Wie stark prägt die soziale Herkunft den Weg durch die Schule? Und woran merkt man Diskriminierung, wenn sie nicht sofort ins Auge springt? Mit diesen Fragen beschäftigten sich Studierende und Lehrende der Universität Siegen und der Linnaeus University im schwedischen Växjö bei einer deutsch-schwedischen Summer School an der Uni Siegen.

Im Mittelpunkt stand Klassismus – also Diskriminierung aufgrund der sozialen Herkunft. Die Teilnehmenden tauschten sich über Klassismus in Sprache, Literatur und Bildung aus und stellten verbreiteten Vorstellungen eines besonders gleichberechtigten schwedischen Schulsystems aktuelle Herausforderungen durch soziale Abgrenzung und Ungleichheit gegenüber. Dabei ging es auch darum, wie soziale Herkunft Bildungserfahrungen in Deutschland und Schweden prägt.

Klassismus sichtbar machen

Zum Auftakt begrüßten Prorektorin Barbara Müller-Naendrup und Nadja Ratzka, Geschäftsführerin des Zentrums für Lehrkräftebildung und Bildungsforschung, die Teilnehmenden. Müller-Naendrup betonte das Ziel, die internationale Vernetzung der Universität Siegen in der Lehrkräftebildung auszubauen und andere Schul- und Bildungssysteme einzubeziehen. Eigene Erfahrungen brachte sie ebenfalls mit: Während eines Studienaufenthalts an einer englischen Grundschule habe sie neue Perspektiven auf Schule und Unterricht gewonnen.

Ratzka erklärte, Klassismus werde im Vergleich zu Rassismus und Antisemitismus häufig weniger deutlich wahrgenommen. Gerade deshalb müsse genauer hingeschaut werden. Schulen bringen Kinder und Jugendliche unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammen und können dazu beitragen, soziale Grenzen zu überwinden. In der Praxis ist das allerdings kein Selbstläufer.

Der Germanist Friedemann Vogel zeigte in einem Auftaktvortrag, dass soziale Klassenverhältnisse weiterhin bestehen – auch wenn Begriffe wie „Ober-“ und „Unterschicht“ seltener verwendet werden. Anschließend untersuchten die Teilnehmenden Klassismus in Sprache, Literatur, Politik, Bildung und Alltag. Außerdem ging es um die Frage, wie sich klassistische Mechanismen im Unterricht erkennen und aufgreifen lassen.

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Zwischen Seminarraum und Bühne

Neben theoretischen Grundlagen standen Seminare und Kleingruppenarbeit auf dem Programm. Ein theaterpädagogischer Workshop brachte Bewegung in die Auseinandersetzung. Dazu kam ein Gespräch mit der Autorin Eva Müller über ihr Werk „Scheiblettenkind“. Zum Abschluss präsentierten die Studierenden ihre Ergebnisse.

Der Austausch mit den schwedischen Teilnehmenden machte ähnliche Fragestellungen in beiden Ländern sichtbar und eröffnete neue Perspektiven auf Schule. Nadja Ratzka hob dabei die Bedeutung des Praxisbezugs für die Arbeit in Schulen hervor. Denn irgendwann endet die Diskussion im Seminarraum, und die nächste Klasse wartet.

Teil von „connect4future“

Die Summer School fand im Rahmen des Projekts „connect4future“ statt. Das Modellprojekt der Universität Siegen läuft von 2025 bis 2029 und soll die Internationalisierung der Lehramtsausbildung voranbringen. Gefördert werden interkulturelle Kompetenzen und „Future Skills“ angehender Lehrkräfte – unter anderem in den Bereichen Digitalisierung und KI, Nachhaltigkeit, Gesundheit und Demokratie.

Projektkoordinatorin Vanessa Breitkopf ordnete Klassismussensibilität als Bestandteil von Demokratiebildung und als Zukunftskompetenz für Lehrkräfte ein. Für den Schulalltag heißt das: Nicht nur Unterrichtsinhalte und Methoden zählen, sondern auch der Blick darauf, welche unausgesprochenen Erwartungen, Zuschreibungen und Zugänge Schülerinnen und Schüler mitbringen. Der schwedisch-deutsche Austausch in Siegen hat dafür reichlich Gesprächsstoff geliefert.