Warum Alkoholverzicht an der Uni Saarland zur Rechtfertigung wird
An der Uni Saarland wirkt der Satz „Ich trinke keinen Alkohol“ oft weniger beiläufig, als er klingt. Eine repräsentative Umfrage der Pronova BKK zeigt: In Deutschland ist Alkoholverzicht häufig erklärungsbedürftig. 42 Prozent der Befragten gaben an, sich schon einmal dafür rechtfertigen zu müssen.
Für die Studie „Alkohol in Alltag, Familie und Beruf“ wurden im Juli und August bundesweit 1.228 Frauen und Männer ab 18 Jahren online repräsentativ befragt. Die Krankenkasse Pronova BKK teilte die Ergebnisse mit. 86 Prozent der Befragten trinken generell Alkohol, 38 Prozent konsumieren mindestens einmal pro Woche alkoholische Getränke. Bei den Männern ist es etwa jeder Zweite, bei den Frauen etwas mehr als jede Vierte.
Wenn der Drink plötzlich eine Erklärung braucht
39 Prozent nannten als Grund, dass Alkohol bei bestimmten Anlässen einfach dazugehöre. Fast jede dritte Person musste sich laut Umfrage schon mehrfach erklären, nachdem sie einen Drink abgelehnt hatte. Gemeinsames Trinken wird häufig als soziales Ritual und Zeichen von Zugehörigkeit verstanden. Wer nicht mitmacht, kann dadurch schnell als jemand wahrgenommen werden, der sich abgrenzt – auch wenn er oder sie nur Wasser im Glas hat.
Die Folgen dieser Trinkkultur zeigen sich nicht nur in unangenehmen Nachfragen. 46 Prozent haben eine Feier oder Party schon einmal vorzeitig verlassen, weil andere Gäste zu betrunken waren. Etwa jede dritte befragte Person wurde nach eigenen Angaben mindestens einmal von einer alkoholisierten Person angegriffen.
Mehr als jede dritte Frau wurde schon von einer alkoholisierten Person sexuell belästigt; bei mehr als der Hälfte dieser Frauen kam dies mehrfach vor. Auch 19 Prozent der männlichen Befragten berichteten von sexueller Belästigung durch alkoholisierte Personen. Da kippt die Stimmung nicht bloß ein bisserl.
Gesundheitsrisiko weit über den Kater hinaus
Der Bundesdrogenbeauftragte Hendrik Streeck hatte wenige Monate zuvor vor den Risiken von Alkohol gewarnt. Laut der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen kann Alkohol unter anderem Krebs begünstigen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen fördern, abhängig machen und Familien belasten. Die DHS rief dazu auf, den eigenen Alkoholkonsum zu hinterfragen, zu reduzieren oder vollständig darauf zu verzichten.
Das Bundesgesundheitsministerium bezeichnet Alkoholkonsum als wesentlichen Risikofaktor für mehr als 200 Erkrankungen. Dazu zählen Krebs-, Leber- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie psychische Beeinträchtigungen. Außerdem steigt das Unfallrisiko.
Wie groß die Belastung ist, zeigen Zahlen aus dem Epidemiologischen Suchtsurvey 2024: 8,6 Millionen Menschen zwischen 18 und 64 Jahren in Deutschland konsumierten riskante Mengen Alkohol. Rund 9,5 Millionen Menschen hatten mindestens eine Episode des Rauschtrinkens. Etwa 2,2 Millionen erfüllten die medizinischen Kriterien einer Alkoholabhängigkeit, rund 1,7 Millionen die Kriterien für Alkoholmissbrauch.
Ein Land mit hohem Konsum
Die aktuellen Empfehlungen der DHS beruhen auf neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Demnach kann jede Form des Alkoholkonsums, auch in geringen Mengen, langfristig gesundheitsschädlich sein; einen risikofreien Alkoholkonsum gibt es nicht.
Nach dem Alkoholatlas 2022 des Deutschen Krebsforschungszentrums starben 2020 in Deutschland rund 14.200 Menschen an Krankheiten, die ausschließlich auf Alkoholkonsum zurückzuführen waren: 10.600 Männer und 3.600 Frauen. Werden Erkrankungen berücksichtigt, bei denen Alkohol ein Mitfaktor ist, liegt die Zahl der alkoholbedingten Todesfälle höher. Nach Daten der „Global Burden of Disease“-Studie starben 2021 in Deutschland rund 47.500 Menschen infolge hohen Alkoholkonsums.
Pro Kopf werden in Deutschland durchschnittlich 10,5 Liter reiner Alkohol pro Jahr konsumiert. Zwar ist der Alkoholkonsum gegenüber den Vorjahren leicht zurückgegangen, international gehört Deutschland weiterhin zu den Ländern mit hohem Alkoholkonsum und liegt im oberen Drittel der Rangliste. In der Gesellschaft besteht zugleich eine weitgehend unkritische Haltung gegenüber Alkohol, was die Umsetzung und Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen erschwert.
Die volkswirtschaftlichen Kosten betragen rund 57 Milliarden Euro jährlich, nach Angaben der DHS aus dem Jahrbuch Sucht 2025. Darin enthalten sind direkte medizinische Kosten sowie indirekte Kosten durch Produktivitätsverluste, vorzeitige Verrentung und Sterblichkeit. Und an der Uni Saarland bleibt bisweilen trotzdem die simple Frage im Raum, warum jemand beim Anstoßen lieber Saft bestellt.
