NATO erhält Westfälischen Friedenspreis in Münster – zwischen Solidarität und Protest
Heute, am 1. Oktober 2026, ist Münster Schauplatz einer Preisverleihung mit großer politischer Fallhöhe: Die NATO erhält den diesjährigen Westfälischen Friedenspreis. NATO-Generalsekretär Mark Rutte nahm die Auszeichnung im Rathaus entgegen. Verliehen wird der Internationale Preis des Westfälischen Friedens seit 1998 alle zwei Jahre von der Wirtschaftlichen Gesellschaft für Westfalen und Lippe.
Auch an der Uni Münster dürfte der Termin Gesprächsthema sein. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) würdigte in seiner Laudatio die Rolle des Bündnisses. Dessen Eintracht und Stärke hätten seit 1949 maßgeblich dazu beigetragen, einen Krieg mit Russland zu verhindern. Die NATO sei ein Beispiel dafür, dass sich Geschlossenheit bewähre.
Merz warnt vor Spaltung und neuer Eskalation
Merz betonte Deutschlands Verantwortung, die Ukraine angesichts der anhaltenden russischen Angriffe zu unterstützen. „Wanken wir in Deutschland, dann wankt Europa. Wankt Europa, dann wankt auch die Ukraine“, sagte der Kanzler. Zugleich warnte er vor russischen Versuchen, die deutsche Gesellschaft wegen der Ukraine-Unterstützung zu spalten.
Als Beispiele nannte Merz hybride Angriffe, von Moskauer Bots gesteuerte Hetze in sozialen Medien sowie Parolen der AfD und ihrer „russischen Hintermänner“. Den Vorwurf, die Ukraine-Hilfen gingen zulasten des Wohlstands in Deutschland, wies er zurück. Die Unterstützung sei kein Selbstzweck, sondern solle vor allem die Freiheit und Sicherheit der Menschen in Deutschland schützen.
Werde Russland nicht aufgehalten, könne sich die russische Kriegsmaschinerie später gegen Deutschland oder die NATO richten, sagte Merz. Das Baltikum könne zum Schlachtfeld werden, russische Raketen könnten weitere europäische Großstädte treffen. Auch Deutschland könnte wieder direkt unter den Folgen eines Krieges leiden. Diese Entwicklung zu verhindern, bezeichnete der Kanzler als „dringlichste europäische und transatlantische Verantwortung“.
Die NATO müsse Russland aus einer Position der Stärke zu Verhandlungen bewegen, so Merz. Russland verfolge derzeit eine revisionistische und imperiale Expansionspolitik und respektiere vor allem Stärke. Verhandlungen würden wahrscheinlicher, wenn der Westen geschlossen auftrete. Einen Frieden über die Köpfe der Ukrainer hinweg dürfe es nicht geben.
Deutschland und seine Partner wollten das russische Volk nicht demütigen und den russischen Staat nicht destabilisieren. Russland müsse jedoch den Krieg beenden und hybride Angriffe auf Europa einstellen. Laut Merz habe sich die Geschlossenheit gegenüber Moskau bewährt.
Rutte: „Russland testet Europa“
Vor der Preisverleihung besuchten Merz und Rutte das deutsch-niederländische Korps in Münster. Dort warnten sie vor weiteren Luftraumverletzungen, Sabotageakten und hybriden Angriffen durch Russland. Rutte sagte, Russland teste Europa.
Den Preis nahm der Generalsekretär im Namen der NATO-Soldatinnen und -Soldaten sowie der Beschäftigten entgegen. Sie arbeiteten täglich daran, die Sicherheit von rund einer Milliarde Menschen in Europa und Nordamerika zu gewährleisten. Das sei ein langfristiges Vorhaben, erklärte Rutte.
In seiner Rede unterstützte er eine Fortsetzung der Ukraine-Hilfen. Die NATO sei gut aufgestellt, um jeden Zentimeter ihres Territoriums zu verteidigen, und wolle weiter in ihre Verteidigungsfähigkeit investieren. Wladimir Putin wolle einschüchtern, werde damit aber nicht erfolgreich sein. Die Antwort müsse eine noch stärkere Unterstützung der Ukraine sein.
Ausgezeichnet wurde die NATO für ihre kontinuierliche Friedensarbeit, die Verlässlichkeit, Partnerschaft und Stabilität ermöglichen solle. Das Preisgeld beträgt 100.000 Euro und geht an eine gemeinnützige Organisation in der Ukraine.
Zusätzlich erhielt die kirchliche Friedensinitiative „socioMovens“ den Jugendpreis für Projekte mit jungen Menschen in Mittel- und Osteuropa. Die Stiftung aus Dortmund arbeitet damit an einem Feld, das im großen sicherheitspolitischen Getöse leicht untergeht: an Begegnungen, Bildung und Zusammenarbeit junger Menschen.
Preis mit Protesten und eigener Gegenveranstaltung
Ganz geräuschlos blieb die Verleihung nicht. Mehrere Friedensgruppen demonstrierten in Münster gegen die Preisvergabe an die NATO. Ein Verein gründete außerdem einen „Alternativen Westfälischen Friedenspreis“. Erster Preisträger ist das Kriegsdienstverweigerer-Netzwerk „Connection“ aus Offenbach.
