Karamba Diaby wird Honorarprofessor an der Hochschule Merseburg. Seine Berufungsurkunde für das Fach „Demokratiebildung und interkulturelle Kommunikation“ nahm der promovierte Chemiker und Geoökologe an der Hochschule entgegen. Der Senat hatte seine Berufung am 27. August 2026 beschlossen. Die Ernennungsurkunde übergab ihm die Hochschule vergangene Woche; kommissarischer Rektor ist Heinz-Jürgen Voß.

Mit dem Wintersemester 2026/2027 beginnt Diabys Lehrtätigkeit. Die Hochschule will damit die interkulturelle Kompetenz innerhalb der eigenen Einrichtung und in regionalen Unternehmen stärken. Für Diaby verbindet die neue Aufgabe Wissenschaft, politische Bildung und gesellschaftliche Praxis.

Von der Studienzuweisung zur Professur

Der Kontakt zwischen Diaby und der Hochschule reicht fast 20 Jahre zurück. 2007 wurde er zu einer Kulturtagung eingeladen. Daraus entwickelte sich ein kontinuierlicher wissenschaftlicher und persönlicher Austausch. Nun will er Erfahrungen aus seiner wissenschaftlichen Arbeit, seiner Tätigkeit als Kommunalpolitiker in Halle (Saale), aus drei Wahlperioden im Deutschen Bundestag sowie aus seiner internationalen und zivilgesellschaftlichen Arbeit mit Studierenden teilen. Und er möchte auch von ihnen lernen.

Die Verbindung nach Merseburg hat zudem eine biografische Kurve. Vor rund 40 Jahren erhielt Diaby bereits eine Studienzuweisung dorthin, lehnte sie aber ab. Mitte der 1980er-Jahre war er im Rahmen eines Stipendiums aus dem Senegal in die DDR gekommen. Nach einem Deutschkurs in Leipzig sollte er an der Technischen Hochschule Leuna-Merseburg studieren. Stattdessen führte sein Weg nach Halle.

Karamba Diaby, geboren am 27. November 1961 in Marsassoum im Senegal, studierte von 1982 bis 1984 an der Universität Dakar Biologie und Geologie auf Lehramt. Durch sein politisches Engagement kam er mit dem Weltstudentenbund in Kontakt, der Studienaufenthalte junger Menschen in sozialistischen europäischen Staaten vermittelte. Schließlich erhielt er ein Stipendium für die Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

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Von 1985 bis 1986 absolvierte er einen neunmonatigen Deutschkurs am Herder-Institut der Karl-Marx-Universität Leipzig. Anschließend studierte er von 1986 bis 1991 Chemie in Halle, wo er seine spätere Ehefrau Ute kennenlernte. 1996 wurde er mit einer Dissertation über den Schwermetall- und Nährstoffhaushalt in Halleschen Kleingartenanlagen zum Dr. rer. nat. promoviert.

Kontroverse Diskussionen ausdrücklich erwünscht

Zu Diabys inhaltlichen Schwerpunkten gehören demokratische Resilienz, Diversität, Migration und politische Teilhabe, Antidiskriminierung sowie Empowerment. Ein besonderer Fokus soll auf Ostdeutschland, „Ostdeutsch-Plus“ und den Beziehungen zwischen Afrika und Europa liegen. Zum Start beschäftigt er sich mit „Demokratiebildung und gesellschaftlicher Resilienz – Herausforderungen, Kontroversen und Handlungsmöglichkeiten“.

Demokratiebildung, sagt Diaby, bedeute nicht bloß das Vermitteln von Wissen. Dazu gehörten Fragen, Widerspruch, Perspektivwechsel, das Aushalten von Unterschieden und die gemeinsame Suche nach Lösungen. Demokratiebildung und interkulturelle Kommunikation seien für ihn eng miteinander verbunden. In seinen Veranstaltungen plant er ausdrücklich kontroverse Diskussionen und den Austausch unterschiedlicher Perspektiven. Das kann anstrengend werden. Aber eben auch produktiv.

Mehrere Kommentierende gratulierten ihm zur Berufung und wünschten Erfolg. Einer fragte nach dem Termin der ersten Vorlesung oder des ersten Seminars. José Andriamiharijao Solofoharijao aus Madagaskar lud Diaby außerdem zu einer Konferenz über Demokratie und sozialen Humanismus in Madagaskar ein.

Zwischen Halle, Parlament und Zivilgesellschaft

Diaby war zwölf Jahre Mitglied des Deutschen Bundestags und gehört von 2013 bis 2025 dem Parlament an. Bei der Bundestagswahl 2013 erhielt er im Wahlkreis Halle 23,34 Prozent der Erststimmen und unterlag Christoph Bergner (CDU, 36,29 Prozent) und Petra Sitte (Die Linke, 25,51 Prozent). Über Platz drei der SPD-Landesliste Sachsen-Anhalt zog er dennoch in den Bundestag ein. Gemeinsam mit Charles M. Huber (CDU) gehörte er zu den ersten afrodeutschen Bundestagsmitgliedern – nicht allerdings zum ersten in Afrika geborenen Bundestagsabgeordneten. Als Beispiel gilt Kai-Uwe von Hassel, der 1913 in Deutsch-Ostafrika geboren wurde und ab 1953 dem Bundestag angehörte.

