Im gemeinsamen Kellerarchiv der Paläontologischen Sammlung der Universität Tübingen und des Senckenberg-Instituts lag jahrelang ein Tier, das niemand als neue Art erkannt hatte. Erst im Rahmen einer Masterarbeit über Asseln fiel auf: Diese Riesenassel ist bislang unbekannt. Das 32,2 Zentimeter lange Exemplar trägt nun den wissenschaftlichen Namen Bathynomus tuebingoborikensis.

Gefunden wurde das Tier in Puerto Rico. In den 1980er-Jahren brachte der Tübinger Forscher und Professor Dolf Seilacher es als Vergleichsobjekt an die Universität. Ein Fossil ist es deshalb nicht – es wurde erst damals gesammelt. Trotzdem steckte die zoologische Überraschung über Jahrzehnte in einer Archivschublade.

Ein Name für Tübingen und Puerto Rico

Der Artname verweist auf Tübingen und auf „Boríken“, wie das indigene Taíno-Volk Puerto Rico bezeichnete. Forschende gehen davon aus, dass die neu beschriebene Art trotz des verstorbenen Archivexemplars heute noch existiert.

Riesenasseln sind mit den vertrauten Kellerasseln verwandt, führen aber ein Leben in der Tiefsee. Bis zu 2.500 Meter tief können sie vorkommen und bis zu 50 Zentimeter lang werden. Auf dem Speiseplan stehen als Allesfresser überwiegend tote Fische, Walkadaver und andere Tiere, die auf den Meeresgrund gesunken sind. Im Labor wurde außerdem dokumentiert, dass Riesenasseln monatelang bis über ein Jahr ohne Nahrung auskommen können. Kein schlechter Energiesparmodus.

Eine andere Art bekam den Namen Bathynomus vaderi – nach Darth Vader. In Vietnam wird sie als teure Delikatesse angeboten. Forschende warnen allerdings wegen einer möglichen Schwermetallbelastung vor dem Verzehr.

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40.000 Schubladen voller Überraschungen

Das Tübinger Archiv umfasst etwa 40.000 Schubladen. Die neue Riesenassel ist nicht der erste Fund, der dort wissenschaftlich wieder ans Licht kam. 2022 wurden mehrere Dinosaurierknochen neu zugeordnet; daraus beschrieben Forschende die Art Tuebingosaurus maierfritzorum.

Wer bei Asseln an Insekten denkt, liegt übrigens daneben. Kellerasseln und Riesenasseln gehören beide zur Ordnung der Isopoden und sind Krebstiere. Einige ursprünglich im Wasser lebende Asselarten passten sich an das Leben an Land an. Ganz trocken darf es für Kellerasseln trotzdem nicht werden: Sie benötigen Feuchtigkeit, damit sie nicht austrocknen.

Kleine Helfer unter dem Blumentopf

Im Haus weisen Kellerasseln häufig auf feuchte Stellen hin, richten normalerweise aber keine Schäden an. Gegen sie helfen vor allem trockene Bereiche, abgedichtete Ritzen und das Entfernen organischer Reste.

Landasseln bauen organisches Material ab und tragen damit zur Humusbildung bei. In Terrarien werden sie als Nützlinge eingesetzt: Dort beseitigen sie Futterreste, Kot und Schimmel. Einige Arten landen sogar nicht nur als Aufräumtruppe, sondern als Haustier in der Haltung – etwa „Panda King“ oder „Rubber Ducky“, Namen, die zwischen Kellerboden und Kuscheltierregal fast ein wenig komisch wirken.

Während am 14.10.2026 in Tübingen also weiter Schubladen geöffnet und alte Präparate geprüft werden, zeigt die Riesenassel aus Puerto Rico, wie viel Forschung manchmal im Verborgenen beginnt: nicht mit einem Tauchroboter im schwarzen Tiefseewasser, sondern mit einer Masterarbeit, einem Archiv und einem Tier, das einfach lange gewartet hat.