Todesfall im Pest-Forschungszentrum Irkutsk: Ursache bleibt unklar
Am 6. Oktober 2026 fehlen nach dem Tod einer 28-jährigen Mitarbeiterin eines Pest-Forschungszentrums in Irkutsk weiterhin genaue Angaben zur Todesursache. Die Wissenschaftlerin starb am vergangenen Freitag in einem Kreiskrankenhaus in Schelechow bei Irkutsk. Als Ursache wurde eine „Lungenentzündung unbekannter Herkunft“ genannt.
Rospotrebnadsor, Russlands Seuchenschutzbehörde, erklärte am Dienstag, die hygienisch-epidemiologische Lage in Irkutsk, Schelechow und der Region Irkutsk sei ruhig beziehungsweise stabil. Eine im Internet verbreitete Meldung über Anti-Seuchen-Maßnahmen und strenge Einschränkungen wies die Behörde zurück: Entsprechende Beschlüsse gebe es bislang nicht. Gleichzeitig kündigte sie weitere Maßnahmen an.
Quarantäne, Spekulationen und viele offene Fragen
Der Verdacht einer Lungenpest hatte sich im Netz schnell verbreitet. Das Onlinemedium „Menschen vom Baikal“ berichtete, die Frau könne sich durch ein zerbrochenes Reagenzglas mit dem Erreger der Lungenpest angesteckt haben. Auch ein Laborunfall wurde vermutet. Rospotrebnadsor dementierte am Sonntag sowohl einen Unfall im Institut als auch eine Pestinfektion.
Nach einer von Interfax zitierten Behördenmitteilung wurden bei erweiterten Untersuchungen keine Mikroorganismen gefunden, die mit der beruflichen Tätigkeit der Frau zusammenhängen. In ihren Proben seien ebenfalls keine entsprechenden Erreger nachgewiesen worden. Welcher Erreger die Lungenentzündung verursacht haben könnte, ist damit weiterhin unklar.
Wegen des Falls wurden in Irkutsk und Schelechow drei allgemeine Krankenhäuser, eine Kinderklinik und ein Geburtshaus beziehungsweise eine Geburtsklinik unter Quarantäne gestellt – örtlichen Berichten zufolge mindestens drei Wochen. Die Beschäftigten des Pest-Instituts standen an ihrem Arbeitsplatz unter Quarantäne. Weitere Infektionen wurden bislang nicht registriert.
Irkutsk liegt rund 4.200 Kilometer östlich von Moskau. Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan und Tadschikistan erhöhten an ihren Grenzen die Aufmerksamkeit gegenüber möglicherweise infizierten Einreisenden. US-Außenminister Marco Rubio erklärte, die USA beobachteten die Lage genau. Es gebe keinen Grund zur Beunruhigung, aber Anlass zur Wachsamkeit, weil sich Infektionen nach ihrem Bekanntwerden möglicherweise schnell ausbreiten könnten. Rubio forderte Russland außerdem auf, mehr Informationen bereitzustellen.
Trotz der behördlichen Beschwichtigungen kursierten im Internet Spekulationen über eine mögliche Epidemie. Das erinnert manche an den Beginn der Corona-Pandemie Ende 2019 beziehungsweise Anfang 2020, als Berichte über eine zunächst rätselhafte Lungenkrankheit in Wuhan die Welt verunsicherten. Die Übertragung von Pesterregern unterscheidet sich allerdings von der von Covid-19.
Misstrauen kommt nicht aus dem Nichts: Staatliche Stellen hatten Katastrophen wie Tschernobyl 1986 oder den Untergang der „Kursk“ 2000 zunächst geleugnet oder heruntergespielt. In diesem Jahr ließen russische Behörden in Sibirien außerdem Tausende Nutztiere wegen angeblicher Tierseuchen schlachten; Bauern hielten die Tiere teilweise für gesund.
Warum in Irkutsk überhaupt an Pest geforscht wird
Das 1934 gegründete Institut in Irkutsk untersucht den Erreger Yersinia pestis, der in verschiedenen Nagetierpopulationen Sibiriens zirkuliert. Forschung an Pest und anderen Infektionskrankheiten ist nach Einschätzung von Experten notwendig. Peter H. Seeberger vom Max-Planck-Institut erklärte, sie diene unter anderem der Entwicklung von Nachweismethoden und möglicherweise von Impfstoffen.
Dafür braucht es Labore, in denen lebende Pesterreger untersucht und aufbewahrt werden können. Geforscht wird an Diagnostik, Impfstoffen und Antibiotikaresistenzen. Auch das Risiko, dass Pest als Biowaffe eingesetzt werden könnte, spielt eine Rolle. Die WHO zählt Y. pestis zu den zwölf gefährlichsten biologischen Kampfstoffen.
