Otto E. Rössler ist tot. Der Chaosforscher starb am 5. Oktober 2026 im Alter von 86 Jahren. Zeitweise war er der bekannteste Wissenschaftler der Universität Tübingen – und zugleich eine ihrer umstrittensten Figuren.

Sein Leben führte von der Medizin über die Chaosforschung bis in grundsätzliche Debatten über die Welt, Beobachtung und wissenschaftliche Verantwortung. „Man kann die Welt als Welt auffassen oder als Differentialgleichung“, lautet ein ihm zugeschriebenes Zitat. Es klingt knapp, fast beiläufig. Bei Rössler war es eher ein Programm.

Vom Tübinger Abitur zur internationalen Forschung

Otto Eberhard Rössler wurde am 20. Mai 1940 in Berlin geboren und wuchs als Sohn des Semitistik-Professors Otto Rössler in Tübingen auf. Dort legte er das altsprachliche Abitur ab. Anschließend studierte er Medizin an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und wurde 1966 zum Dr. med. promoviert.

1967 und 1968 arbeitete Rössler als Postdoktorand am Max-Planck-Institut für Verhaltensphysiologie in Seewiesen bei Konrad Lorenz. 1969 war er Gastdozent am Center for Theoretical Biology der New York State University in Buffalo. An der Universität Tübingen wurde er 1970 Dozent und 1977 Professor am Institut für Physikalische und Theoretische Chemie.

Es folgten Stationen außerhalb Deutschlands: 1981 eine Gastprofessur für Mathematik an der Guelph University in Kanada, 1983 eine Gastprofessur am Center for Nonlinear Studies des Los Alamos National Laboratory der University of California. Rössler gehörte zu den Pionieren der Chaosforschung. Nach ihm ist der Rössler-Attraktor benannt. Außerdem beschäftigte er sich mit Endophysik, also mit der Frage, wie die Welt aus der Perspektive eines inneren Beobachters erscheint.

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Zu seinen ausgewählten Veröffentlichungen zählen die Habilitation Existenz eines „Bausteinprinzips“ beim Entwurf von komplizierten Reaktionssystemen aus Tübingen von 1972 sowie, mit Jürgen Parisi, Joachim Peinke und Ruedi Stoop, Encounter with Chaos. Self-Organized Hierarchical Complexity in Semiconductor Experiments von 1992. Ebenfalls 1992 erschien Endophysik. Die Welt des inneren Beobachters bei Merve.

Streit mit der Universität und Hausverbot

Ab 1988 führte Rössler gemeinsam mit seiner Ehefrau einen langjährigen Streit mit der Universität Tübingen und dem baden-württembergischen Wissenschaftsministerium. Es ging um Umfang und Inhalte akademischer Lehrverpflichtungen. In diesem Zusammenhang kam es unter anderem zu Verurteilungen wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung.

Rössler erhielt an der Universität Tübingen Hausverbot. Wegen eines nicht näher beschriebenen Vorfalls entging er nur knapp einer Gefängnisstrafe. Der Nachruf von Ulrich Janßen beschreibt damit auch die andere Seite einer Karriere, die sonst gern über Attraktoren, Gleichungen und internationale Gastprofessuren erzählt wird.

2007 wurde Rössler Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften zu Berlin. Verheiratet war er mit der Endokrinologin Reimara Rössler, die 1939 geboren wurde.

Der Streit um den Large Hadron Collider

Später wandte sich Rössler gegen den am CERN gebauten und 2009 gestarteten Large Hadron Collider, kurz LHC. Er vertrat die These, dass der Beschleuniger künstliche Schwarze Löcher erzeugen könne. Eines davon, so seine Befürchtung, könnte nicht sofort als Strahlung zerfallen, sondern exponentiell wachsen und schließlich die Erde verschlingen.

Seine Argumentation bezog sich unter anderem auf den Ereignishorizont: Teilchen könnten nach dessen Überschreitung nicht mehr entkommen. Die große Mehrheit der Wissenschaftler lehnte Rösslers These und sein zugrunde liegendes Verständnis der allgemeinen Relativitätstheorie ab.

Eine Gruppe um Rössler klagte beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen die Inbetriebnahme des LHC. Der Eilantrag wurde im August 2008 abgewiesen. Das Bundesverfassungsgericht nahm eine Verfassungsbeschwerde im Februar 2010 wegen fehlender grundsätzlicher Bedeutung und mangelnder Erfolgsaussicht nicht an. Weitere Klagen gegen den LHC scheiterten ebenfalls.

Auch mit Stephen Hawking geriet Rössler später in einen wissenschaftlichen Streit. Ausgerechnet ein Forscher, der komplizierte Vorgänge gern auf klare Bilder und Modelle herunterbrach, stand damit plötzlich mitten in einer öffentlichen Debatte über die Grenzen wissenschaftlicher Warnungen. Ein bisschen Tübingen, ein bisschen Weltbühne.

Texte zwischen Physik, Kunst und Information

Rössler schrieb nicht nur über Reaktionssysteme und Chaos. Mit Reimara Rössler veröffentlichte er 1994 Jonas’ Welt. Das Denken eines Kindes. Es folgten unter anderem Das Flammenschwert oder wie hermetisch ist die Schnittstelle des Mikrokonstruktivismus? bei Benteli 1996, gemeinsam mit René Stettler Interventionen. Vertikale und horizontale Grenzüberschreitung und mit Peter Weibel Aussenwelt – Innenwelt – Überwelt. Ein Gespräch, beide 1997.

1998 erschien mit Wilfried Kriese Mut zu Lampsacus. Das Internet als Chance, 2000 mit Artur P. Schmidt Medium des Wissens. Das Menschenrecht auf Information. Descartes’ Traum. Von der unendlichen Macht des Außenstehens kam 2002 als Audio-CD heraus. 2004 schrieb Rössler den Text Stefan Bombaci für einen Ausstellungskatalog.

Später veröffentlichte er mit Bill Seaman Neosentience. The benevolence engine (2011) und mit Ali Sanayei Chaotic harmony. A dialog about physics, complexity and life (2014). Zwischen Mathematik, Kunst, Philosophie und Wissenschaftspolitik blieb er dabei schwer einzuordnen – und offenbar auch schwer zu bremsen.

Der Nachruf auf Otto E. Rössler erschien am 16. Oktober 2026 um 15:00 Uhr. Verfasst hat ihn Ulrich Janßen. Einen Tag später liegt die Nachricht an der Universität Tübingen noch frisch in der Luft: ein weltberühmter Chaosforscher, der Hausverbot bekam, nur knapp einer Gefängnisstrafe entging und bis zuletzt an großen, manchmal sehr großen Fragen rieb.