200 Jahre Marks-Haindorf-Stiftung: Jüdische Bildungsgeschichte in Münster
Am 15. und 16. Oktober 2026 wird der Senatssaal der Universität Münster zum Ausgangspunkt einer Reise durch 200 Jahre jüdische Bildungs- und Emanzipationsgeschichte. Die öffentliche Tagung „200 Jahre Emanzipation durch Bildung – Alexander Haindorf und seine Vision“ rückt einen Mann ins Zentrum, der Arzt, Pädagoge, Kunstsammler und Bildungsreformer war.
Alexander Haindorf gründete in Münster einen Verein, aus dem eine Schule, ein Lehrerseminar und die Förderung jüdischer Handwerksausbildung hervorgingen. Die Tagung fragt dabei nicht nur nach seiner Zeit und seinen Ideen, sondern auch danach, wie Menschen dazugehören können, ohne ihre Unterschiede aufgeben zu müssen. Ein Thema, das keineswegs im Museum verstaubt.
Schule, Handwerk und eine weitreichende Idee
Am 17. Oktober 1825 reichte Haindorf die Vereinsstatuten bei der Bezirksregierung Münster ein. Die Genehmigung folgte am 17. November, am 28. November 1825 wurde die Marks-Haindorf-Stiftung als Verein gegründet. Ihr Ziel: eine Schule für arme und verwaiste Kinder, die Ausbildung jüdischer Schullehrer und die Förderung jüdischer Handwerke.
Geplant waren kostenloser Unterricht, die Ausbildung künftiger Schullehrer und bessere Chancen für jüdische Jugendliche in Handwerksberufen. Dazu kamen größere Ziele: die Verbesserung des jüdischen Bildungswesens in Westfalen, die bürgerliche und staatsrechtliche Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung sowie allgemeine Menschenbildung. Haindorf orientierte sich an der Reformbewegung des Philanthropismus und gilt als früher Vertreter des Reformjudentums.
Im Frühjahr 1826 öffnete die jüdische Elementarschule am Kanonengraben. Aufgenommen wurden Kinder verschiedener Glaubensrichtungen und sozialer Schichten. Jüdische und christliche Lehrkräfte unterrichteten gemeinsam, die Unterrichtssprache war Deutsch. Jüdischer, protestantischer und katholischer Religionsunterricht fand getrennt statt; Hebräisch konnte als Wahlfach belegt werden. Haindorf verband die Pflege der jeweiligen Religion mit gegenseitigem Respekt.
1826 schlug Oberpräsident Ludwig von Vincke vor, den Verein auf die Rheinprovinz auszuweiten. Er erhielt den Namen „Verein für Westfalen und Rheinprovinz zur Bildung von Elementar-Lehrern und Beförderung von Handwerkern unter den Juden“. Als private Initiative durfte der Verein zunächst keine öffentlichen oder privaten Spenden annehmen. Haindorf bemühte sich deshalb zehn Jahre lang um die staatliche Anerkennung der Schule.
1839 kam sie – unter anderem durch eine Spende von 25.000 Talern von Elias Marks. Nun war die Schule als jüdische Schule eingetragen und durfte keine Schüler anderer Konfessionen mehr aufnehmen. Laut einem Bericht der Bezirksregierung Münster war sie bereits 1830, ein Jahr nach ihrer Gründung, die bedeutendste israelitische Schule im Münsterland. Schritt für Schritt entwickelte sie sich zu einer Mittelschule beziehungsweise höheren Stadtschule. In der aufgeklärten christlichen Bürgerschaft Münsters genoss sie wegen ihres überdurchschnittlichen Bildungsstandards einen guten Ruf.
Auch die Lehrkräfte hatten vergleichsweise sichere Stellen, weil der Schulbetrieb nicht unmittelbar vom Gemeindeleben, sondern von privaten Geldgebern abhängig war. Zu den Schülern gehörte Salomon Blumenau. 1862 starb Alexander Haindorf, sein Schwiegersohn Jakob Loeb übernahm den Vereinsvorsitz. Vier Jahre später wandelte Loeb den Verein in eine Körperschaft öffentlichen Rechts um: die Marks-Haindorf’sche Stiftung.
Vom Lehrerseminar zur Erinnerung an Verfolgung
Jakob Loewenberg besuchte von 1870 bis 1873 das Lehrerseminar der Stiftung. Später verbreitete er deren Verbindung jüdischer Tradition mit preußischer Königstreue und deutschem Patriotismus. 1878 begann Felix Coblenz seine Lehrerausbildung am Seminar. Von 1900 bis 1911 leitete Meier Spanier die Einrichtung.