Die Quarantäne für Institutsmitarbeiter und Kliniken bewerteten Experten im konkreten Fall als verhältnismäßig. Vorsichtsmaßnahmen für Personen mit möglichem Kontakt zu einem Pestfall seien sinnvoll. Lungenpest ist, wenn die Behandlung schnell beginnt, gut mit Antibiotika behandelbar, sagte Malick Gibani vom Imperial College London. Schwieriger könnte eine Therapie werden, falls im Institut gegen viele Antibiotika resistente Peststämme untersucht worden wären. Selbst bei einer bestätigten Infektion hielte Alice Hughes von der University of Melbourne eine weitere Ausbreitung wegen der schnellen Gegenmaßnahmen für unwahrscheinlich.
Lungenpest wird durch Yersinia pestis verursacht und kann entstehen, wenn sich eine Pestinfektion auf die Lunge ausbreitet. Unbehandelt kann sie tödlich verlaufen und ist hochansteckend. Das Robert Koch-Institut weist darauf hin, dass die Pest weiterhin in Ländern Afrikas, Amerikas und Asiens vorkommt, nicht jedoch in Deutschland. Das Risiko, dass Infizierte nach Deutschland einreisen, gilt als gering.
Eine alte Krankheit mit sehr unterschiedlichen Übertragungswegen
Die Pest ist eine hochgradig ansteckende Infektionskrankheit, meist verursacht durch Yersinia pestis. In der ICD-10 trägt sie den Code A20, in der ICD-11 1B93 mit den Unterformen Bubonenpest, Hautpest, Lungenpest, Pestmeningitis sowie sonstiger oder nicht näher bezeichneter Pest. Historisch wurde „Pest“ auch allgemein als Bezeichnung für Seuchen verwendet.
Ursprünglich handelt es sich um eine Zoonose zwischen Tieren und Menschen. Natürliche Reservoirs sind vor allem wild lebende Nagetiere wie Murmeltiere, Ratten, Eichhörnchen, Präriehunde und Erdhörnchen. Meist übertragen infizierte Flöhe das Bakterium von Nagetieren auf Menschen. Möglich sind auch Infektionen durch Körperflüssigkeiten infizierter Tiere oder Menschen. Die Lungenpest kann über Tröpfchen direkt von Mensch zu Mensch weitergegeben werden.
Mehr als 200 Säugetierarten können befallen werden, darunter Hunde und Katzen. Hausmäuse spielen wegen niedriger Bakterienkonzentrationen im Blut und wenig geeigneter Flöhe eine eher untergeordnete Rolle. Ratten galten lange als wichtigste Wirte und Überträger. Flöhe verlassen ein Wirtstier, wenn dessen Körper abkühlt, und können anschließend andere Wirte einschließlich Menschen befallen. In Regionen, in denen Meerschweinchen gegessen werden, kommt es dadurch weiterhin zu Infektionen.
Die klassische Verbindung zwischen Ratte, Rattenfloh und Mensch beschrieb Paul-Louis Simond 1898. Der tropische Rattenfloh Xenopsylla cheopis gilt als bedeutender Vektor, kommt wegen des kühlen Klimas jedoch nicht in Europa vor. Für historische Übertragungen in Europa wurden Menschenflöhe (Pulex irritans) und Nosopsyllus fasciatus vorgeschlagen. In Laborversuchen zeigte N. fasciatus eine hohe, P. irritans eine deutlich geringere Vektoreffektivität; Untersuchungen in Marokko deuteten trotzdem auf eine mögliche direkte Übertragung durch Menschenflöhe hin.
In Nordamerika ist Oropsylla montana ein wichtiger Überträger zwischen Tieren und Menschen, auch ohne typische Blockade des Verdauungstrakts. Ein infizierter Floh kann schätzungsweise etwa 25.000 bis 100.000 Bakterien pro Biss übertragen. Flöhe aus Boden oder Nestern können höhere Bakterienkonzentrationen aufweisen als Flöhe im Fell eines Wirtstiers. Klima und Fressgewohnheiten beeinflussen das Verhalten verschiedener Floharten.
Gelangen genügend Bakterien in die Blutbahn, kann sich rasch eine hohe Erregerkonzentration entwickeln. Eine Sepsis ist möglich; beim Absterben der Bakterien werden toxische Sekrete freigesetzt, die Nieren und Leber schädigen können. Unbehandelt kann ein toxischer Schock zum Tod führen.
Von der Beulenpest bis zur Lungenentzündung
Die häufigsten Formen sind Beulenpest und Lungenpest. Daneben gibt es Pestsepsis, Pestmeningitis und primäre Hautpest. Bei Pandemien können mehrere Formen gleichzeitig auftreten. Eine unbehandelte Beulenpest kann in eine Pestsepsis und anschließend in eine sekundäre Lungenpest übergehen
