Uni Saarland, 4.10.2026. Vor der australischen Gold Coast liegt ein Buckelwalkalb regungslos auf dem Meeresgrund. Die Mutter taucht immer wieder hinab, berührt es mit dem Kopf und der Brustflosse, steht direkt vor ihm. Einmal liegen beide Auge in Auge nebeneinander. Mindestens eine Minute dauert der Blickkontakt. Fast zwei Stunden bleibt die Kuh in der Nähe – vermutlich sogar mehrere Stunden oder Tage.

Entdeckt hat die Szene Andrew Mulville von der Sea World Foundation während einer Segeltour vor Queensland. Zunächst hielt er die beiden Tiere für zwei ruhende Wale. Das Kalb war weniger als vier Meter lang, die Mutter etwa 12 bis 13 Meter. Ein weiterer erwachsener Wal begleitete sie; außerdem waren Lautäußerungen zu hören.

Eine Beobachtung, die Fragen offenlässt

Mulville wertete den Fall später gemeinsam mit dem Meeresbiologen Olaf Meynecke von der Griffith University aus. Die Studie erschien in der Fachzeitschrift Discover Animals. Nach Angaben der Forscher ist es die erste detaillierte Dokumentation eines solchen Verhaltens bei einem Buckelwal.

Meynecke überrascht vor allem der intensive Körper- und Blickkontakt – und die Dauer. Die Forscher ordnen das Verhalten als „epimeletisches Verhalten“ beziehungsweise postmortale Aufmerksamkeit ein. Die Mutter trug das Kalb nicht, sondern blieb daneben und berührte es wiederholt. Anders als manche andere Walarten versuchte sie auch nicht, den Körper an die Oberfläche zu bringen.

Normalerweise unterstützen Muttertiere ihre Neugeborenen beim ersten Atemzug. Vielleicht erkannte die Kuh schnell, dass das Kalb nicht mehr reagierte. Vielleicht konnte sie es aber auch nicht heben. Ausschließen lässt sich keine dieser Erklärungen. Genau da beginnt das wissenschaftliche Problem: Ob ein Tier trauert, lässt sich nicht einfach messen. Es gibt keine physiologische Messgröße, die ein Verhalten eindeutig mit einer bestimmten Emotion verbindet. Es könnte mütterliche Bindung sein, Verwirrung, Fürsorge oder Kummer.

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Die vergleichende Thanatologie untersucht, wie Tiere auf tote oder sterbende Artgenossen reagieren. Bei Walen und Delfinen wertete eine Untersuchung 78 Berichte aus. Häufig beschrieben wurden Weibchen, die tote Kälber trugen oder anhoben, sie an der Wasseroberfläche hielten oder in unmittelbarer Nähe blieben. Das kann eine Verlustreaktion sein – aber auch Rettungs- oder Schutzverhalten, wenn ein regloses Jungtier zunächst nicht eindeutig als tot erkannt wird.

Eine aktuelle Studie dokumentierte ähnliche Reaktionen bei insgesamt sieben Walarten. Bei Buckelwalen gab es bislang deutlich weniger Beobachtungsdaten. Anatomische und ökologische Unterschiede könnten erklären, warum manche Arten ihre Jungen tragen, während die Mutter in diesem Fall neben dem Kalb blieb. Die offene Frage lautet: Wo endet instinktives Verhalten, wo beginnen Emotionen?

Die „Trauerreise“ der Tahlequah

Ein Vergleich drängt sich auf. 2018 trug das Orca-Weibchen Tahlequah sein totes Kalb vor der nordamerikanischen Küste 17 Tage lang mit sich und legte dabei mehr als 1.500 Kilometer zurück. Drohte der Körper abzusinken, hob Tahlequah ihn wieder aus dem Wasser. Wissenschaftler nannten das eine „Trauerreise“.

Auch Grindwale und Delfine tragen tote Jungtiere teilweise noch längere Zeit. Buckelwale zeigen eine ausgeprägte mütterliche Fürsorge: Ihre Jungen entwickeln sich 11 bis 12 Monate im Mutterleib, werden gesäugt und während der Wintersaison geschützt. Dass eine Mutter nach dem Tod nicht sofort verschwindet, passt in dieses Bild – beweist aber noch kein menschlich vergleichbares Trauererleben.

Olaf Meynecke geht aufgrund eigener Beobachtungen davon aus, dass viele Säugetiere den Verlust eines Artgenossen wahrnehmen und anschließend Verhaltensweisen zeigen, die als Trauer oder Depression beschrieben werden können. Die Empfindungen dürften nicht identisch mit menschlicher Trauer sein. Mögliche Folgen ähneln sich dennoch: Manche Tiere fressen weniger oder gar nicht, ziehen sich zurück oder verändern ihr Sozialverhalten.

Wenn der Appetit verschwindet

Eine Studie aus Australien und Neuseeland beobachtete 159 Hunde und 152 Katzen nach dem Tod eines tierischen Gefährten. Bei den Hunden fraßen 35 Prozent weniger als zuvor, 31 Prozent fraßen langsamer. Katzen miauten vielfach häufiger und lauter. Hunde und Katzen suchten außerdem die Lieblingsplätze des verstorbenen Tieres auf – als würden diese Orte noch nach dem anderen riechen.

