Die WHU – Otto Beisheim School of Management plant einen tiefgreifenden Schritt: Ihre Aktivitäten sollen künftig auf einem neuen Campus in Düsseldorf gebündelt werden. Fertig sein soll der Standort bis 2034, zum 50-jährigen Jubiläum der Hochschule. Dafür wollen die Stiftung WHU und die Stadt Düsseldorf exklusiv über ein Areal auf der Halbinsel Kesselstraße verhandeln.

Der Plan betrifft allerdings nicht nur Düsseldorf. Für Vallendar und die Region steht einiges auf dem Spiel. Der Bundestagsabgeordnete Julian Joswig (Bündnis 90/Die Grünen, Wahlkreis Mosel/Rhein-Hunsrück) äußerte sich kritisch. Seit mehr als 40 Jahren präge die WHU Vallendar und das nördliche Rheinland-Pfalz als Hochschule, Arbeitgeberin und Wirtschaftsfaktor. Joswig kennt die Hochschule auch persönlich: Er ist selbst WHU-Absolvent und bedauert den möglichen Weggang.

Vallendar zwischen Enttäuschung und offener Zukunft

Die WHU ging aus der Industrie- und Handelskammer Koblenz hervor und ist nach Angaben Joswigs weiterhin eng mit der regionalen Wirtschaft und der Zivilgesellschaft verbunden. Ein vollständiger Wegzug würde dem nördlichen Rheinland-Pfalz einen wichtigen Anker für Gründungsgeist und Innovation entziehen, meint der Abgeordnete. Als Beispiel nannte er die Beteiligung der Hochschule am Startup-Factory-Projekt „Southwest X“.

Auch das Zusammenleben auf dem Vallendarer Campus habe Generationen von Studierenden und den Charakter der Hochschule geprägt. Joswig stellt deshalb eine ziemlich direkte Frage: Warum wurde keine Lösung gefunden, um die WHU in Vallendar zu halten?

Vallendars Bürgermeister Wolfgang Heitmann (SPD) zeigte sich enttäuscht. Besonders ärgerte ihn, dass er nach eigenen Angaben erst aus der Presse von den Plänen erfahren habe. Nach seiner Einschätzung könnte die Stadt wichtige Impulse für den Wohnungsmarkt, den Einzelhandel, die Gastronomie und die lokale Wirtschaft verlieren. Auch die Nutzung zahlreicher Gebäude könnte schwieriger werden.

Hier könnte Ihr Advertorial stehen
Ein Advertorial bietet Unternehmen die Möglichkeit, ihre Botschaft direkt im redaktionellen Umfeld zu platzieren

Die kommenden Jahre will die Stadt nutzen, um gemeinsam mit der WHU neue Perspektiven für Vallendar zu entwickeln. Der Landrat des Kreises Mayen-Koblenz, Marko Boos (SPD), bezeichnete die Entscheidung als großen Verlust für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz. Er hofft auf ein stärkeres Engagement des Landes und will mit der Hochschule prüfen, ob langfristig doch eine Perspektive für den Standort Vallendar bestehen kann.

Ein Campus für Düsseldorf, zwei Standorte zunächst parallel

Noch betreibt die Otto Beisheim School of Management Campusstandorte in Vallendar und Düsseldorf. Beide sollen zunächst bestehen bleiben. Ziel ist jedoch, die Aktivitäten bis 2034 an einem gemeinsamen neuen Campus im Düsseldorfer Medienhafen zu bündeln. Die Stiftung WHU und die Stadt Düsseldorf wollen dazu exklusiv über das Areal auf der Halbinsel Kesselstraße verhandeln. Zu den Kosten des geplanten Campus machte die Hochschule bislang keine Angaben.

Die WHU begründet den Schritt mit Düsseldorfs Lage als Metropole in einer wirtschaftsstarken europäischen Region. Ein neuer, offener Campus solle den Austausch zwischen Studierenden, Fakultät, Mitarbeitenden und Alumni verbessern – ebenso die Kontakte zu Wissenschaft, Unternehmen, Politik und Gesellschaft. Der Düsseldorfer Standort wächst laut Hochschule seit seiner Eröffnung im Jahr 2010 kontinuierlich.

