WHU plant Umzug nach Düsseldorf: Vallendar sucht seine Zukunft ohne die Wirtschaftshochschule
Die Nachricht kam für Vallendar überraschend: Die private Wirtschaftshochschule WHU will ihren Hauptstandort bis 2034 nach Düsseldorf verlegen. In der Stadt sorgt das für anhaltende Diskussionen – und für ein mulmiges Gefühl bei vielen, die seit Jahren mit der Hochschule leben, arbeiten oder studieren.
Stadtbürgermeister Wolfgang Heitmann sagt, die Entwicklung sei für ihn neu und von großer Bedeutung. Dass er von der weitreichenden Entscheidung erst aus der Presse erfahren habe, kritisiert der SPD-Politiker deutlich. Die WHU ist seit mehr als 40 Jahren mit Vallendar verbunden und hat die Stadt international bekannt gemacht.
Ein Campus prägt eine ganze Stadt
Die beiden bestehenden Campus in Vallendar und Düsseldorf sollen zunächst weiter betrieben werden. Bis 2034 ist jedoch ein neuer gemeinsamer Campus im Düsseldorfer Medienhafen geplant. Wie viel das Vorhaben kosten soll, ist noch nicht bekannt. Die WHU begründet die Bündelung mit Düsseldorfs Lage in einer wirtschaftsstarken europäischen Region. Der Düsseldorfer Standort sei seit seiner Eröffnung im Jahr 2010 kontinuierlich gewachsen; der Umzug sei deshalb ein logischer Schritt.
Für Vallendar geht es um weit mehr als um Hörsäle und Büros. Studierende, Beschäftigte und Gäste der Hochschule prägen seit Jahren das Stadtbild, mieten Wohnungen, kaufen ein, gehen essen und füllen Cafés und Straßen. Nach Heitmanns Einschätzung könnte die Stadt wichtige Impulse für den Wohnungsmarkt, den Einzelhandel, die Gastronomie und die örtliche Wirtschaft verlieren. Auch die künftige Nutzung zahlreicher Gebäude, die bislang von der WHU genutzt werden, ist offen.
Derzeit studieren rund 2.100 Menschen an der WHU. Die Hochschule bietet Bachelor- und Masterprogramme in International Business Administration und Management an. Wer sein Studium in Vallendar begonnen hat, soll es dort auch abschließen können. Die WHU erklärt außerdem, frühere Verlagerungen einzelner Studienprogramme nach Düsseldorf hätten den Studienalltag nicht beeinträchtigt.
Gegründet wurde die Hochschule 1984 in Vallendar als Wissenschaftliche Hochschule für Unternehmensführung. 1993 erhielt sie den Zusatz „Otto Beisheim“ – nach ihrem langjährigen Förderer und Mitgründer des Metro-Konzerns. Aus der WHU gingen unter anderem die Start-ups Zalando, Flixbus und Hellofresh hervor.
Viele Gespräche, viele offene Fragen
Heitmann will die Entwicklung aktiv begleiten und die Interessen der Stadt frühzeitig vertreten. Gespräche hat er mit der WHU, der Verbandsgemeindeverwaltung, der Wirtschaftsförderungsgesellschaft des Landkreises Mayen-Koblenz sowie mit Vertreterinnen und Vertretern auf Bundes- und Landesebene eingeleitet.
Im Mittelpunkt stehen die wirtschaftliche Bedeutung der WHU für Vallendar, bestehende vertragliche Verpflichtungen und mögliche Perspektiven für freiwerdende Immobilien. Nach Angaben des Bürgermeisters sind noch zahlreiche Fragen offen. Zunächst sollen Informationen gesammelt und die Folgen bewertet werden – keine kleine Aufgabe, wenn Wohnraum, Arbeitsplätze, Geschäfte und ganze Gebäudekomplexe mit am Tisch sitzen.
Aus der Bürgerschaft liegt bereits der Vorschlag vor, einen Hochschul- und Weiterbildungscampus mit verschiedenen Partnern zu entwickeln. Heitmann begrüßt die Initiative und ruft weitere Bürgerinnen und Bürger auf, Ideen einzubringen. Gemeinsam mit Stadtrat, Verwaltung, Wirtschaft und interessierten Einwohnerinnen und Einwohnern soll eine langfristige Perspektive entstehen.
Unter dem Arbeitstitel „Vallendar 2034“ sollen Herausforderungen und Chancen systematisch untersucht und konkrete Entwicklungsmöglichkeiten aufgezeigt werden. Dabei geht es neben der Nachnutzung der Gebäude um die Zukunft der Innenstadt, Arbeitsplätze, Wohnraum, Einzelhandel, Gastronomie und die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit der Stadt. Vallendar soll also auch unabhängig von der weiteren Entscheidung der WHU eine langfristige Entwicklungsperspektive erhalten.
Verlust für Rheinland-Pfalz, Gewinn für Düsseldorf?
Der Landrat des Kreises Mayen-Koblenz, Marko Boos (SPD), bezeichnete die Entscheidung als großen Verlust für den Bildungs- und Wirtschaftsstandort Rheinland-Pfalz. Er will mit der WHU über eine langfristige Perspektive oder eine teilweise Bindung an Vallendar sprechen und fordert ein stärkeres Engagement des Landes.
Wissenschaftsminister Clemens Hoch (SPD) bedauerte die Verlegung und verwies auf das internationale Renommee sowie die regionalen Wurzeln der WHU. Das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium bewertet den Schritt zugleich als interne unternehmerische Entscheidung der privaten Hochschule. Gespräche mit dem Land habe es gegeben; konkrete Wünsche, die eine Änderung der Entscheidung hätten bewirken können, habe die WHU jedoch nicht geäußert. Staatliche Zuwendungen vom Land Rheinland-Pfalz erhält die Hochschule nicht.
Die WHU betont trotz des geplanten Umzugs die Bedeutung Vallendars, der Region, ihrer Unternehmen und ihrer Gründungsmitglieder – insbesondere der IHK Koblenz – für die Entwicklung der Hochschule. Der neue, offene Campus im Düsseldorfer Medienhafen soll den Austausch zwischen Studierenden, Beschäftigten, Fakultät und Alumni sowie mit Wissenschaft, Unternehmen, Politik und Gesellschaft fördern.
Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) sieht darin eine Stärkung der internationalen Bedeutung Nordrhein-Westfalens für Spitzenforschung und Unternehmertum. Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) erwartet, dass die Stadt für internationale Studierende, Fachkräfte und Unternehmen attraktiver wird. Für Vallendar klingt das naturgemäß weniger nach Aufbruch als nach einer Rechnung, bei der noch niemand weiß, welche Positionen am Ende stehen.
Heitmann verweist deshalb auf das, was Vallendar auch jenseits der WHU trägt: die lange Stadtgeschichte, die Lage am Rhein, engagierte Vereine, leistungsfähige Unternehmen, die Institutionen Schönstätter und Pallottiner – und die Verbundenheit der Einwohnerinnen und Einwohner mit ihrer Stadt. Der Rhein fließt weiter, die Gespräche beginnen gerade erst.
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