Die Seminaristen durften kostenlos den Münsterschen Zoo besuchen. Möglich machte das die Freundschaft zwischen dem ehemaligen Schüler und Kaufmann Eli Marcus und dem Zoodirektor Hermann Landois – ein kleines Detail, das die Geschichte plötzlich ziemlich nahbar macht. Ein Gutachten des Oberpräsidiums bescheinigte der Schule 1905 einen „guten Geist“ und die Erziehung zu nationaler und patriotischer Gesinnung.
1901 wurde die Vermittlung von Handwerkslehrstellen eingestellt, weil Naturwissenschaften und Technik an Bedeutung gewannen. Gleichzeitig wuchs die jüdische Gemeinde Münsters und damit die Schülerzahl. Die Zeit des Deutschen Kaiserreichs war die letzte Blütezeit der Elementarschule, während der Reformjudaismus um 1900 deutschlandweit an Bedeutung gewann.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs meldeten sich die vier Seminaristen der letzten Klasse freiwillig zum Militär. Zwei wurden zunächst dem Metzer Infanterieregiment Nr. 67 beziehungsweise dem 8. Husarenregiment in Paderborn zugeteilt, die beiden anderen sollten kurz darauf einberufen werden. Eltern und Schüler beteiligten sich mit insgesamt 309.800 Mark an Kriegsanleihen. Bei rund 50 Schülern entsprach das etwa 2,5 Prozent der gesamten Kriegsanleihen Münsters.
1926 wurde das Lehrerseminar aufgelöst. 1933 fielen sämtliche städtischen Zuschüsse weg. Während der Novemberpogrome 1938 kam es in den Räumen der Stiftung zu vandalistisch-antisemitischen Ausschreitungen. Am 17. Dezember 1938 wurden staatliche Subventionen ersatzlos gestrichen.
Ab 1939 diente das Gebäude als eines von 14 Münsterschen „Judenhäusern“. Jüdinnen und Juden wurden dort vor ihrer Deportation in Vernichtungslager zwangsweise untergebracht. 1940 endete die Stiftung durch ihre Zwangsüberführung in die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland.
Das Schulgebäude am Kanonengraben überstand den Zweiten Weltkrieg und den antisemitischen Terror. Von 1949 bis 1960 wurde es als jüdisches Gemeindezentrum genutzt, bis die Münsteraner Synagoge neu gebaut war. Heute erinnert eine Informationstafel am Gebäude an die Stiftung. Das Jüdische Museum Westfalen erwähnt sie im Zusammenhang mit dem Wirken Alexander Haindorfs; in unmittelbarer Nähe liegt außerdem die Marks-Haindorf-Stiege.
Tagung mit Ortsbegehungen und Konzertlesung
Bei der Universitätstagung geht es um Haindorfs Leben und seine Zeit, seine Bildungsvision, die Geschichte der Marks-Haindorf-Stiftung und ihres Hauses am Kanonengraben. Das Gebäude erscheint dabei als Ort jüdischer Bildungs-, Verfolgungs- und Erinnerungsgeschichte. Ebenso auf dem Programm stehen Haindorfs Tätigkeit als Sammler und Stifter sowie die Bedeutung interkultureller Bildung in der Gegenwart.
Ortsbegehungen und eine Konzertlesung ergänzen das Programm. Am 15. Oktober beginnt um 19:30 Uhr im LWL-Museum für Kunst und Kultur am Domplatz 10 der Konzertabend „Nachgetragene Ehrung für Alexander Haindorf“. Musik, Schauspiel und Geschichte greifen ineinander.
Das Ensemble „Mendels Töchter“ interpretiert synagogale Lieder des Komponisten Erich Mendel, der am Marks-Haindorf’schen Lehrerseminar ausgebildet wurde. Der Schauspieler Jonas Riemer stellt Alexander Haindorf dar und lässt ihn mit seinen Ideen, Hoffnungen und Widersprüchen zu Wort kommen. Der Eintritt ist frei, eine Anmeldung für den Konzertabend ist nicht erforderlich.
Für die Tagung selbst ist eine Anmeldung nötig: https://www.uni-muenster.de/Rektorat/haindorf2026.html. Veranstaltungsort ist der Senatssaal der Universität Münster, Schlossplatz 2.
Quellen, die weiterführen
Wer nach der Tagung tiefer in die jüdische Geschichte Westfalens einsteigen möchte, findet beim Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, ein sachthematisches Online-Inventar. Es erfasst Akten und Karten der Abteilung Westfalen und listet sämtliche Bestände auf, in denen sich Bezüge zur jüdischen Geschichte finden lassen.
Das Inventar ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung von Ursula Schnorbus’ 1983 erstelltem Verzeichnis „Quellen zur Geschichte der Juden in Westfalen“. Die bibliografische Angabe lautet: Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen (Hg.), Quellen zur Geschichte der Juden in Westfalen. Sachthematisches Online-Inventar zu den Akten und Karten der
