Heute, am 31.10.2026, richten sich in Deutschland die Augen auf angekündigte Schülerproteste der Initiativen „Gen Z regelt“ beziehungsweise „Gen Z steht auf“. Auch an der Uni Konstanz ist die Bewegung Thema: In zahlreichen Großstädten, insgesamt in 21 deutschen Städten, sollen Demonstrationen stattfinden. Organisiert und beworben werden sie vor allem über soziale Medien, Influencer und den Hashtag #genzregelt.

Jugendforscher Kilian Hampel erwartet keine größeren Ausschreitungen. Ganz ausschließen will er Gewalt allerdings nicht: Bei jeder Protestbewegung bestehe das Risiko, dass sich gewaltbereite Gruppen anschließen. Die Organisatoren von „Gen Z regelt“ lehnen Gewalt nach seinen Angaben klar ab. Deutschlands politische Protestkultur sei außerdem weniger konfrontativ als die französische.

Bildung, Klima und die Wehrpflicht

Inhaltlich geht es zunächst um bessere Bildungschancen und Schulen. Die Initiative fordert eine bessere Ausstattung und Sanierung von Schulen, mehr Lehrkräfte, kleinere Klassen und bessere Lernbedingungen. Bildungschancen sollen nicht von der sozialen Herkunft abhängen. Hinzu kommen Forderungen nach stärkerem Klimaschutz, mehr sozialer Gerechtigkeit sowie Investitionen in soziale Sicherheit, Gesundheit und ein bezahlbares Leben.

Auch die steigenden Lebenshaltungskosten treiben viele junge Menschen um. Sie verlangen mehr politische Mitbestimmung und wenden sich gegen eine mögliche Wehrpflicht. Nach Hampels Einschätzung haben viele Jugendliche die jüngste Diskussion darüber als Übergehen ihrer Interessen wahrgenommen. Die Proteste spiegelten vor allem Sorgen um Bildungseinrichtungen, soziale Sicherheit, bezahlbares Wohnen und die eigene Zukunft wider.

Die Initiative bezeichnet sich als überparteilich. Sie wolle politische Entscheidungen unabhängig davon kritisieren, welche Partei dafür zuständig sei, und setze auf gemeinsame Forderungen. Einheit soll dabei unabhängig von Herkunft, Hautfarbe, Religion oder politischer Meinung gelten. Nach dem 31. Oktober soll die Arbeit weitergehen.

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Dezentral statt französisches Zentrum

Mit den Protesten in Frankreich lässt sich die deutsche Bewegung nur bedingt vergleichen. Dort gibt es eine längere Tradition von Bildungsprotesten, außerdem richten sich Demonstrationen stärker gegen die Zentralregierung. Bildung ist in Deutschland Ländersache; die Proteste dürften sich deshalb auf einzelne Bundesländer und viele Städte verteilen, statt einen einzigen zentralen Hotspot zu bilden.

Generationenforscher Rüdiger Maas sieht als verbindendes Element der europäischen Proteste vor allem das Alter der Teilnehmenden und den Wunsch nach einer anderen Zukunft. In Albanien handle es sich laut Maas um eine breite Nationalfront gegen die Regierung, in Serbien gebe es eine ähnliche Bewegung. Vergleichbare Jugendbewegungen gab es laut dem Artikel bereits in Madagaskar, Nepal und Marokko.

Soziale Medien machen aus einzelnen Bildern und Ideen schnell eine grenzüberschreitende Bewegung. Junge Menschen sehen, welche Protestformen anderswo möglich sind, und werden dadurch angeregt, selbst aktiv zu werden. Auch die deutschen Demonstrationen sind von internationalen Protesten inspiriert; ihnen gingen Demonstrationen in Frankreich, Italien und weiteren europäischen Ländern voraus, an denen Hunderttausende teilnahmen.

Maas erwartet für Deutschland dezentrale Demonstrationen in vielen Städten und derzeit keine Ausschreitungen oder Unruhen. Dabei werde die Bewegung nicht ausschließlich von jungen Menschen getragen, auch ältere Menschen nähmen teil. Als Randphänomen dürfe man die Proteste deshalb nicht abtun. Einige Forderungen seien schwer umzusetzen, warnt Maas, ignorieren dürfe die Politik sie trotzdem nicht.

Unterstützung, Skepsis und Polizeipläne

Städtetagspräsident und Leipziger Oberbürgermeister Burkhard Jung unterstützt die Proteste. Die Politik müsse die Anliegen junger Menschen ernst nehmen, erklärte er; Protest gehöre zu einer lebendigen Demokratie. Der Blick auf mögliche Ausschreitungen dürfe die Interessen der Jugendlichen nicht verdrängen. Junge Menschen erwarteten zu Recht politische Antworten auf ihre Sorgen um Bildung, soziale Sicherheit, bezahlbares Wohnen und ihre Zukunft.

Der Landesschülerrat Niedersachsen hält Abstand. Es fehle an Transparenz über die Verantwortlichen, außerdem bestehe die Sorge einer politischen Vereinnahmung. Wer etwa hinter der Demonstration in Hannover stehe, sei bislang nicht nachvollziehbar bekannt. Auch die Bundesschülerinnenkonferenz distanzierte sich zunächst und kündigte eigene Aktionen im November an.

Gleichzeitig unterstützt die Bundesschülerkonferenz die Aktionen grundsätzlich, sofern sie friedlich und demokratisch bleiben. Ihre Sprecherin Isabelle Seltenreich warnte davor, dass politische Gruppen die Proteste für eigene Zwecke instrumentalisieren könnten – gerade angesichts gewaltsamer Ausschreitungen im europäischen Ausland.

Die Polizei bereitet sich nach Angaben der Gewerkschaft der Polizei detailliert vor. Routen und Auflagen sollen abgestimmt werden, vorgesehen ist ein Vorgehen mit Kommunikation und gezielten Eingriffen. GdP-Bundesvorsitzender Jochen Kopelke sagte, die deutsche Polizei sei professioneller und anders ausgerüstet als die französische. Einsatzkräfte könnten seiner Einschätzung nach einzelne mutmaßliche Rädelsführer festnehmen und dadurch den friedlichen Teil der Proteste fortsetzen lassen.

Ganz entspannt klingt das trotzdem nicht. Kopelke rechnet mit Konflikten und möglichen Gewaltsituationen. Er verwies auf ein seiner Einschätzung nach europaweit vernetztes Protestmilieu, das über digitale Medien mobilisiere und Aktionen plane. Zugleich forderte er die Politik auf, die Anliegen der jungen Generation ernst zu nehmen, insbesondere die Kritik am Bildungssystem. Frühere Schülerproteste für den Klimaschutz seien friedlich und wirkungsvoll gewesen, von der Politik aber zu lange ignoriert worden.

Auch in Frankreich hat die Regierung teilweise auf Forderungen reagiert, unter anderem in den Bereichen Bildung und Universitäten. Die deutsche Politik müsse ebenfalls handeln, bevor die Lage eskaliere, meint Maas. Auf dem Campus in Konstanz bleibt damit eine Frage hängen, die sich nicht einfach wegwischen lässt: Wer hört diesmal wirklich zu?