bedeutsamen Musikreizen.
Schmerzreduktion durch persönlich bevorzugte Musik korrelierte mit Aktivierungen tiefer liegender Hirnregionen und wurde als Ablenkung vom Schmerz interpretiert. Bei selbst angefertigten Klangkompositionen standen schmerzverstärkende beziehungsweise schmerzlindernde Wirkungen mit Aktivitäten im primären somatosensorischen Kortex in Zusammenhang – ein Hinweis auf eine neurophysiologische Modulation der Schmerzwahrnehmung.
Die musiktherapeutischen Möglichkeiten reichen vom aufmerksamen Hören aufgenommener Musik mit anschließender verbaler Reflexion über individuell live gespielte Musik bis zur Aufführung eines Stücks mit Instrument oder Stimme. Auch spontane instrumentale oder vokale Improvisation, das Komponieren eigener Musik und Musik zur Imagination gehören dazu, gegebenenfalls kombiniert mit Bewegung, Tanz oder künstlerischem Gestalten.
Die Forschungslage ist dabei breit, aber nicht ganz glatt. Neben Einzelfallberichten und theoretischen Modellen gibt es zahlreiche empirische Studien. Wegen der unterschiedlichen Schmerzstörungen und der vielfältigen Verfahren sind sie sehr heterogen, was Meta-Analysen und Reviews erschwert. Dileo und Bradt veröffentlichten 2005 die erste Meta-Analyse zu musikmedizinischen und musiktherapeutischen Ergebnissen in der somatischen Medizin. Die untersuchten Studien hatten meist kurze Behandlungszeiten und kleine Stichproben, wiesen aber eine hohe interne Reliabilität auf.
Die Heidelberger Forschungsgruppe entwickelte für chronische Schmerzpatienten Musiktherapie-Manuale mit bis zu 20 Sitzungen, damit Studien besser vergleichbar werden und belastbarere Evidenz für Schmerzlinderung entsteht. Eine Umbrella-Review von Martin-Saavedra et al. aus dem Jahr 2018 wertete systematische Reviews zu randomisierten kontrollierten Studien aus, die zwischen 2004 und 2017 in mehreren europäischen Sprachen und auf Englisch erschienen waren. Die Mehrheit der Reviews zeigte signifikante Schmerzreduktionen, wenn auch mit unterschiedlich starken Effekten. Das galt auch für Musiktherapie bei Kindern mit Schmerzen.
Bei Palliativpatienten konnte laut einer randomisierten Studie bereits eine einzelne Musiktherapiesitzung die Schmerzintensität positiv beeinflussen; überwiegend wurden jedoch