2017 unterlag Diaby im Wahlkreis mit 21,3 Prozent der Erststimmen Christoph Bernstiel (CDU, 27,1 Prozent), lag aber vor Petra Sitte (20,3 Prozent) und zog erneut über Platz drei der SPD-Landesliste ein. 2021 gewann er erstmals das Direktmandat in Halle: 28,8 Prozent der Erststimmen entfielen auf ihn, 20,7 Prozent auf Bernstiel. Im Juli 2024 kündigte Diaby an, bei der Bundestagswahl 2025 nicht erneut zu kandidieren.

Im Parlament arbeitete er unter anderem im Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe, im Bildungsausschuss, im Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, im Auswärtigen Ausschuss sowie im Unterausschuss Globale Gesundheit. Er war Mitglied im Kuratorium der Bundeszentrale für politische Bildung, Vorsitzender der Parlamentariergruppe Westafrika und gehörte seit 2019 der Deutsch-Französischen Parlamentarischen Versammlung an. Bei den Koalitionsverhandlungen zur 20. Wahlperiode 2021 saß er im SPD-Verhandlungsteam für Gleichstellung und Vielfalt.

Seine politische Laufbahn hatte in Halle begonnen. 2008 trat Diaby der SPD bei, 2009 wurde er in den Stadtrat gewählt. Dort arbeitete er unter anderem im Ausschuss für Ordnung und Umweltangelegenheiten sowie im Bildungsausschuss; im November 2015 gab er sein Ratsmandat aus zeitlichen Gründen auf. Zuvor, 2011, war er als Referent in das Ministerium für Arbeit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt gewechselt.

Schon früh engagierte er sich im Schülerrat und war während des Studiums in Halle Sprecher der internationalen Studenten. Später wurde er in den Ausländerbeirat von Halle gewählt und Bundesvorsitzender des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats. Seit Mitte der 1990er Jahre arbeitete er in sozialen Projekten mit den Schwerpunkten Bildung und Integration. Im Januar 2002 empfing ihn Bundespräsident Johannes Rau wegen seines Engagements für die Verständigung zwischen Migranten und Deutschen.

Unter Druck – und weiter im Gespräch

Diaby wandte sich stets dagegen, seine politische Arbeit auf Hautfarbe oder Integrationsthemen zu reduzieren. Im Stadtrat und im Bundestag befasste er sich auch mit Umwelt und Bildung. Als Vorsitzender des Bundeszuwanderungs- und Integrationsrats forderte er im Mai 2011 eine stärkere strafrechtliche Verfolgung rassistischer Propaganda und eine Verschärfung von §130 StGB. Anlass waren unter anderem das 2010 erschienene Buch „Deutschland schafft sich ab“ und Äußerungen Thilo Sarrazins.

Nach einem Telefoninterview mit der „Jungen Freiheit“ erhielt Diaby etwa 400 E-Mails, Dutzende Drohbriefe und Morddrohungen; der Staatsschutz ermittelte. Ein Foto, das ihn in einem westafrikanischen Grand Boubou zeigte, führte dazu, dass er das Kleidungsstück später nicht mehr öffentlich trug. 2017 erstattete er Anzeige gegen einen NPD-Facebookbeitrag und rassistische Kommentare zu einem Wahlkampfplakat mit seinem Bild. Racial Profiling bezeichnete er als rassistisch und forderte ein gesetzliches Verbot sowie zivilgesellschaftliches Einschreiten gegen solche Kontrollen.

Im Januar 2020 wurde auf sein Wahlkreisbüro in Halle geschossen, zugleich erhielt er eine schriftliche Todesdrohung. Die Staatsanwaltschaft ging im Juni 2021 nicht davon aus, dass die Schüsse gezielt Diaby oder seinem Büro gegolten hatten. Am 3. Mai 2023 wurde ein Brandanschlag auf sein Büro verübt; es entstand erheblicher Sachschaden, ein mutmaßlicher Täter wurde vor Ort festgenommen. 2026 wurde Diaby von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier der Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland zuerkannt.

Geboren wurde Diaby als jüngstes von vier Geschwistern in der senegalesischen Region Casamance. Seine Mutter starb drei Monate nach seiner Geburt, sein Vater, als Diaby sieben Jahre alt war. Danach nahmen ihn seine 17 Jahre ältere Schwester und deren Ehemann auf. Mit 13 Jahren besuchte er