Psychische Hilfe für Flüchtlinge: So wird die Therapie effizienter!
Immer mehr Menschen aus Krisen- und Kriegsgebieten erreichen Deutschland, doch nicht alle von ihnen finden die Hilfe, die sie benötigen. Schätzungen zufolge haben rund 80 Prozent dieser Geflüchteten potenziell traumatisierende Erlebnisse hinter sich, was zu einem hohen Anteil psychischer Belastungen führt. Laut einer aktuellen Analyse haben 40 bis 50 Prozent der Geflüchteten behandlungsbedürftige psychische Erkrankungen. Trotzdem finden viele keinen geeigneten Therapieplatz. Dies hat schwerwiegende Folgen, da Verzögerungen in der psychosozialen Unterstützung dazu führen können, dass sich psychische Probleme chronifizieren.
Aktuelle Initiativen, wie das Projekt „Assisting Refugees to Access Psychological Support“ (ARAP) der Universität Witten/Herdecke, versuchen, diese Lücken in der Versorgung zu schließen. Das Projekt bietet ein Erstgespräch an, um den Unterstützungsbedarf von Betroffenen zu klären, und vermittelt anschließend geeignete therapeutische Angebote im regionalen Netzwerk. Zudem werden Psychotherapeut:innen fortgebildet, um besser auf die speziellen Bedürfnisse von geflüchteten Menschen eingehen zu können, insbesondere wenn es um Trauma und Migration geht. Diese Fortbildung ist auch für Fachkräfte gedacht, die mit geflüchteten Kindern und Jugendlichen arbeiten, um frühzeitig psychische Belastungen zu erkennen und adäquate Hilfsangebote zu finden.
Herausforderungen in der Versorgung
Die Realität sieht jedoch oft anders aus. Ein Interview mit Lukas Welz von der BAfF zeigt, dass in Deutschland 2022 zwar 51 Psychosoziale Zentren existierten, diese jedoch nur einen Bruchteil der Hilfesuchenden erreichen konnten. Von fast 25.000 Klient:innen mussten mindestens 10.000 abgewiesen werden, oft aufgrund von Kapazitätsengpässen. Internationalen Studien zufolge benötigen mindestens 30 Prozent der Geflüchteten psychotherapeutische Hilfe – in Deutschland erhalten jedoch nur etwa 3 Prozent die notwendige Unterstützung.
Politische Diskussionen über die Verbesserung der psychosozialen Versorgung von Geflüchteten scheinen oft in die falsche Richtung abzuzielen. Die Stigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen als potenzielle „Sicherheitsrisiken“ trägt dazu bei, dass anstatt Lösungen vorgeschlagen werden, der Fokus auf der Reduzierung von Geflüchteten liegt. Gesundheitsminister Karl Lauterbach hat zwar Reformvorschläge gemacht, doch diese gelten nur für gesetzlich krankenversicherte Personen, während vielen Geflüchteten, die unter dem Asylbewerberleistungsgesetz leben, der Zugang zur Regelversorgung verwehrt bleibt.
Notwendigkeit der psychosozialen Zentren
Die psychosozialen Zentren in Deutschland sind unverzichtbar, da es kaum alternative Versorgungsmöglichkeiten für Asylsuchende gibt. Zwar existieren Pilotprojekte in Erstaufnahmeeinrichtungen, die darauf abzielen, psychische Probleme frühzeitig zu identifizieren, doch ist die Finanzierung für die psychosoziale Versorgung stark unterfinanziert. Im kommenden Jahr sind Kürzungen von Bundesmitteln zu erwarten, was die Situation weiter verschärfen wird.
Es gibt Stimmen, die vorschlagen, ein Register für psychisch erkrankte Geflüchtete anzulegen, doch auch dies stößt auf Ablehnung, da es zur Stigmatisierung der Betroffenen führen könnte. Ein zentrales Problem bleibt auch die mangelnde Verfügbarkeit von Übersetzungs- und Dolmetscherdiensten, die für die psychologische Behandlung von Geflüchteten essenziell sind. Neue Technologien, wie etwa Künstliche Intelligenz zur Verbesserung der Übersetzung, könnten zwar unterstützen, doch sind sie nicht ohne Einschränkungen, insbesondere im psychosozialen Kontext. Vertrauen ist entscheidend, wenn es darum geht, traumatisierten Geflüchteten zu helfen, und der persönliche Kontakt kann durch abstrakte Übersetzungsdienste beeinträchtigt werden.
Durch gezielte Maßnahmen, Schulungen und ein starkes Versorgungsnetzwerk ist es möglich, die psychische Gesundheit geflüchteter Menschen zu verbessern und ihnen einen leichteren Zugang zu Hilfsangeboten zu ermöglichen. Das aktuelle Projekt an der Universität Witten/Herdecke ist ein Schritt in die richtige Richtung, doch bleibt abzuwarten, wie die politischen Entscheidungsträger auf die drängenden Herausforderungen reagieren werden.