Die WHU wurde 1984 in Vallendar als Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung gegründet. 1993 erhielt sie den Zusatz „Otto Beisheim“, benannt nach ihrem langjährigen Förderer und Metro-Mitgründer. Das Studienangebot umfasst Bachelor- und Masterprogramme in International Business Administration und Management. Derzeit studieren insgesamt rund 2.100 Menschen an der Hochschule.

Aus der WHU sind bekannte Start-ups wie Zalando, Flixbus und Hellofresh hervorgegangen. Studierende, die ihr Studium in Vallendar begonnen haben, sollen es dort auch abschließen können. Einzelne Studienprogramme seien bereits früher nach Düsseldorf verlegt worden, ohne den Studienalltag zu beeinträchtigen, erklärt die Hochschule. Die konkreten Schritte des Übergangs sollen im weiteren Planungsverlauf festgelegt werden.

Gleichzeitig betont die WHU die prägende Bedeutung Vallendars, der Region, ihrer Menschen und Unternehmen sowie ihrer Gründungsmitglieder, insbesondere der IHK Koblenz. Das klingt nach Abschied mit angezogener Handbremse: Der neue Mittelpunkt soll Düsseldorf werden, die Verbindung nach Vallendar aber nicht einfach verschwinden.

Land bedauert Entscheidung, Düsseldorf freut sich

Der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD) bedauerte die Verlegung. Er verwies auf die regionalen Wurzeln und das internationale Renommee der WHU. Das Land wolle die Zusammenarbeit am weiterbestehenden Vallendarer Standort fortsetzen.

Das Wissenschaftsministerium bezeichnete den Umzug zugleich als interne unternehmerische Entscheidung der privaten Hochschule, die zu respektieren sei. Es habe Gespräche gegeben, die WHU habe jedoch keine Wünsche an das Land gerichtet, die ihre geschäftspolitische Entscheidung hätten ändern können. Staatliche Zuwendungen vom Land Rheinland-Pfalz erhält die WHU nicht.

In Nordrhein-Westfalen fällt die Reaktion erwartungsgemäß freundlicher aus. Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) erklärte, der geplante Campus stärke die internationale Anziehungskraft Nordrhein-Westfalens für Spitzenforschung und unternehmerische Ideen. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) erwartet, dass die Stadt für internationale Studierende, Talente und Unternehmen attraktiver wird.

Was Hochschulen in Regionen auslösen

Der Streit um Vallendar berührt eine größere Frage: Was bleibt, wenn eine Hochschule ihren Schwerpunkt verlagert? Hochschulen wirken nicht nur über Hörsäle und Prüfungen. Sie bringen Hightech-Ausgründungen in Hochschulnähe hervor, vermitteln Wissen über Kooperationen mit Unternehmen und ermöglichen fachliche sowie wissenschaftliche Aus- und Weiterbildung für Menschen vor Ort.

Hinzu kommen Investitionsprojekte, regionale Wirtschaftsimpulse und Beschäftigungseffekte auf dem lokalen Arbeitsmarkt. Eine statistische Analyse des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (Fraunhofer ISI) hat im Auftrag des Stifterverbandes untersucht, welcher Anteil dieser Effekte lokal gebunden ist, wie stark Hochschulen die Wirtschaftskraft ihrer Regionen erhöhen, ob Hochschulstandorte mit geringerer Arbeitslosigkeit verbunden sind und ob sie die regionale Innovationsfähigkeit steigern.

Die Analyse umfasst alle Regionen Deutschlands. Sie ermittelt eine Wertschöpfung von 190 Milliarden Euro durch die Hochschulen. Wie stark die Effekte ausfallen, unterscheidet sich allerdings deutlich – je nach Aktivitätsmuster der Hochschule und nach Region. Der Detailbericht „Regionale Bedeutung von Hochschulen“ erschien im Oktober 2013.

Für Vallendar heißt das: Die WHU ist nicht bloß eine Adresse auf einem Campusplan. Sie ist Arbeitgeberin, Ausbildungsort, Kontaktpunkt für Unternehmen und Teil eines sozialen Gefüges, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Bis 2034 bleibt Zeit für Gespräche, neue Pläne und vielleicht auch für Lösungen, die heute noch niemand auf dem Tisch liegen hat.