Cyberangriff auf Fehmarnbelt-Tunnel legt Baustellenbetrieb lahm
Ein Cyberangriff auf Femern Link Contractors (FLC), den Auftragnehmer des Fehmarnbelt-Tunnels, hat am Dienstag Teile der Baustellenarbeiten lahmgelegt. Zeitweise funktionierten auch Zugangskarten nicht. Auf einer sicherheitsrelevanten Großbaustelle ist das mehr als ein lästiger Ausfall: Wenn digitale Systeme streiken, steht schnell auch ganz praktisch etwas still.
Der Vorfall beschäftigt deshalb längst nicht nur die Baustelle. In Schleswig-Holstein fordern Politik, Industrie- und Handelskammer (IHK) sowie Fachleute bessere Cybersicherheit und mehr Vorsorge. Die Schadenshöhe ist noch unklar. Betroffen sind deutsche und dänische Stellen – der Angriff hat damit auch eine bilaterale Dimension.
Mehr Vorsorge, weniger Vertrauen in den Zufall
Digitalisierungsminister Dirk Schrödter (CDU) spricht von einer wachsenden internationalen Bedrohungslage. Schleswig-Holstein hat Eckpunkte einer Cybersicherheitsstrategie beschlossen. Die Landesregierung messe Cybersicherheit eine ähnlich hohe Bedeutung wie der Verkehrssicherheit bei, sagt Schrödter. Er fordert außerdem ein nationales „Cyber Incident Review Board“, das Vorfälle auswertet und daraus Schutzstrategien entwickelt.
Wirtschafts- und Verkehrsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) verweist auf die grenzüberschreitenden Folgen. Wegen der sicherheitsrelevanten Großbaustelle sei besondere Vorsicht notwendig. Unternehmen und Behörden müssten Cybervorfälle konsequent melden, fordert Madsen. Gerade bei einem Projekt, an dem deutsche und dänische Strukturen ineinandergreifen, kann ein Ausfall an einer Stelle schnell weitere Kreise ziehen.
Thomas Balk von der IHK betont derweil, Cyberschutz beginne nicht mit teurer Technik. Regelmäßige Updates, Mehrfaktor-Authentifizierung, getestete Backups und geschulte Mitarbeitende seien die wichtigen Grundlagen. Der Sicherheitsstand der Unternehmen sei allerdings sehr unterschiedlich. Manche hätten das Thema in der Geschäftsführung verankert, während vor allem kleine und mittlere Unternehmen mit wenig Personal teils erst nach einem Vorfall reagierten.
Es reicht laut Balk nicht, Angriffe verhindern zu wollen. Unternehmen brauchen auch Pläne für die Weiterarbeit danach. Was passiert, wenn Systeme ausfallen? Wer entscheidet, welche Geräte vom Netz genommen werden? Und wie lässt sich der Betrieb notfalls ohne digitale Unterstützung aufrechterhalten? Solche Fragen klingen trocken, werden im Ernstfall aber ziemlich schnell unangenehm konkret.
Erpressung oder gezielte Störung?
Sicherheitsexperte Henrik Schilling von der Universität Kiel vermutet kriminelle oder staatliche Akteure hinter dem Angriff. Wegen der hohen Kosten und möglicher Verzögerungen des Bauprojekts sei Erpressung denkbar. Ebenso möglich sei ein gezielter Angriff auf kritische Infrastruktur mit dem Ziel, Verunsicherung auszulösen. Erste Vermutungen aus Dänemark deuteten auf Russland hin.
Seit Beginn des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine im Jahr 2022 haben Angriffe auf europäische Infrastruktur laut Schilling zugenommen. Dazu zählen auch Beschädigungen von Kabeln in der Ostsee. Nach Einschätzung des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) bestehen weiterhin erhebliche Sicherheitslücken gegen Cyberangriffe. Gleichzeitig werde die Vorbereitung besser – insbesondere bei Betreibern kritischer Infrastrukturen.
Vollständiger Schutz ist nicht erreichbar. Unternehmen müssen deshalb vor allem mit den Folgen umgehen können, Systeme schnell wiederherstellen und notfalls auf analoge Verfahren ausweichen. Auf der Tunnelbaustelle könnten etwa Schiffe betroffen sein, wenn sie wegen angegriffener Systeme keine Aufträge erhalten oder nicht auslaufen können. Ein digitales Problem bleibt dann nicht im Computer hängen, sondern landet draußen im Hafen.
Auch die Landesbeauftragte für Datenschutz, Marit Hansen, warnt vor einer Zunahme von Cyberangriffen. Entscheidend sei nicht mehr, ob ein Angriff stattfinde, sondern wann er erfolge und wie darauf reagiert werde. Besonders gefährdet seien internetfähige Systeme, etwa durch Homeoffice oder Fernzugriffe. Nach Einschätzungen von Experten aus dem Ostseeraum stammten viele Angriffe aus Russland.
Häufig gehe es nicht um Datendiebstahl, sondern um gezielte Störungen und Verunsicherung. Angreifer wollten Systeme lahmlegen und Misstrauen sowie Chaos verbreiten. Das kann bedeuten, dass schon ein zeitweilig nicht funktionierendes Zugangssystem Wirkung zeigt: Mitarbeitende kommen nicht hinein, Abläufe stocken, und niemand weiß zunächst, wie weit der Ausfall reicht.
Was Unternehmen und Privatleute tun können
Hansen empfiehlt Unternehmen eine Mehrfaktor-Authentifizierung mit zusätzlichem Code oder Gerät. Für jeden Account sollte ein eigenes Passwort verwendet werden. Wichtige Informationen sollten verschlüsselt oder sicher offline aufbewahrt werden; außerdem gehören Antivirus- und andere Schutzsoftware sowie ein ausgearbeiteter Notfallplan zur Grundausstattung.
Ein solcher Plan sollte unter anderem festlegen, wann betroffene Systeme offline genommen werden, um weitere Schäden zu verhindern. Betriebssysteme und Sicherheitssoftware sollten Angriffe möglichst früh erkennen und stoppen. Analoge oder offline verfügbare Dokumente können im Krisenfall als Ausweichmöglichkeit dienen – nicht glamourös, aber manchmal Gold wert.
Privatnutzende sollten prüfen, ob auf ihren Computern ein Antivirus-Programm installiert ist. Auf Smartphones sind zusätzliche Antivirus-Programme seltener nötig, weil dort meist bereits Schutzmaßnahmen vorhanden sind. Entscheidend bleibt, den Zugriff der Angreifer zu begrenzen und den Betrieb schnell wieder aufzunehmen. Absolute Sicherheit gibt es nicht; ein Plan für den Moment danach schon.
Am Standort Uni Kiel fällt der Blick damit zwangsläufig auch auf die Umgebung: Ostsee, Häfen, Forschung, Verkehr und grenzüberschreitende Infrastruktur hängen enger zusammen, als es im Alltag wirkt. Der Angriff auf FLC zeigt, wie rasch digitale Störungen in der analogen Welt ankommen können – bei Zugangskarten, Bauabläufen und möglicherweise sogar bei Schiffen, die auf ihre Aufträge warten.
