Die Universitätsbibliothek Vechta soll mehr werden als eine klassische Medienausgabe. Geplant ist ein offenes Begegnungs- und Arbeitszentrum für den Campus und die Region – ein Ort zum Lernen, Austauschen, Zurückziehen und Dableiben. Gerade für Studierende, Schulen, Bildungspartner sowie Bürgerinnen und Bürger könnte die Bibliothek damit zu einer neuen Adresse im entstehenden Bildungsquartier werden.

Das neue Raum- und Funktionskonzept entwickelte die Universität Vechta gemeinsam mit der Stadt Vechta und dem niederländischen Architekturbüro „includi“. Nach einem abschließenden Designworkshop wurde das detaillierte Konzept für den zentralen Begegnungs- und Arbeitsraum öffentlich vorgestellt. Die Umgestaltung ist Teil der Gesamtstrategie der Universität, die Aufenthaltsqualität auf dem Campus zu verbessern.

Vom Medienbestand zum offenen Lernort

Getragen wird das Vorhaben von der Universitätsgesellschaft Vechta e. V. (UGV). Die Konzeptentwicklung wurde als LEADER-Projekt gefördert; unterstützt wurde sie durch das Regionalmanagement und die Stadt Vechta. Im Projekt „Konzeptstudie mit Beteiligungsprozess und Entwurfsplanung zur Weiterentwicklung der Universitätsbibliothek Vechta zu einem offenen Lern- und Begegnungszentrum im entstehenden Bildungsquartier“ stehen dafür 46.512 Euro Förderung sowie 11.628 Euro öffentliche Kofinanzierung zur Verfügung.

Die Bibliothek wird schon heute stark von der Öffentlichkeit genutzt. Künftig soll sie noch deutlicher als regionaler Bildungs- und Dialogort dienen. Vorgesehen waren deshalb eine Konzeptstudie, ein mehrstufiger Partizipationsprozess und eine Entwurfsplanung. Beteiligte aus Universität, LEADER-Region und Gesellschaft sollten frühzeitig einbezogen werden – mit einer Umfrage, drei Fokusgruppeninterviews und einem mehrtägigen Workshop.

In der tatsächlichen Planung kamen Befragungen, Umfeldanalysen, Arbeitsgruppen und eine intensive Workshop-Woche zusammen. Beteiligt waren Studierende, Lehrende, Beschäftigte aus Verwaltung und Bibliothek, Vertreterinnen und Vertreter der Stadt sowie weitere Interessierte. Auf dem Tisch lagen dabei sehr konkrete Wünsche: Ruhezonen, hohe Aufenthaltsqualität, ein niedrigschwelliger Zugang, flexible Arbeits-, Beratungs- und Veranstaltungsflächen – und Raum für informellen Austausch.

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Geleitet wurde der Prozess von Aat Vos, dem Gründer des Büros „includi“ in Groningen und Experten für sozio-kulturelle Begegnungsräume. Matthias Hartz von der Wirtschaftsförderung und den Partnerschaften der Stadt Vechta sieht in der Neugestaltung die Chance, Studierende, Wissenschaft, Unternehmen und Stadtgesellschaft dauerhaft miteinander zu vernetzen.

„Erst der Mensch, dann die Medien“

Das Konzept folgt dem soziologischen Prinzip des „Dritten Orts“. Gemeint ist ein Ort außerhalb des eigenen Zuhauses und des Arbeitsplatzes beziehungsweise Hörsaals, an dem Menschen unkompliziert zusammenkommen können. Für Bibliotheken gilt dabei der Grundsatz: „Erst der Mensch, dann die Medien.“

Das Bestandsgebäude aus den frühen 1980er-Jahren soll innenarchitektonisch grundlegend geöffnet werden. Der physische Medienbestand wird kompakter aufgestellt und um etwa ein Viertel reduziert. Der frei werdende Platz soll zusätzlichen Begegnungs- und Aufenthaltsflächen zugutekommen – weniger Regalfluchten, mehr Raum dazwischen.

Vorgesehen sind lichtdurchflutete Lernlandschaften, sogenannte „Mediendörfer“, geschützte Rückzugskokons und flexible Arbeitsräume. Transparente Sichtachsen sollen die Orientierung und Sicherheit verbessern. Im Erdgeschoss sind ein barrierefreier Servicebereich, Familienzonen, Aufenthaltsbereiche mit Kaffee- und Teeangeboten sowie flexibel nutzbare Veranstaltungsflächen geplant. Im Obergeschoss bleiben neben den Medienbeständen Veranstaltungsbereiche, multifunktionale Räume und Arbeitsplätze.