Der Preis erinnert an den Westfälischen Frieden von 1648, der in den Rathäusern von Münster und Osnabrück geschlossen wurde. Zu den früheren Preisträgern zählen unter anderem Václav Havel, Kofi Annan und Emmanuel Macron. Der diesjährige Termin verbindet diese historische Erinnerung mit einer Gegenwart, in der das Wort Frieden wieder mitten in einer militärischen Debatte steht.
Was die NATO heute leisten soll
Die NATO wurde am 4. April 1949 als Reaktion auf die Machtkonsolidierung der Sowjetunion in Osteuropa und deren Druck auf weitere europäische Staaten gegründet. Westeuropäische Staaten fürchteten zunächst eher eine sowjetische „indirekte Aggression“ als einen direkten militärischen Angriff. Nach dem Krieg waren ihre Volkswirtschaften geschwächt, zugleich bestand ein militärisches Ungleichgewicht gegenüber der Sowjetunion.
Die ursprüngliche Aufgabe bestand deshalb vor allem darin, amerikanische politische und militärische Hilfe zur europäischen Selbsthilfe zu organisieren. Parallel sollte der Marshall-Plan die wirtschaftliche Schwäche Europas verringern. Mit dem Beginn des Koreakriegs 1950 wurde die militärische Bedrohung in Europa als akut wahrgenommen; die kollektive Verteidigung rückte ins Zentrum.
Artikel 5 verpflichtet die Mitgliedstaaten, einen bewaffneten Angriff gegen ein Mitglied als Angriff gegen alle zu behandeln und Beistand zu leisten. Zur NATO gehört aber auch kollektive Sicherheit: Selbst als riskant betrachtete Mitgliedstaaten werden eingebunden und innerhalb des Bündnisses kontrolliert, etwa Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg oder die Rivalität zwischen Griechenland und der Türkei. Gemeinsame Werte wie Demokratie, individuelle Freiheit und Rechtsstaatlichkeit bilden die Grundlage der Sicherheitsgemeinschaft. Artikel 4 sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitglied Bedrohungen wahrnimmt.
Seit den 1990er Jahren ist der Sicherheitsbegriff breiter geworden. Die NATO befasst sich mit hybriden Bedrohungen, grenzüberschreitendem Terrorismus, Sabotage und Cyberangriffen auf kritische Infrastruktur. Hybride Methoden verbinden häufig verdeckte oder illegitime Mittel wie Desinformation, Cyberangriffe, Sabotage und den Einsatz irregulärer Gruppen. Sie können gesellschaftliche, wirtschaftliche, politische, militärische und technologische Schwachstellen ausnutzen.
Ebenfalls seit den 1990er Jahren gehören Krisenprävention und Krisenmanagement zu den NATO-Aufgaben. Ziel ist, die Auswirkungen gewaltsamer Konflikte in anderen Regionen auf die transatlantische Sicherheit zu begrenzen. Die ISAF-Mission in Afghanistan sollte verhindern, dass terroristische Netzwerke dort Rückzugsräume aufbauen. Die NATO-Erweiterung nach Ost- und Südosteuropa sollte Demokratisierung fördern und Instabilitätsursachen verringern.
Nach dem Zerfall des Warschauer Pakts und der Sowjetunion verlor die kollektive Verteidigung zunächst an Bedeutung. Die integrierte Kommandostruktur wurde verkleinert, die Streitkräfte der Mitgliedstaaten wurden reduziert. Spätestens nach 2001 wurden sie für weltweite „out-of-area“-Einsätze umgebaut. 1999 traten Polen, Ungarn und Tschechien bei; zwischen 2004 und 2009 folgten neun weitere ost- und südosteuropäische Staaten.
Die Erweiterungsbedingungen betonten funktionierende Demokratie und Marktwirtschaft, die faire Behandlung von Minderheiten, die Bereitschaft zur friedlichen Konfliktlösung und die zivile Kontrolle des Militärs. Militärische Kriterien waren nachrangig; erwartet wurde unter anderem die Bereitschaft, zu NATO-Operationen beizutragen. 2002 forderte die NATO von Beitrittskandidaten einen „angemessenen Anteil“ des Bruttoinlandsprodukts für Verteidigung. Daraus entwickelte sich das zunächst unverbindliche Zwei-Prozent-Ziel.
Geografisch rückte die NATO näher an Russland heran, während sie Fähigkeiten der kollektiven Verteidigung zunächst abbaute. Gleichzeitig bemühte sie sich um Kooperation: mit der NATO-Russland-Grundakte von 1997 und dem NATO-Russland-Rat, der Transparenz und Kommunikation verbessern sollte. Beobachter stellten Erfolge bei der Unterstützung demokratischer Reformen in neuen Mitgliedstaaten fest. Schwieriger blieb der offene und konsequente Umgang mit autoritären Entwicklungen in Mitgliedstaaten, etwa
