Zukunftswerkstatt Westerwald: Studierende beraten Unternehmen zu Innovation und Transformation
Wie bleiben Unternehmen im Westerwald innovativ, wenn sich Arbeitswelt, Technik und Märkte gleichzeitig verändern? Mit dieser Frage haben sich Studierende der Universität Siegen im Praxissemester „Zukunftswerkstatt Westerwald“ beschäftigt. Zum Abschluss des Sommersemesters 2026 überreichten sie bei der Firma Zilonis in Müschenbach ihre Zertifikate.
Das gemeinsame Angebot der Wirtschaftsförderungen der Landkreise Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis sowie der Universität Siegen gibt es seit 2025. Unternehmen bekommen dabei einen unvoreingenommenen Blick von außen, eine Experteneinschätzung und konkrete Handlungsempfehlungen. Für die Studierenden ist es eine Gelegenheit, nicht nur über Veränderung zu reden, sondern sie in Betrieben tatsächlich zu untersuchen.
Vom Fragebogen zur Handlungsempfehlung
Während des Praxissemesters entwickelten die interdisziplinären Studierendengruppen Fragebögen, führten Datenerhebungen durch und analysierten die Ergebnisse. Im Mittelpunkt standen die Innovations- und Transformationsfähigkeit der Unternehmen sowie mögliche Optimierungsmöglichkeiten. Auch die Unternehmenskultur kam unter die Lupe: Führung, Motivation und Organisation spielten dabei eine wichtige Rolle.
Aus den Daten leiteten die Studierenden Handlungsbedarfe, Maßnahmenvorschläge sowie Handlungs- und Verhaltensempfehlungen ab. Die Ergebnisse präsentierten sie den teilnehmenden Unternehmen. Ergänzend führten sie Expertengespräche mit Robert Kebbekus, dem Leiter der Zukunftswerkstatt. So wurden aus Gesprächen und Tabellen konkrete Ansätze für die betriebliche Praxis.
Zilonis-Geschäftsführer Musa Smakaj betonte die Bedeutung der Transformation durch Künstliche Intelligenz im Arbeitsalltag. Die Studierenden bewerteten die Veränderungen überwiegend als Chance. Gleichzeitig äußerten sie den Wunsch nach mehr Möglichkeiten, nach dem Studium Berufserfahrung zu sammeln. Die Zukunftswerkstatt, so ihre Einschätzung, schafft genau dafür einen brauchbaren Zugang zur Praxis.
Landrat Klaus Lütkefedder verwies bei der Zertifikatsübergabe auf die regionale Wirtschaftsstruktur: In den drei „Wir Westerwälder“-Landkreisen gibt es mehr als 22.000 Unternehmen, darunter rund 40 Weltmarktführer. Als Partnerunternehmen im Sommersemester waren unter anderem die Westerwald-Brauerei, Scholl Apparatebau, ABUS, Alhäuser & König und HUF HAUS beteiligt. Katharina Schlag, Geschäftsführerin der Wirtschaftsförderungsgesellschaft, und Robert Kebbekus dankten den Beteiligten.
Kooperation mit praktischem Anschluss
Die drei Wirtschaftsförderungen führen ihre Kooperation mit der Universität Siegen ab 2025 gemeinsam fort. Der bisherige Schwerpunkt der Praxisseminare auf dem Thema Fachkräfte wurde verändert; künftig stehen Innovation und Transformation im Zentrum. Unternehmen und Studierende kommen im Rahmen eines Praxissemesters zusammen, tauschen Wissen und praktische Erfahrungen aus. Die Studierenden übernehmen dabei eine Beratungsrolle für reale Anwendungsfelder, während die Betriebe neue Perspektiven und mögliche Lösungsansätze erhalten.
Gesucht worden war ein konkreter Ansatz, um Unternehmen in der Region Westerwald beim Einstieg in Transformationsprozesse zu unterstützen. Als Kooperationspartner ist das vom Bundeswirtschaftsministerium geförderte Projekt TraForce im Landkreis Altenkirchen eingebunden. TraForce bietet bereits Unterstützung bei Transformationsprozessen in der Industrie an. Beteiligt sind außerdem die Landkreise Altenkirchen, Neuwied und Westerwaldkreis, deren Wirtschaftsförderungen, das Transformationsnetzwerk Altenkirchen/Westerwald und die Universität Siegen.
Das Praxissemester wird fortgeführt. Für das Wintersemester 2026/2027 werden weitere Partnerunternehmen gesucht. Die Zahl der Teilnahmeplätze ist begrenzt. Unternehmen, die sich für eine Teilnahme interessieren, können sich an Robert Kebbekus von der Universität Siegen wenden: robert.kebbekus@uni-siegen.de. Weitere Informationen gibt es unter www.zukunftswerkstatt.online.
Für 2025 konnten sich insgesamt vier Unternehmen aus dem Landkreis Altenkirchen anmelden; Anmeldeschluss war Montag, der 31. März 2025. Der damalige Aufruf zeigt, wie das Projekt angelegt ist: begrenzte Plätze, enge Begleitung und möglichst direkte Kontakte zwischen Hochschule und Betrieb.
Ein Modell in einem größeren Bild
Solche Verbindungen kommen zur rechten Zeit. Nach Angaben des Stifterverbands sinkt der Anteil der Drittmittel aus der Wirtschaft an Hochschulen seit Jahren. Damit gehen Innovationspotenziale für Wissenschaft und Wirtschaft verloren. Die Politik soll deshalb die Rahmenbedingungen für eine intensivere Zusammenarbeit von Hochschulen und Unternehmen verbessern.
Spielraum gibt es bereits: Hochschulen und Unternehmen arbeiten etwa in gemeinsamer Forschungsinfrastruktur wie Joint Labs, über geteilte Personalstellen wie Shared Professorships oder in gemeinsamen Innovationsformaten wie Innovation-Sprints zusammen. Auch Kooperationen in der wissenschaftlichen Ausbildung, etwa Industrie-Promotionen, gehören dazu. Die Zukunftswerkstatt setzt eine Nummer kleiner an, aber mit direktem Kontakt zum Arbeitsalltag regionaler Betriebe.
Der Stifterverband zeichnete 2025 zwölf Projekte mit der „Hochschulperle des Monats“ aus, um Forschung und Innovation überregional sichtbar zu machen und andere Hochschulen zu inspirieren. Anschließend wurde in einem öffentlichen Voting die „Hochschulperle des Jahres“ gewählt. Die größte Zustimmung erhielt „Industry on Campus“ der Hochschule Offenburg. Das Transferprojekt verbindet Technologietransfer und die Sicherung von MINT-Fachkräften mit regionalen Unternehmen.
Dazu befragte der Stifterverband Hochschul- und Unternehmensvertreterinnen der ausgezeichneten Projekte: Was unterscheidet ihre Vorhaben, und welche Erkenntnisse lassen sich auf andere Hochschulen übertragen? Eine Frage, die auch in Siegen und im Westerwald nicht bloß auf dem Papier steht. Die nächste Runde der Zukunftswerkstatt wartet bereits auf Unternehmen.