Bibliotheksleiterin Dr. Karolin Bubke beschreibt die künftige Bibliothek als Ort zum Lernen und Arbeiten, aber ebenso zum Begegnen, Austauschen und Zurückziehen. Ergänzend sollen Angebote zur digitalen Medien-, Informations- und Datenkompetenz sowie zur Demokratiebildung ausgebaut werden. Regionale Initiativen, Vereine, Bildungseinrichtungen und weitere gesellschaftliche Akteure sollen sich einbringen und das Profil des Ortes mitgestalten können.

Für die Universität Vechta ist die Richtung damit klar: Die Bibliothek soll allen offenstehen und Begegnung, Dialog und Teilhabe neben Zuhause, Arbeit oder Schule ermöglichen. Langfristig soll sie als offener Mittelpunkt des Bildungsquartiers in der Region Vechta etabliert werden.

Ein Modell mit langer Vorgeschichte

Die Idee des „Dritten Ortes“ ist in der Bibliothekswelt keineswegs neu. Oldenburgs Konzept wurde in den vergangenen 20 Jahren international intensiv diskutiert: Seit den 2000er Jahren zunächst im englischsprachigen und skandinavischen Raum, seit den 2010er Jahren auch in Deutschland. Der Begriff hat sich dabei von seinem ursprünglichen Bedeutungskontext gelöst und wurde weiterentwickelt.

Kritik gibt es an der strikten Trennung von Erstem, Zweitem und Drittem Ort. Sie werde der Vielschichtigkeit von Bibliotheken und den Nutzungsgewohnheiten ihrer Besucherinnen nicht gerecht. In Bibliotheken vermischen sich private, berufliche und freizeitbezogene Nutzung ohnehin; das Internet verstärkt diese Überschneidungen, konnte von Oldenburg in seiner Theorie aber noch nicht berücksichtigt werden. Deshalb ist teilweise auch vom „Vierten Ort“ die Rede.

In der Debatte über die gesellschaftliche Bedeutung und Zukunft von Bibliotheken ist der „Dritte Ort“ inzwischen ein unterschiedlich ausgelegtes Schlagwort. Gemeinsamer Kern bleibt die Abkehr vom traditionellen Schwerpunkt auf dem Medienangebot und die stärkere Ausrichtung an den Bedürfnissen aktueller und potenzieller Nutzerinnen.

Bei Umbauten und Neubauten werden Bücher-, CD- und DVD-Regale häufig reduziert. So entstehen gemütliche Sitzgelegenheiten und zusätzliche Flächen für unterschiedliche Aktivitäten. Lokale Gemeinschaften werden oft bereits in der Planungsphase beteiligt, können in Befragungen und Workshops Wünsche äußern und die Gestaltung mitbeeinflussen. Zu den möglichen Angeboten solcher Bibliotheken zählen Makerspaces, Gaming-Bereiche, Medienwerkstätten, Repair-Cafés, Bibliotheksgärten und -cafés sowie digitale, analoge und interaktive Veranstaltungen. Häufig kooperieren Bibliotheken außerdem mit sozialen und kulturellen Organisationen.

Mit dem Abschluss der LEADER-Förderung ist die konzeptionelle Grundlage in Vechta abgeschlossen. Durch angekündigte Mittel aus dem Sondervermögen des Bundes besteht für die Universität die Perspektive, von der Entwurfsplanung in die Umsetzung überzugehen. Die Ergebnisse des Zukunftsbeirats der Universität Vechta, zu dessen Zielen das Vorhaben passt, sollen im November an Niedersachsens Wissenschafts- und Kulturminister Falko Mohrs übergeben werden.

Dann könnte aus dem Gebäude am Campus schrittweise jener gesellschaftliche Knotenpunkt werden, den Bibliotheken heute vielerorts anstreben: Ort der Begegnung, des Lernens und der Inspiration – und ein Platz für soziale, kulturelle und digitale Teilhabe. Mit Kaffee, Rückzugskokon, Medienbestand und hoffentlich auch ein wenig Leben zwischen den Arbeitsplätzen.