Beim achtjährigen Schimpansen Flint wurde die Veränderung besonders drastisch. Nach dem Tod seiner Mutter Flo im tansanischen Gombe-Nationalpark isolierte er sich zunehmend. Die Primatenforscherin Jane Goodall beobachtete, wie Flint wiederholt zu seiner toten Mutter ging. Er stellte das Fressen ein und starb wenige Wochen später. Goodall erklärte später, er sei an „gebrochenem Herzen“ gestorben.

Schimpansenmütter tragen tote Jungtiere teilweise Tage, Wochen oder Monate mit sich, pflegen sie oder bleiben ungewöhnlich lange bei ihnen. Eine neuere Feldbeobachtung aus Tansania mahnt allerdings zur Vorsicht: Heftige Reaktionen auf ein kollabiertes oder frisch regloses Jungtier belegen nicht automatisch ein ausgereiftes Todeskonzept. Tiere können merken, dass etwas nicht stimmt, ohne den Tod als endgültig zu verstehen.

Elefanten kehren zu den Toten zurück

Bei Elefanten gehören Kadaver offenbar zum sozialen Gedächtnis. Herden versammeln sich, berühren und beschnuppern tote Tiere, bewachen sie und kehren später wieder zurück. Beobachtet wurde auch, wie Elefanten sterbende Artgenossen stützten oder tote Kälber forttrugen. Manchmal bedecken sie Körper mit Erde oder Pflanzen. Ob das einer menschlichen Bestattung entspricht, ist ungeklärt.

Wie lange solche Begegnungen nachwirken können, zeigt der Tod der 55-jährigen Elefantenkuh Victoria 2013 in Kenia. Ihre Familie blieb bei ihr. Die zehnjährige Tochter Noor hielt sich noch lange an ihrer Seite auf. Ihr 13-jähriger Sohn Malasso stieß Victoria mit den Stoßzähnen an – offenbar, um sie aufzurichten. Wochen später suchten auch Elefanten aus anderen Familien Victorias Überreste auf.

Elefanten suchen nicht nur frische Kadaver, sondern auch verstreute Knochen auf. Sie untersuchen sie wiederholt, berühren und beschnuppern sie. Solche Reaktionen stehen mit ihrem Sozialgedächtnis und ihren komplexen Beziehungen in Verbindung. Nach Tötungsaktionen in Elefantenpopulationen hielten soziale Störungen laut einer Langzeitstudie sogar über Jahrzehnte an: Betroffene Tiere trafen schlechtere soziale Entscheidungen und reagierten anders auf Gefahren und Artgenossen.

Das beweist nicht unmittelbar Trauer. Es zeigt aber, dass der Verlust sozialer Strukturen Verhalten, Lernen und Gruppenfunktion nachhaltig beeinflussen kann. Der Tod eines Jungtiers bedeutet für ein Tier womöglich nicht nur den Verlust eines Körpers, sondern auch den Abbruch einer Bindung, einer Fürsorgeroutine, einer erwarteten Zukunft und vielleicht einer sozialen Position.

Was sich beobachten lässt – und was nicht

Der zentrale Erklärungsfaktor ist die soziale Bindung. Junge westliche Schimpansen nutzen ihre Mütter unterschiedlich stark als sichere Basis und Schutzquelle. Bei Cetaceen konzentrieren sich die Reaktionen häufig auf Mutter-Kalb-Beziehungen. Bei Elefanten spielen soziale Erinnerung, Verwandtschaft, Rang und Kooperation eine wichtige Rolle.

Ganz reicht die Bindung als Erklärung trotzdem nicht. Klima und Verwesungsgeschwindigkeit, die Todesumstände, die Erfahrung der Mutter und individuelle Unterschiede wirken ebenfalls hinein. Dauer, Intensität und Begleitverhalten unterscheiden sich von Art zu Art – und von Tier zu Tier.

Beobachtbar sind Annäherung, Tragen, Wachen, Rufen, Beschnuppern, Schutz, Aggression oder Vermeidung. Die Qualität des inneren Erlebens lässt sich daraus nicht direkt ablesen. Wenn Trauer bedeutet, einen Verstorbenen nicht einfach loslassen zu können, zeigen viele Tierarten Verhaltensweisen, die dieser Definition nahekommen. Vorsichtig formuliert lassen sie sich als trauerähnlich oder „grief-artig“ bezeichnen.

Welche biologischen Prozesse dieses Verhalten auslösen, ist bislang nicht geklärt. Sicher ist nur: Viele sozial lebende Tiere ignorieren ihre Toten nicht einfach. Ihre Reaktionen entstehen in anderen Körpern, Sinnessystemen und sozialen Strukturen als beim Menschen. Vor der Gold Coast blieb eine Buckelwalkuh bei ihrem Kalb, berührte es immer wieder und tauchte schließlich davon – mit einem lebenden Begleiter an ihrer Seite und vielen